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"Entsetzlicher Anstieg": Donald Trumps seltsame Einstellung zu Impfungen und Autismus

Donald Trump hat bereits in der Vergangenheit mit Aussagen über Autismus für Schlagzeilen gesorgt. Im Gespräch mit einer Schuldirektorin sprach der US-Präsident das Thema erneut an - und wählte seltsame Worte.

US-Präsident Donald Trump: Verwirrung nicht nur bei den Medien

US-Präsident Donald Trump: Verwirrung nicht nur bei den Medien

Bestimmte Themen scheinen im Weißen Haus Chefsache zu sein. Das Thema zählt dazu. Bereits in der Vergangenheit hatte sich Trump regelmäßig über die Entwicklungsstörung geäußert - wenn auch noch nicht in der Rolle des US-Präsidenten. Doch auch in seiner neuen Funktion scheint ihn das Thema weiterhin zu beschäftigen. Auf einer Sitzung mit Lehrern und Schulvertretern im Weißen Haus vergangene Woche machte er die Erkrankung überraschend zum Thema - und präsentierte eine eigenwillige Interpretation von Fallzahlen.

Ursprünglich wollte Trump mit Bildungsministerin Betsy DeVos und Lehrer-Vertretern aus den USA über Bildungsthemen diskutieren. Im Zentrum des Gesprächs: die Frage, wie die bestmögliche Ausbildung erhalten können. Als eine Direktorin aus Virginia erzählte, dass sie an ihrer Schule Kinder mit Autismus unterrichte, wechselte Trump plötzlich das Thema. "Haben Sie einen großen Anstieg bei Autismus festgestellt, bei den Kindern?", hakt er interessiert nach. Die Direktorin bejaht und erklärt, dass sich die Schule in jüngster Zeit auf autistische Kinder spezialisiert habe. 

"Was ist das mit diesem Autismus?", fragt er wieder an die Direktorin gewandt. "Wenn man sich diesen gewaltigen Anstieg vor Augen führt, dann ist das...dann ist das so eine unglaubliche...dann ist das so eine entsetzliche Sache. Diese enorme Zunahme. Haben Sie eine Idee? Und Sie sehen das an Ihrer Schule?" Die Direktorin zögert zunächst und sagt dann: "Nun, ja, die Statistiken belaufen sich meines Wissen nach auf eines von 66, eines von 68 Kindern, das eine Autismus-Diagnose erhält."


Die Zahlen, auf die sich die Lehrerin beruft, stammen von der US-Gesundheitsbehörde "Centers for Disease Control and Prevention" (CDC). Die Behörde verzeichnete in den Jahren zwischen 2000 und 2012 einen leichten Anstieg der Autismus-Diagnosen bei Kindern in den USA. Während 2000 eines von 150 Kindern betroffen war, ist es mittlerweile eines von 68 Kindern. Damit erhalten etwa 1,5 Prozent aller US-amerikanischen Kinder die Diagnose Autismus. So schlimm das auch sein mag - "entsetzliche" Zahlen sehen anders aus.

"Was genau Trump mit einem 'gewaltigen Anstieg' meint, bleibt ungewiss", erklärt Friedrich Nolte, Fachreferent beim Bundesverband Autismus Deutschland auf Anfrage des stern. Seiner Meinung nach beruht die Zunahme der Autismus-Diagnosen nicht zwingend auf einer Zunahme der Fälle - was Trump suggeriert - sondern auf einer erhöhten Aufmerksamkeit dem Thema gegenüber. "Die Diagnose hat sich in den letzten Jahren verfeinert, und Ärzte sind eher geneigt, Autismus zu diagnostizieren", erklärt Nolte, der bereits an einem Zentrum für Autismus-Diagnosen in den gearbeitet hat. Hinzu kommt: Ärzte würden zunehmend auch leichtere Autismus-Formen diagnostizieren, damit das Kind entsprechend gefördert werde. "Es kommt mitunter vor, dass Ärzte im Zweifelsfall eine Diagnose stellen, damit das Kind Anrecht auf eine Förderung erhält", so Friedrich Nolte. In Deutschland sind etwa 0,6 bis ein Prozent der Kinder von Autismus betroffen.

Worauf den seiner Meinung nach "gewaltigen Anstieg" zurückführt, bleibt unklar. In der Vergangenheit hatte Trump die Störung jedoch oft in Zusammenhang mit Impfungen gebracht. Dabei kritisierte er in erster Linie kombinierte Impfstoffe. "Ein gesundes junges Kind geht zum Arzt, wird mit einer massiven Ladung Impfstoffe vollgepumpt, fühlt sich nicht gut und verändert sich", schrieb Trump in einem Tweet im März 2014. "AUTISMUS. Es gibt viele vergleichbare Fälle."

Zwei Jahre zuvor war er sogar noch deutlicher geworden: "Die Autismus-Rate geht durch die Decke", twitterte er. Und: "Kombinierte Impfstoffe für kleine Kinder sorgen für den starken Anstieg bei Autismus..."

Mit seinen Worten suggeriert Trump, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen gibt - eine Behauptung, die oft von Impfkritikern angeführt wird. Sie konnte jedoch nie belegt werden.

Die Idee dahinter basiert auf einer Studie des britischen Arztes Andrew Wakefield aus den Neunzigerjahren. Wakefield hatte die These aufgestellt, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus bei Kindern begünstigen könne. Die Publikation sorgte für Furore. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Arzt Gelder von Anwälten erhalten hatte, die Eltern autistischer Kinder vertraten. Sie suchten nach Zusammenhängen zwischen Impfungen und Autismus, um die Hersteller der Präparate verklagen zu können. Die Studie wurde zurückgezogen, Wakefield verlor seine Zulassung als Arzt.

Seitdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Impfungen könnten Autismus begünstigen - auch wenn größere Studien den behaupteten Zusammenhang nie belegen konnten. "Immer wieder ist in den vergangen Jahren darüber gestritten worden, ob Autismus, Diabetes oder selbst Multiple Sklerose durch Impfungen ausgelöst werden könnten", schreibt dazu das Robert Koch-Institut (RKI). "Einen Nachweis dafür gibt es allerdings bis heute nicht."

Es bleibt offen, was Trump mit seinen Äußerungen über horrende Autismus-Raten bezwecken will - zu einer sachlichen Diskussion über das Thema dürfte dieser Angang jedenfalls wenig beitragen. Erst im Januar dieses Jahres war bekannt geworden, dass Trump den Impfkritiker Robert F. Kennedy zum Vorsitzenden einer möglichen Kommission für "Impfsicherheit und wissenschaftliche Integrität" ernennen will. Das Vorhaben hatte für massive Kritik, vor allem von Ärzten, gesorgt.

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