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"Impfbrücken"-Gründer Manuel Hüttel "Keine Dosis soll verderben": Wie eine Software-Lösung Impfstoffreste vor der Tonne retten kann

Manuel Hüttel im Gesspräch
"Uns geht es darum, dass keine Dosis verdirbt und der Impffortschritt schnell vorankommt", sagt Manuel Hüttel, einer von fünf Köpfen hinter der "Impfbrücke".
© Christophe Gateau/ Kai Altwicker / DPA
Deutschland impft gegen Corona, aber es läuft längst nicht überall rund. Der Impffortschritt kommt nur langsam voran, mancherorts stapeln sich die Dosen, drohen zu verderben. Mit der "Impfbrücke" soll das verhindert werden. Der stern hat bei Manuel Hüttel nachgefragt, wie die Software-Lösung funktioniert.

Wir haben zwar nicht viel Corona-Impfstoff,  nicht selten bleiben aber Reste übrig und drohen, im Abfluss zu landen. Da springt schon mal ein Bürgermeister mitsamt Personal ein.  Was denken Sie, Herr Hüttel, wenn Sie von so einem  Fall wie in Halle geschehen hören?  

Ich möchte niemandem eine böse Absicht unterstellen. Wenn es wirklich so war, dass sie alles probiert haben und niemanden auf die Schnelle mobilisieren konnten, dann ist es doch gut, dass der Impfstoff genutzt wurde und nicht weggeschmissen werden musste. Haben sie sich allerdings unrechtmäßig vorgedrängelt, dann wäre das schon scheiße.

Sie haben die "Impfbrücke" entwickelt. Eine Software-Lösung für Impfzentren,  die dafür sorgen soll, dass kein Impfstoff mehr in der Tonne  landet. Wie kamen Sie auf die Idee?  

Durch  meine Freundin, welche Ärztin ist und selbst spontan mit Restimpfstoff geimpft wurde. Dadurch kam die Frage auf, was passiert, wenn das Krankenhaus keine Impfwilligen mehr zur Verfügung hat. Da habe ich mir gedacht, eine zentrale Telefonliste, die der Computer abarbeitet, wäre hilfreich.

Und nach nur drei Wochen war die "Impfbrücke" einsatzbereit …  

Das ist kein Hexenwerk. Wir greifen dabei auf Lösungen zurück, die es schon gibt. Letztlich geht es nur darum, diese richtig zusammenzuführen.  

Wäre  das Aufstellen einer solchen Software-Lösung  nicht Aufgabe der Regierung gewesen?  

Dazu möchte ich mich nicht äußern.  

Wie funktioniert die "Impfbrücke"?  

Die "Impfbrücke" ist ein Tool für Impfzentren, das unabhängig von den jeweiligen Portalen zur Impftermin-Vergabe eingesetzt werden kann. Die nötigen Daten werden über Excel-Tabellen importiert. Dabei beschränken wir uns  auf sehr wenige Daten: die Mobilnummer und die Impfgruppe.  Das System wählt nach dem Zufallsprinzip  aus, benachrichtigt werden die Impfwilligen per SMS. Der Arbeitsaufwand ist sehr gering. 

Pirmin Straub und Manuel Hüttel
Pirmin Straub (links) und Manuel Hüttel vom Start-up Lit Labs haben gemeinsam mit drei anderen eine Software-Lösung entwickelt, die helfen soll, spontan Impfwillige zu kontaktieren.
© Kai Altwicker

Wie viel Zeit haben die Impfwilligen, um sich zurückzumelden?  

Grundsätzlich: Je schneller sie antworten, desto besser. Denn wer zuerst reagiert, bekommt den Termin. Das System ist so konzipiert, dass  pro freiem Termin  drei Menschen gleichzeitig angeschrieben werden. Hat in einer gewissen Zeit niemand reagiert, werden drei neue Personen kontaktiert.  

Das klingt simpel. Warum können das die Portale nicht, welche die Länder zur Impfterminvergabe nutzen?  

Ein System, das Impfwillige  per Zufallsprinzip  kontaktiert,  ist nicht zu vergleichen mit einem, das Impftermine vergibt. Das ist wesentlich komplexer. Außerdem ist die Funktion, spontan Impfwillige zu mobilisieren, bei diesen Portalen  gar  nicht vorgesehen.  

Ist  Ihr  System vor Hackern sicher?  

Unhackbar  ist gar nichts. Aber wir haben das System nach bestem Wissen und nach den aktuellen Standards aufgebaut, um Sicherheit zu gewährleisten, damit sich niemand einfach auf die Listen drängelt.  Außerdem arbeiten wir ganz bewusst mit sehr wenigen Daten.  

Die Systematik der Impfbrücke hält sich an die Impf-Prio. Wie schnell könnte das System angepasst werden, beispielsweise, wenn die Prioritäten angepasst würden?  

Wir können schnell Anpassungen vornehmen. Je  weniger Priorisierungsgruppen berücksichtigt werden müssen, desto unkomplizierter  ist die Programmierung.  

In einem Impfzentrum in Duisburg wird der Prototyp bereits genutzt. Wie läuft es dort?  

Bislang recht gut. Ein paar Kleinigkeiten haben wir noch angepasst. Die SMS, mit der wir die Leute kontaktieren, haben wir mehrmals umgeschrieben, die war wohl am Anfang etwas unverständlich. Es kamen dadurch Leute zum Impfzentrum, obwohl sie nicht auf das Angebot geantwortet hatten. Jetzt steht darin, dass der Empfänger die Möglichkeit zur Corona-Impfung hat, der Tag und der Zeitraum sowie die Adresse des Impfzentrums. Außerdem der Hinweis, dass sie bei Zusage mit "JA" antworten und erst zur Impfung kommen sollen, wenn sie daraufhin eine Bestätigung erhalten.   

Wie viele Impfstoffe konnten so bislang "gerettet" werden?  

Da kann ich mich nur auf die Zahlen der Duisburger Stadtsprecherin Anja  Kropke  beziehen. Sie sagte, es handle sich in dem Impfzentrum um etwa 15 Dosen am Tag, die so neu vergeben werden können.  

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Zuletzt blieb vor allem AstraZeneca-Impfstoff liegen. Einmal, weil es bisher nicht an die Ältesten  verimpft  wird, aber auch, weil einige dem Vakzin skeptisch gegenüberstehen.  Schicken Sie den Impfwilligen die Info mit, welcher Impfstoff übriggeblieben ist?  

Nein, wir schicken diese Information nicht mit. Wir machen keine Unterschiede zwischen den Impfstoffen. Wieso auch?  Die sind alle zugelassen und wirksam.  Uns geht es darum, dass keine Dosis  verdirbt und der Impffortschritt schnell vorankommt.  

Ab  wann kann das System auch von anderen Impfzentren genutzt werden?  

Ab kommende  Woche. Wir müssen noch einmal eine Grundreinigung machen, etwas aufräumen, dann könnte es losgehen.  

Könnte? Sie sind doch sicher von den Impfzentren mit Anfragen überhäuft worden?     

Bislang haben sich leider noch nicht so viele gemeldet. Ich denke, viele wollten erst einmal abwarten, wie der Testlauf läuft.  Aber ein paar Anfragen haben wir mittlerweile vorliegen.


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