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Verdachtsfälle: "Norwegische Hundekrankheit" in Deutschland? Welche Gefahr von ihr ausgeht

Meldungen über eine tödliche Hundekrankheit in Deutschland, die in Norwegen schon Dutzende Hundeleben forderte, beunruhigen Tierhalter. Was steckt hinter der "Norwegischen Hundekrankheit" – und was müssen Hundebesitzer beachten? stern hat mit der behandelnden Tierärztin gesprochen.

Ein Hund beim Tierarzt (Archivbild)

Ein Hund beim Tierarzt (Archivbild)

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Blutiger Durchfall, Erbrechen – und im schlimmsten Fall sogar der Tod nach nur wenigen Stunden. Das sind Symptome und Ursachen der Krankheit, die schon seit Anfang September in Norwegen grassiert. Bislang sind in dem skandinavischen Land laut der norwegischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, die die Fälle untersucht, 42 Hunde an der "Norwegischen Hundekrankheit" gestorben, mehr als 170 kranke Tiere wurden gemeldet. Der stern berichtete.

Jetzt gab es auch in Deutschland erste Verdachtsfälle, wie der stern auf Anfrage bei den zuständigen Behörden bestätigt bekommen hat. Ende Oktober waren demnach in Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern drei Hunde schwer erkrankt. Alle Tiere starben. Der NDR hatte bereits Ende Oktober über diese Fälle berichtet.

Tierärztin Katharina Wiener aus Boizenburg, die alle Hunde in Behandlung hatte und die außergewöhnlichen Fälle schließlich auch der örtlichen Kreisverwaltung meldete, spricht gegenüber dem stern von einer sehr untypischen Häufung. Bei dem dritten Hund habe man eine Probe entnommen und den Keim isolieren können. Es handele sich um Providencia alcalifaciens. Wiener betont aber, dass man nicht sagen könne, ob das die Ursache der Krankheit sei und dass dieser Keim in sehr vielen Bereichen in der Umwelt vorkomme. So kommt er im Darm von Mensch und Tier vor.

Krankheit nicht übertragbar

Die Hunde wären sehr alt gewesen und hatten auch Vorerkrankungen, erzählt Wiener weiter. Daher habe man bei den ersten beiden Tieren keine genaue Untersuchung vorgenommen. Beim dritten Hund habe man dies wegen der Häufung der Fälle dann aber doch getan und besagten Keim herangezüchtet. Als das Ergebnis feststand, war der Hund allerdings schon beerdigt worden, so dass eine einwandfreie amtliche Bestätigung nicht mehr möglich war. Wiener betont aber, dass die Krankheit nicht von Hund zu Hund übertragbar sei. Dies hätten Proben bei anderen Hunden bestätigt. Auch für den Menschen ist die Krankheit nicht gefährlich.

Andreas Bonin, Pressesprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim, in dem Boizenburg liegt, sagte dem stern, dass man zwar die drei verstorbenen Hunde bestätigen könne, nicht aber den Nachweis, dass es sich tatsächlich um die "Norwegische Hundekrankheit" handele. Nach seinem Kenntnisstand ließe sich eine genauere Untersuchung nicht durchführen, da die Hunde bereits beerdigt waren, als der Landkreis informiert wurde, so Bonin. Dass es sich um die besagte Krankheit handele, sei eine Mutmaßung der Veterinärin gewesen, da die Symptome darauf hindeuteten. 

Exhumierung der Hunde für Untersuchung sinnlos

Eine Exhumierung würde nach seinem Wissen nichts bringen, so Bonin weiter. Die Empfehlung des Kreises ist, bei Auftreten von Symptomen einen Tierarzt zu kontaktieren oder direkt aufzusuchen. Auch Wiener meint, dass eine Exhumierung nichts bringt, da die Proben "frisch" sein müssten, also entweder von einem kranken oder gerade verstorbenen Hund.

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In Norwegen kommen aus dem ganzen Land Meldungen von Krankheitsfällen; zahlreiche Hunderassen – vom Beagle bis zum Yorkshire Terrier – seien betroffen. "Wir wissen derzeit, dass es ein häufiges Muster mit sehr blutigen Darmentzündungen gibt. Bei drei Hunden haben wir zwei Bakterien im Darm nachgewiesen", sagte Jorun Jarp vom Veterinärinstitut bereits im September gegenüber dem norwegischen Rundfunk NRK. Es sei auch bekannt, dass eine der beiden Bakterien Giftstoffe produzieren könne, so Jarp.

Bakterien bei Hunden nachgewiesen

Es handelt sich um die zwei Bakterien Clostridium perfringens und Providencia alcalifaciens. Die genaue Ursache der blutigen Darmkrankheit ist allerdings noch unbekannt. Aber die Bakterien seien ein Ansatz. Das Veterinärinstitut in Norwegen hat 15 tote Hunde obduziert, Providencia alcalifaciens wurde demnach in zwölf Fällen nachgewiesen, Clostridium perfringens bei "mehreren Hunden".

Die norwegische Behörde für Lebensmittelsicherheit sowie das örtliche Veterinärinstitut vermuten, dass die Hundekrankheit "nicht sehr ansteckend sei", heißt es auf der Internetseite der Behörde. Untersuchungen und Nachfragen hätten gezeigt, dass in den meisten Fällen, in denen mehrere Hunde in einer Gruppe lebten, nur ein Hund krank geworden sei. Dies deckt sich mit der Aussage von Katharina Wiener. Das Veterinärinstitut Norwegens halte es für unwahrscheinlich, dass es unter den registrierten Krankheitsfällen einen gemeinsamen Nenner gebe.

Ursache wahrscheinlich "multifaktoriell"

Es wird betont, dass die Entstehung einer Krankheit wahrscheinlich "multifaktoriell" ist. Das bedeutet, dass die Krankheit auf mehrere zusammenfallenden Faktoren zurückzuführen sein könnte, so die Behörde. Das Veterinärinstitut und die Behörde für Lebensmittelsicherheit schließen als mögliche Ursachen unter anderem Coronaviren, EHEC, Salmonellen oder Vergiftung ausgeschlossen werden. Die Liste der weiteren ausgeschlossenen Faktoren ist lang. 

Eine norwegische Tierklinik spricht in einem Facebookpost vom September von "hämorrhagischen Gastroenteritis", etwas, was man "zumindest hier in der Klinik regelmäßig" sehe, meistens im Herbst und wenn es nass sei. Ann Margaret Grøndahl, Abteilungsleiterin der Behörde für Lebensmittelsicherheit, sagte im September gegenüber NRK, dass es in anderen Ländern "ähnliche Episoden" gegeben habe, zum Beispiel in den USA und Dänemark.

Tierärztin rät: Ruhe bewahren! 

Die Lebensmittelsicherheitsbehörde rät Hundehaltern allgemein, zu beurteilen, ob der Hund gesund ist und gegebenenfalls von anderen Hunden fernhalten. Außerdem solle man den Vierbeinern ausreichend frische Luft und Bewegung geben, Hundekot aufsammeln und in Abfallbehältern entsorgen und bei Symptomen einen Tierarzt anrufen oder diesen aufsuchen.

Grundsätzlich sollte man Ruhe bewahren, so die Tierärztin Wiener. Panik sei in diesen Fällen "eine Katastrophe". Sie und viele ihrer Kollegen und Kolleginnen seien hoch sensibilisiert für die diese Krankheit.

Sie rät: Wenn das Tier krank ist, sollte es den Kontakt zu anderen Hunden vermeiden und man sollte darauf achten, dass der Hund nicht unkontrolliert Dinge aufnimmt. Dies seien aber grundsätzliche Ratschläge, ganz unabhängig von der Krankheit wie die Tierärztin betont. Wenn der Hund tatsächlich Symptome wie blutigen Durchfall oder blutiges Erbrechen habe, sollte man diesen einem Tierarzt vorstellen.

Quellen: Landkreis Ludwigslust-Parchim, NRK (1), NRK (2), NRK (3), NDR, Norwegische Behörde für Lebensmittelsicherheit (1), Norwegische Behörde für Lebensmittelsicherheit (2), Norwegische Behörde für Lebensmittelsicherheit (3), Dyrekliniken Sør

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