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Nahrungsmittelallergien: Landkinder sind besser geschützt

Dreck ist gut – zumindest für das Immunsystem. Der frühe Kontakt mit Bakterien wappnet nicht nur gegen Asthma oder Heuschnupfen: Wer auf dem Land aufwächst, erkrankt seltener an Lebensmittelallergien.

Von Lea Wolz

Für Kinder mit Lebensmittelallergie kann schon ein Schluck Milch gefährlich sein

Für Kinder mit Lebensmittelallergie kann schon ein Schluck Milch gefährlich sein

Ein Ei, ein Müsli mit Nüssen oder ein Glas Milch zum Frühstück und schon rötet sich die Haut, Lippen und Gesicht schwellen innerhalb weniger Minuten an. Auch mit Kreislaufbeschwerden, Atemnot oder schlimmstenfalls einem lebensbedrohlichen allergischen Schock kann der Körper reagieren. Solche Extreme sind zwar zum Glück selten, doch bei Kindern zählen Lebensmittelallergien zu den häufigsten allergischen Erkrankungen. Was Forscher nun herausgefunden haben, dürfte besorgte Eltern von allergiegefährdeten Kindern nicht gerade beruhigen – besonders, wenn die Familie in einer Großstadt zu Hause ist.

Demnach leiden Kinder, die in städtischen Gebieten leben, häufiger unter Lebensmittelallergien als ihre Altersgenossen, die auf dem Land aufwachsen. "Wir haben zum ersten Mal nachgewiesen, dass eine größere Bevölkerungsdichte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Nahrungsmittelallergien bei Kindern zusammenhängt", sagt Studienleiterin Ruchi Gupta, Kinderärztin an der Northwestern University in Chicago. "Das zeigt, dass die Umwelt einen Einfluss auf die Entwicklung von Lebensmittelallergien hat." Ihre Ergebnisse wollen die Forscher im Juli im Fachjournal "Clinical Pediatrics" veröffentlichen.

Für die Studie werteten sie die Daten von gut 38.000 Kindern aus, die 18 Jahre und jünger sind. In städtischen Gebieten traten bei 9,8 Prozent der Kinder Lebensmittelallergien auf. Auf dem Land waren 6,2 Prozent betroffen. Ein deutlicher Unterschied zeigte sich bei der Erdnussallergie: Stadtkinder litten darunter mehr als doppelt so häufig wie Landkinder. Von Allergien gegen Meeresfrüchte waren in der Stadt 2,4 Prozent der Kinder betroffen, auf dem Land waren es dagegen nur 0,8 Prozent.

Keimkontakt trainiert Immunsystem

Bei Milch- und Soja-Allergien würden sich keine großen Unterschiede zwischen Stadt und Land zeigen, schreiben die Forscher. Ob jemand in einer Kleinstadt oder auf dem Land wohnte, wirke sich auch nicht aus. Einen Unterschied in Schwere der Allergie fanden die Forscher zudem nicht, die Verläufe ähnelten sich bei Stadt- und Landkindern. Bei 40 Prozent sei es schon einmal zu schweren, lebensbedrohlichen Reaktionen gekommen, schreiben Gupta und ihr Team.

Eins zu eins sind die Daten aus Amerika zwar nicht zu übertragen: Denn ob ein Lebensmittel Allergien auslöst, hängt auch davon ab, wie häufig es verzehrt wird. "Die Erdnussallergie ist zum Beispiel in Amerika häufig, in Deutschland kommt sie dagegen relativ selten vor", sagt Torsten Zuberbier, Leiter der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) und Experte des stern.de-Ratgebers "Allergie". Was schlichtweg daran liegt, dass die Bundesbürger weniger Erdnussbutter essen. Der generelle Trend sei allerdings auch für Deutschland gültig.

"Die Untersuchung bestätigt mit einer großen Fallzahl ältere Studien, die in eine ähnliche Richtung gedeutet haben", sagt Zuberbier. So hätten schon frühere Untersuchungen gezeigt, dass Landkinder etwa seltener unter Asthma, Heuschnupfen oder allergischen Hauterkrankungen litten.

Doch wie genau das zu erklären ist – darüber sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig. Der sogenannten Hygiene-Hypothese zufolge putzen, säubern und desinfizieren wir viel zu viel und geben dem Immunsystem damit nicht die Chance, sich mit den Keimen auseinanderzusetzen. Dieser Keim-Kontakt in der Kindheit wiederum trainiert aber unsere Abwehr, das Immunsystem lernt, die Krankheitserreger zu bekämpfen. Landkinder, die mehr Bakterien ausgesetzt sind, sind hier klar im Vorteil. Sie entwickeln daher auch seltener Allergien.

Feinstaub macht Pollen aggressiv

Daneben könnte aber auch der verkehrsbedingte Feinstaub in den Städten daran schuld sein, dass dort vermehrt Allergien auftreten. "Die Rußpartikel spielen eine Rolle bei der Sensibilisierung gegenüber den Pollen", sagt Zuberbier. "Die winzigen Partikel machen die Pollen gleichsam aggressiver und verstärken daher auch allergische Reaktionen." Doch wie hängt das wiederum mit der überschießenden Reaktion des Immunsystems bei Kontakt mit Lebensmitteln zusammen?

"Viele Nahrungsmittelallergien – zum Beispiel auf Nüsse, Äpfel oder Sellerie etwa - sind Kreuzallergien zu Pollenallergien", sagt Zuberbier. Das liegt daran, dass sich die Allergene sehr ähnlich sind. "Die Eiweiße können bei Nüssen etwa eine ähnliche Struktur haben wie bei Birkenpollen", erklärt der Allergie-Experte.

In den westlichen Industrieländern nimmt die Anzahl der Allergiker seit Jahren zu – Tendenz weiter steigend. Unter Lebensmittelallergien leiden Kinder deutlich häufiger als Erwachsene: bis zu sechs Prozent sind betroffen, bei Erwachsenen sind etwas über zwei Prozent. Kuhmilch, Soja und Hühnerei sind im KIndesalter häufige Auslöser, aber auch Weizen, Nüsse und Fisch können oftmals Probleme bereiten.

Schon Säuglinge können eine Nahrungsmittelallergie entwickeln, am häufigsten entsteht diese aber um das zweite Lebensjahr. Die gute Nachricht: "Viele Nahrungsmittelallergien verschwinden im Kindesalter wieder, wenn das Nahrungsmittel konsequent gemieden wird", sagt Zuberbier.