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Corona-Pandemie Die Zahl der Corona-Neuinfektionen ist nicht die einzige Entwicklung, die Sorgen bereitet

Coronavirus
In Deutschland ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus sprunghaft gestiegen
© Orbon Alija / Getty Images
Das RKI warnt vor einer "unkontrollierten Verbreitung" des Coronavirus in Deutschland, die Neuinfektionszahlen steigen sprunghaft. Zuletzt überschritten Berlin und Frankfurt am Main die Marke von 50 Neuinfektionen pro Woche auf 100.000 Einwohner. Was verraten weitere Werte über die Dynamik des Infektionsgeschehens? Ein Überblick.

Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern bislang gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Ein früher Lockdown und das schrittweise, bedachte Lockern der Maßnahmen dürften einen großen Anteil daran gehabt haben. Unterschiede im Infektionsgeschehen zeigten sich vor allem in den letzten Wochen: Während in Nachbarländern wie Spanien und Frankreich die Neuinfektionszahlen rasant stiegen, verharrte die Lage in Deutschland auf einem vergleichsweise moderatem Niveau. Der Virologe Christian Drosten warnte aber bereits vor Wochen, dass sich die Corona-Lage auch hierzulande wieder zuspitzen könnte. Mit Blick in die Nachbarländer sagte er Mitte September: "Wir machen auch jetzt nicht sehr viele Sachen sehr anders."

Anlass zur Sorge geben nun die Neuinfektionszahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI) gestern und heute veröffentlicht hat: An einem einzelnen Tag (8.10.) meldeten die Gesundheitsämter 4058 neue Fälle in Deutschland, heute erneut 4516 – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den Vortagen. So hatten die Behörden am 7.10. noch 2828 Fälle gezählt. Auch in den Tagen zuvor war die Zahl stets unter der Marke von 3000 Neuinfektionen geblieben. Der aktuelle Wert ist daher ein deutlicher Ausreißer.

Auf der gestrigen Pressekonferenz zeigte sich Gesundheitsminister Jens Spahn "sehr besorgt" über den aktuellen Anstieg. Auch das RKI warnte vor einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus. Es sei "möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin.

Die Infektionszahl ist dabei nicht der einzige Wert, mit dem sich das Infektionsgeschehen in Deutschland abbilden lässt. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle, und diese liefern ebenfalls Hinweise, dass sich die Corona-Situation in Deutschland allmählich zuspitzt. Ein Überblick über drei kritische Entwicklungen.

Immer mehr Testergebnisse fallen positiv aus

Ein Trugschluss in der aktuellen Pandemie ist oft: Wo viel getestet wird, da gibt es auch viele Infektionsfälle. Doch ganz so einfach ist es nicht. Aufschluss über das Infektionsgeschehen liefert die sogenannte Positivenquote. Der Wert gibt an, wie viel Prozent aller Testergebnisse positiv ausfällt.

Die Positivenquote ist im Verlauf der letzten Wochen stetig gestiegen und liegt aktuell bei 1,64 Prozent (Kalenderwoche 40). Zwischen ein und zwei Proben von 100 Tests enthalten damit das Virus. Der Wert ist mehr als doppelt so hoch als noch vor vier Wochen (0,74 Prozent). Die Anzahl der durchgeführten Tests ist während dieses Zeitraums allerdings nicht gestiegen und war sogar leicht rückläufig.

Bemerkenswert ist vor allem die Entwicklung der vergangenen zwei Wochen. Wurden in der 39. Kalenderwoche noch 1.168.390 Tests durchgeführt, waren es in der 40. Kalenderwoche 1.095.858 – ein Minus von rund 72.500 Tests. Gleichzeitig stieg die Positivenquote deutlich an – um 0,42 Prozent auf den aktuellen Wert von 1,64. Das bedeutet: Obwohl weniger Tests durchgeführt wurden, konnte das Virus häufiger nachgewiesen werden. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich der Trend weiter fortsetzt. 

Zuletzt lag die Positivenquote Mitte Mai auf einem ähnlich hohen Niveau. Der Höchstwert von Ende März/Anfang April ist damit aber noch nicht erreicht. Damals konnte das Virus in neun von 100 Proben nachgewiesen werden (9,03 Prozent).

Die Zahl der Infizierten ab 50 Jahren steigt

Trotz der steigenden Neuinfektionszahlen werden laut Situationsbericht des RKI bislang "nur" 487 Covid-19-Patienten in Deutschland intensivmedizinisch behandelt. In der vorherigen Woche waren es noch 373 gewesen – ein Plus von mehr als 100 schwer erkrankten Patienten binnen einer Woche.

Als Grund für die vergleichsweise geringe Belegung von Intensivbetten galt bislang, dass sich in den vergangenen Wochen vor allem jüngere Bevölkerungsgruppen mit dem Virus infiziert hatten, deren Verläufe in der Regel mild sind. Inzwischen steigen aber auch die Fallzahlen in den Altersgruppen ab 50 Jahren wieder stärker an. "Wir bereiten uns darauf vor, auf eine neue Welle an Patienten, die schwer erkrankt sind", sagte die Leiterin der Abteilung Infektiologie des Uniklinikums Gießen, Susanne Herold, bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Jens Spahn in Berlin.

Ein höheres Alter gilt als der größte Risikofaktor für schwere Verläufe. Auch Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen oder Krankenhäusern konnten zuletzt beobachtet werden, heißt es im RKI-Bericht.

R-Wert seit Anfang September über 1

Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Liegt der Wert über 1, legt das Infektionsgeschehen zu – unter 1 nimmt es ab. Vor allem tagesaktuelle Werte können starken Schwankungen unterliegen, zum Beispiel, wenn es lokale größere Ausbrüche gibt, die den R-Wert kurzfristig hochschnellen lassen. Erst über einen längeren Zeitraum betrachtet, ergibt sich ein verlässlicher Trend.

"Die berichteten R-Werte liegen seit Anfang September überwiegend leicht über 1", heißt es in einem Situationsbericht des RKI. Der 7-Tage-R-Wert, der den Zeitraum der zurückliegenden Woche abbildet, liegt bei 1,22. In der Summe nimmt das Infektionsgeschehen daher an Fahrt auf. 

Was bedeutet all das für die kommenden Wochen?

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, wie gut es den Gesundheitsämtern in Deutschland weiterhin gelingen wird, Infektionsketten nachzuverfolgen und lokale Ausbrüche einzudämmen. 

"Wir wissen nicht, wie sich die Lage in Deutschland in den nächsten Wochen entwickeln wird", erklärte RKI-Chef Lothar Wieler am Donnerstag. "Es ist möglich, dass wir mehr als 10.000 neue Fälle pro Tag sehen. Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet." Das Ziel sei nun, so wenig Infektionen wie möglich zuzulassen, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und schwere Verläufe und Todesfälle zu verhindern. Er rief die Bevölkerung auch dazu auf, Abstands- und Hygieneregeln weiterhin einzuhalten.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI)

Anm.d.Red.: Das Stück wurde am 9. Oktober, 10:12 Uhr, mit den neuen Daten des RKI aktualisiert.


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