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Anthropologie: Die Jagd im Kopf: Warum Bewegung klug macht

Unsere Natur verlangt, Körper und Geist gleichermaßen zu fordern. Denn so, glauben US-Forscher, hat sich das Gehirn in Jahrmillionen entwickelt - und bleibt deshalb nur mit Bewegung gesund.

Von Frank Ochmann

Anthropologie: Die Jagd im Kopf

Herausfordernde Strecke, Orientierung im Gelände: Das trainiert Körper und Geist

Die Hadza rennen nicht. Sie laufen zügig, ohne zu hetzen. Das allerdings beinahe vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Ständig ist das Jäger-und-Sammler-Volk aus dem ostafrikanischen auf den Beinen. Junge wie Alte. Die Männer haben es mit Giftpfeilen und Bogen auf Antilopen oder Zebras abgesehen. Oder sie laufen kilometerweit auf der Suche nach wildem Honig. Auch die Frauen ziehen jeden Tag von ihren Grashütten aus über das Land, sammeln Beeren und Früchte. Diese jahrtausendealte Lebensweise entspricht einem Tagespensum von mehr als zwei Stunden "aerobem Training", wie Mediziner und Sportwissenschaftler herausgefunden haben.

"Aerob" sind körperliche Beanspruchungen, bei denen Menschen nicht voll aufdrehen, sondern ihren Organismus nur bis zu etwa 80 Prozent der möglichen Höchstleistung hochfahren. Sie laugen sich nicht aus, sondern bauen sich auf – und sind dabei immer noch "gut bei Luft", wie man "aerob" übersetzen kann. So ist trotz der Anstrengung durchweg eine hinreichende Sauerstoffversorgung der Zellen gewährt. Ausdauer und langfristige Kondition stehen bei solchem Training im Vordergrund, nicht kurzfristige Leistungsausbrüche mit nachfolgender Erschöpfung.

Studien zeigen, wie positiv sich aerobes Training auf die Hirnleistung auswirkt

Den Hadza jedenfalls bekommt ihr Leben in ständiger Bewegung ausgesprochen gut. Bei einer vom US-amerikanischen Anthropologen David Raichlen angeführten und im vergangenen Jahr vorgestellten Untersuchung der University of Arizona ließen sich unter den afrikanischen Jägern und Sammlern nicht die geringsten Anzeichen für Herz-Kreislauf-Risiken finden. Blutdruck, Blutfette und alle anderen getesteten Biomarker waren durchweg im Idealbereich. Keine Spur von "Zivilisationskrankheiten" also. Und der Kopf? Noch ist das Altern des Gehirns bei den Hadza nicht bis ins Detail untersucht. Doch ein Zusammenhang liegt für David Raichlen nahe: "Zahlreiche Studien haben in den letzten zehn Jahren gezeigt, wie positiv sich aerobes Training über die gesamte Lebensspanne eines Menschen auf die Hirnleistung auswirkt."

Bewegung bringt das Hirn in Schwung: Die beiden Köpfe zeigen von oben die Aktivität (blau/grün = wenig, gelb/rot = viel) – links nach 20 Minuten Sitzen, rechts nach 20 Minuten Gehen (University of Illinois, 2009)

Bewegung bringt das Hirn in Schwung: Die beiden Köpfe zeigen von oben die Aktivität (blau/grün = wenig, gelb/rot = viel) – links nach 20 Minuten Sitzen, rechts nach 20 Minuten Gehen (University of Illinois, 2009)

Dass im gesunden Körper ein gesunder Geist sitzt, vermuteten schon die Weisen der Antike. Und mit der modernen Medizin wurde immer deutlicher, wie eng organische Gesundheit und geistige Leistungskraft miteinander verbunden sind. Das gilt auch für die bedrohliche Aussicht auf eine Demenz im Alter. Etliche Risikofaktoren für die Alzheimer'sche Form der Demenz stimmen mit denen für Erkrankungen des Herzens und des Gefäßsystems überein. Auch im Leiden also müssen Körper und Kopf als Einheit verstanden werden. Aber warum ist das so?

Dass körperlich Gesunde auch eher im Oberstübchen gesund sind, mag selbstverständlich klingen. Doch wie genau die Verknüpfungen zwischen physischer und mentaler Leistungsfähigkeit in uns angelegt sind, ist noch weitgehend unverstanden. Die Forschungsergebnisse, wie sie bei den afrikanischen Hadza gewonnen wurden, weisen nun einen vielversprechenden Weg, dieses Rätsel zu lösen. So haben David Raichlen und sein Kollege Gene Alexander, ein Psychologe der University of Arizona, jetzt ein Modell vorgestellt, mit dem sich über den Evolutionsgedanken verstehen lässt, wie Körper und Kopf beim Menschen zur Einheit wurden – und was wir auch heute brauchen, um beide fit zu halten.

Wer als Jäger oder Sammler lebt, ist jeden Tag ganz und gar gefordert

Alles begann vor etwa zwei Millionen Jahren. "Damals wechselte der Lebensstil unserer Vorfahren von einem eher ruhigen, affenähnlichen Verhalten zu dem der Jäger und Sammler", sagt David Raichlen. "Und der ist mit vielen körperlichen Aktivitäten verbunden, ebenso aber mit hohen mentalen Leistungen." Jagdgründe müssen nicht nur auf langen Märschen durchstreift werden. Zugleich müssen Landschaft und Wetter ständig analysiert, Spuren gelesen und passende Pläne geschmiedet werden.

Wer als Jäger oder Sammler lebt, ist jeden Tag ganz und gar gefordert – und das nicht nur körperlich. So entsteht das, was Biologen einen "evolutionären Druck" nennen. Unter diesem Druck verändert eine Art nach und nach ihre Natur, passt sich an, wird fitter für die Umwelt, in der sie bestehen muss. "Ob die Männer auf die Jagd gingen oder die Frauen Früchte sammelten, beide mussten ständig hohe körperliche wie geistige Anforderungen meistern." David Raichlen und Gene Alexander glauben, dass dieser urzeitliche Wechsel zu einem überaus aktiven Lebensstil bis heute in unseren Genen geschrieben steht. Und eben darum brauche das die regelmäßige körperliche Anstrengung, um selbst gesund zu bleiben. Unter dem Druck der Jagd und des mühsamen wie aufmerksamen Sammelns in einem weiten Areal wurde die eine Komponente des menschlichen Organismus damit zur unverzichtbaren Voraussetzung der anderen: Muskeln und Neuronennetze mussten zusammenwirken, wollten fortan gemeinsam beansprucht werden. Verkümmerte die körperliche Leistungsfähigkeit, war es auch mit der geistigen Fitness bald schon nicht mehr weit her.

Als Jäger und Sammler leben die Hadza in Tansania wie unsere frühen Vorfahren

Als Jäger und Sammler leben die Hadza in Tansania wie unsere frühen Vorfahren

Moderne Laboruntersuchungen zeigen, wie das Hirn in Schwung bringen kann. Sogar neue Nervenzellen können sich durch körperliches Training bilden und in die Neuronen-Systeme im Kopf einfügen. Doch nicht alle Studien kommen zu gleichermaßen überzeugenden Resultaten. Mal helfen die Übungen den Probanden, mal nicht. Woran liegt das? David Raichlen glaubt, diese Differenz mit seinem neuen Modell erklären zu können. Es reicht demnach eben nicht, zwar "aerob", dabei aber mit leerem Kopf auf einem Laufband zu traben. Das Gehirn braucht zugleich Futter, Neues, Entdeckungen. Erst die Kombination bringt darum einen Sportler von heute in die Nähe dessen, was Jäger und Sammler schon vor Jahrtausenden leisten mussten und was die Natur des Menschen geformt hat.

Erst vor rund 10.000 Jahren wurde unsere Art sesshaft

Ist damit das Ende der "Gyms" und Muckibuden eingeläutet? Oder müssten diese zumindest ihre Angebote neu ausrichten? "Wir sind mit unserer Forschung noch nicht weit genug gediehen, um schon konkrete Vorschläge machen zu können", räumt Raichlen ein. "Natürlich ist es aus medizinischer Sicht immer richtig, sich zu bewegen. Doch es ist sicher schon jetzt einen Versuch wert, den Kopf mit einzubeziehen und ihm Neues zu bieten."

Neues, das wäre schon der Wechsel der Übungen und Sportarten, glaubt Raichlen, der selbst ein begeisterter Läufer ist. Und selbstverständlich ist Jogging durch das Gelände eine größere Herausforderung für das Gehirn als das Laufen vor immer derselben Wand. "Unser Arbeitsmodell liefert jetzt die Grundlage für detaillierte Studien zu der Frage, wie wir den Effekt des körperlichen Trainings auf das Gehirn weiter steigern können."

Die Felszeichnungen von Jägern aus der Kapregion Südafrikas sind bis zu 6000 Jahre alt

Die Felszeichnungen von Jägern aus der Kapregion Südafrikas sind bis zu 6000 Jahre alt

Dass sich Menschen mit solchen Problemen überhaupt herumschlagen müssen, ist wahrscheinlich Folge eines weiteren fundamentalen Wechsels der menschlichen Lebensweise vor vergleichsweise kurzer Zeit: Erst vor rund 10.000 Jahren wurde unsere Art sesshaft, begann mit der Landwirtschaft und verkürzte so die Wege zur Nahrung dramatisch. Heute reichen ein paar Schritte bis zum Kühlschrank oder zum Supermarkt um die Ecke, um eine unglaubliche Menge an Lebensmitteln vertilgen zu können. Kam also mit Landwirtschaft, mit städtischem Leben und den frühen Hochkulturen auch der gesundheitliche Niedergang des Menschen? "Unsere evolutionäre Ausstattung hat sich seit der Zeit als Jäger und Sammler jedenfalls nicht sehr verändert", sagt Raichlen. "Der evolutionäre Druck war offenbar noch nicht groß genug für eine Anpassung der Gene an den neuen Lebensstil."

Elf Prozent der Pendler erreichten allein durch den Gang zu den Haltestellen ein gesünderes Bewegungspensum

Mit dem müssen wir also vorerst weiter klarkommen. Natürlich ist der Weg zurück zu einer Jäger-und-Sammler-Kultur versperrt. Deren letzte Reste in einem Volk wie den Hadza in Tansania stehen selbst vor dem Aus. Manche pflegen das alte Leben längst nur noch für die Kameras der Touristen.

Doch auch wenn sich für den von der eigenen Zivilisation bedrohten Konsummenschen der Weg zur Nahrung kaum noch evolutionär angemessen verlängern lässt, müssen wir nicht verzweifeln. Denn wir können forschen und lernen und auch die künstliche Trennung zwischen sportlichen Aktivitäten und Alltagsleben ab und zu überwinden. Zum Beispiel, indem wir das Auto stehen lassen und uns mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg zur Arbeit machen. Achten wir dabei interessiert auf Umwelt und Mitmenschen, hat auch das Gehirn etwas Spannendes zu erkunden. Eine Untersuchung der kanadischen McGill University in Montreal zeigte vor wenigen Jahren, welchen eindrucksvollen Effekt der Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr hat: Immerhin elf Prozent der Pendler erreichten allein durch den Gang zu den Haltestellen ein Bewegungspensum, wie es Ärzte heute zum Erhalt der Gesundheit fordern: 150 Minuten aerobes Training pro Woche – in etwa das, was ein Hadza Tag für Tag abläuft.

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