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Hamstern von Medikamenten: Apothekerin über Corona-Angst: "Das war der schlimmste Arbeitstag meines Lebens"

Nach den Supermärkten stürmen die Menschen nun auch die Apotheken. Eine Apothekerin sprach mit dem stern über Engpässe bei Medikamenten, die Angst bei der Arbeit - und darüber, was sie sich von Kunden wünscht.

Wie hat sich Ihr Alltag in den letzten Wochen verändert?

Die Leute rennen uns den Laden ein. Seit letzter Woche wird es immer schlimmer. Ich dachte beim Hype um Masken und Sterillium wären die Leute schon durchgedreht. Aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was seit letzter Woche bei uns los war.

Inwiefern?

Die Kundenzahlen sind exorbitant nach oben gegangen. Am Dienstag hatte ich den schlimmsten Arbeitstag meines Lebens. Ich habe ernsthaft kurz überlegt zu kündigen, weil ich einfach so geschafft war und nur raus wollte. Es gab keinen Moment Pause. Man konnte nicht mal auf Toilette. Meine Kollegin hat irgendwann vor Erschöpfung angefangen zu weinen. Ein Kunde nach dem nächsten, das Telefon steht nicht still und eigentlich müsste man noch die Nachlieferungen einräumen. Dazu kommt man aber gar nicht.

Also genau das, was auch Supermarktangestellte erzählen.

Die Leute haben offenbar Angst, leer auszugehen. Und fangen nun auch bei Medikamenten mit dem Hamstern an.

Ist das denn angemessen?

Naja, da sich alle auf Empfehlung der Ärzte gegen Pneumokokken impfen lassen wollen, ist der Wirkstoff tatsächlich auch für uns nicht mehr bestellbar, auch auf absehbare Zeit nicht. Das Telefon steht deshalb nicht mehr still. Man legt auf und es ist gleich der nächste dran und fragt danach. Aber auch wegen Schmerzmitteln wie Ibuprofen und Paracetamol rufen ständig Leute an. Die reißen einem das förmlich aus den Händen, um sich einzudecken.

"Die Leute hamstern regelrecht Schmerzmittel"

Was heißt denn eindecken? Ibuprofen und Paracetamol werden sonst sicher doch auch gut verkauft.

Ja, das stimmt. Zusammen mit Nasenspray sind das sonst die meistverkauften Produkte. Aber gerade geht es weit über das Übliche hinaus. Die Leute wollen im Notfall eben etwas im Haus haben und hamstern das regelrecht. Sie wollen nicht eine Schachtel Paracetamol, sondern gleich sieben oder acht. Selbst bei Familien würde das für mindestens ein Jahr reichen. Das sollte man so eigentlich gar nicht abgeben.

In Apotheken beginnen nun die Hamsterkäufe (Symbolbild)

In Apotheken beginnen nun die Hamsterkäufe (Symbolbild)

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Gibt es eine Höchstmenge?

Das handhabt jede Apotheke anders. Eigentlich sagt man zwei Packungen à 20 Stück Paracetamol pro Haushalt. Mehr will ich eigentlich auch nicht abgeben, damit auch noch was für die anderen bleibt. Die WHO hat ja auch gerade empfohlen, ohne ärztlichen Rat auf Ibuprofen bei Corona zu verzichten. Da ist Paracetamol ja noch wichtiger.

Ist die Nachfrage so groß?

Das geht alles gerade locker vier- bis fünfmal so oft wie sonst über die Theke. Wir machen gerade das Geschäft des Jahrhunderts.

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Zieht man da die Preise an?

Wir dürften das. Aber wir haben es bisher nicht getan.

Viele Menschen scheinen wie bei Toilettenpapier oder Milch nun auch bei Medikamenten Angst vor einer Knappheit zu haben. Ist das denn angemessen?

Im Moment verkauft sich das irre schnell. An sich sind die Lager eigentlich ausreichend gefüllt. Viele der Waren kommen zwar aus China. Aber auch dort hat sich die Lage schon merklich gebessert, die Produktion erholt sich. Irgendwann haben sich vermutlich auch alle ausreichend eingedeckt.

Gibt es außer den Schmerzmitteln aktuell noch andere Kassenschlager?

Viele Kunden investieren auch in das Immunsystem und kaufen hochwertige Vitaminpräparate. Da sind einige auch bereit, durchaus viel Geld zu investieren. Und nehmen dann ganze Monatspackungen für 60 Euro mit. Das wird zwar sonst auch gekauft, aber nicht in diesen Mengen.

Verkaufen sich manche Produkte auch schlechter?

Sonnencreme. Da wäre jetzt eigentlich Saison-Anfang, weil Leute in die Karibik oder Asien fahren. Deshalb haben wir gerade sehr viel Ware bekommen. Aber wegen der Reisesperren gibt es da quasi gar kein Geschäft. Auch Kosmetik ist zurückgegangen.

Aus Supermärkten gibt es viele virale Clips zu Streits mit Kunden und Personal. Bemerken Sie auch Unterschiede im Kundenverhalten?

Ja, es wird schon leicht ruppiger. Manche Kunden lügen etwa, dass sie den Impfstoff reserviert haben, obwohl das nicht stimmt. Wir haben auch eigentlich eine Regel, dass wegen des Sicherheitsabstandes nur drei Kunden in den Laden dürfen, weil es sonst zu eng wird. Das hat bis gestern gut geklappt, jetzt drängen immer wieder Kunden trotzdem rein und rücken einem auf die Pelle. Ich musste auch schon welchen sagen, dass sie mich nicht direkt anhusten brauchen.

Haben Sie Verständnis dafür, dass die Kunden Ihnen so nahe kommen?

Grundsätzlich ja. Es gibt ja auch viele Krankheiten wie Vaginalpilze oder ähnliches, über die man nicht durch den ganzen Laden sprechen will. Aber in der jetzigen Situation ist es natürlich trotzdem unangenehm für uns.

Was würden Sie sich von den Kunden gerade abseits von der Wahrung des Abstands wünschen?

Mehr Kartenzahlungen. Ich habe zwar Handschuhe an, aber ich will trotzdem nicht ständig das schmutzige Geld in der Hand haben. Dann lieber kontaktlos.

Angesichts der in Ihrem Job vermutlich höheren Ansteckungsgefahr ist das nachvollziehbar.

Ich habe tatsächlich etwas Angst, seit die Fallzahlen nach oben gehen. Ich versuche da nicht drüber nachzudenken. Aber natürlich macht man sich genauso Sorgen wie alle anderen. Man merkt ja auch, dass die Kunden dieselbe Angst haben.

Der Name der Apothekerin ist der Redaktion bekannt.

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