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10,9 Milliarden Dollar für Kläger Bayer legt Glyphosat-Klagewelle mit Vergleich bei - was der Milliarden-Deal bedeutet

Bayer will Glyphosat-Klagen hinter sich lassen - Milliarden-Vergleich
Bayer hat sich im Rechtskonflikt mit US-Klägern wegen angeblicher Krebsrisiken glyphosathaltiger Unkrautvernichter auf einen milliardenschweren Vergleich geeinigt
© Patrik Stollarz / AFP
Mit mehr als zehn Milliarden Euro will Bayer reinen Tisch machen: Die meisten der US-Klagen, mit denen sich der Konzern herumschlägt, sollen mit einem Vergleich abgehakt werden. Ein Schuldeingeständnis soll der Deal aber nicht sein. 

Mit einem milliardenschweren Vergleich will Bayer die meisten seiner rechtlichen Probleme in den USA hinter sich lassen. Insgesamt mehr als zehn Milliarden Euro werde man sich die Einigung mit zahlreichen US-Klägern kosten lassen, teilte der Agrarchemie- und Pharmakonzern am Mittwochabend in Leverkusen mit. Dabei geht es vor allem um angebliche Krebsrisiken des Unkrautvernichters Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat. Durch den Kompromiss sollen Bayer zufolge etwa 75 Prozent der aktuellen Roundup-Verfahren abgeschlossen werden - mit insgesamt etwa 125 000 eingereichten und nicht eingereichten Klagen. Auch die restlichen Verfahren sollten innerhalb der kommenden Monate zum Abschluss kommen.

Bayer ist dafür nach eigenen Angaben bereit, insgesamt 10,1 Milliarden bis 10,9 Milliarden US-Dollar (9,1 Mrd bis 9,8 Mrd Euro) zu zahlen. Damit solle der überwiegende Teil der vielen Glyphosat-Verfahren in den USA aus der Welt geschafft und zugleich drohenden Rechtsrisiken in der Zukunft vorgebeugt werden. In der Summe enthalten sei auch eine Pauschale, mit der Ansprüche abgedeckt werden sollen, die noch nicht beigelegt sind sowie 1,25 Milliarden Dollar (1,1 Mrd Euro), um eine separate Vereinbarung für potenzielle künftige Klagen zu ermöglichen.

Der Schritt sei kein Schuldeingeständnis, sondern die vernünftigste Lösung für das Unternehmen, sagte Konzernchef Werner Baumann in einer Telefonkonferenz mit Journalisten am Abend. Man wolle nach vorne blicken und sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Auf angebotene Produkte oder den künftigen Einsatz von Glyphosat solle die Einigung keinen direkten Einfluss haben, hieß es.

Weitere Einigungen in Fällen Dicamba und PCB

Der Konzern erzielte im Zuge des Kompromisses auch Einigungen bei weiteren US-Klagen, die etwa den umstrittenen Unkrautvernichter Dicamba betreffen. Um Verfahren wegen Verwehungen dieses Herbizids und dadurch angeblich verursachte Ernteschäden loszuwerden, wird Bayer nach eigenen Angaben bis zu 400 Millionen Dollar (354 Mio Euro) zahlen. Die bei einem Gericht in Missouri gebündelten Klagen betreffen demnach die Erntejahre 2015 bis 2020. Bayer erwarte einen Beitrag des mitverklagten Wettbewerbers BASF zu diesem Vergleich.

Weitere etwa 820 Millionen Dollar (728 Mio Euro) will Bayer in die Hand nehmen, um den wesentlichen Teil der US-Verfahren wegen des Umweltgifts PCB beizulegen. Hierbei geht es um mit Chemikalien verseuchte Gewässer. Kläger hatten dem inzwischen zu Bayer gehörenden US-Unternehmen Monsanto vorgeworfen, verheerende Folgen toxischer Schadstoffe für Natur und Lebewesen verschwiegen zu haben. Monsanto sei von 1935 bis 1977 der einzige Hersteller von Polychlorierten Biphenylen (PCB) in den USA gewesen. 1979 wurde die Chemikalie dort verboten. In Deutschland ist dies seit Ende der 1980er Jahre der Fall.

Die teuren Rechtskosten, die Bayer nun in Kauf nimmt, um reinen Tisch zu machen, sind allein der Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto geschuldet. Der Leverkusener Dax-Konzern hatte sich 2018 mit dem über 60 Milliarden Dollar teuren Kauf des Unternehmens immense Rechtsrisiken im Zusammenhang mit Glyphosat und anderen Agrarprodukten ins Haus geholt. Nachdem Bayer in den ersten drei Glyphosat-Prozessen in den USA hohe Schadenersatz-Urteile kassiert hatte, warfen immer mehr Menschen dem Konzern vor, durch die Verwendung von Monsantos Unkrautvernichtern Krebs bekommen zu haben.

Für Bayer ist Glyphosat ein "unbedenkliches Produkt"

Die Klagen stützen sich wesentlich auf eine Einschätzung der WHO-Krebsforschungsagentur IARC, die Glyphosat 2015 - im Gegensatz zu anderen Behörden - als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen eingestuft hatte. Die Leverkusener wiesen die Vorwürfe stets zurück und bekamen dabei Rückendeckung von der US-Umweltbehörde EPA, die Glyphosat bei vorschriftsmäßigem Gebrauch nicht als Gesundheitsrisiko einstuft. Die Berufungsprozesse zu den drei bereits kassierten Schuldsprüchen in den USA sollen trotz des Vergleichs weiterlaufen.

Mit Blick auf mögliche künftige Glyphosat-Fälle solle ein unabhängiges Wissenschaftsgremium gebildet werden, hieß es von Bayer. Das soll entscheiden, ob und wenn ja, ab welcher Dosis, Roundup Lymphdrüsenkrebs verursachen könne. Kläger und Bayer seien dann daran gebunden.

Die Glyphosat-Klagewelle hatte Bayer an der Börse unter Druck und die Konzernführung um Vorstandschef Werner Baumann in die Kritik gebracht. Man könne sich zwar darüber ärgern, für ein eigentlich unbedenkliches Produkt eine riesige Menge Geld aufbringen zu müssen, sagte Baumann nach der Verkündung des Vergleichs. "Ich bin aber sehr erleichtert, dass wir diese Phase der Unsicherheit nun hinter uns lassen können."

Am 7. Juni übernimmt der Agrarchemiekonzern Bayer den US-Saatgutkonzern Monsanto. Mit rund 56 Milliarden Euro der bisher teuerste Firmenkauf durch ein deutsches Unternehmen. Schwere Auflagen aus rund 30 Ländern ließen den ursprünglichen Kaufpreis noch einmal ansteigen. Während die Produkte ihren Namen behalten werden, wird der Unternehmensname Monsanto nicht fortgeführt. Umstrittene Geschäftspraktiken genmanipuliertes Saatgut und ein hochgiftiger Unkrautvernichter beschädigten den Namen des Saatgutriesens schwer. Aber auch Bayer steht regelmäßig in der Kritik. 2001 starben 52 Menschen nach der Einnahme des Medikaments Lipobay 52 Menschen an Nierenversagen. Bis heute laufen in einigen Ländern Prozesse gegen den Pharma-Konzern. Nach der Einnahme der Antibabypille Yasminelle erlitt diese Frau eine lebensgefährliche Lungenembolie. Sue verklagte Bayer 2011 auf 200.000 Euro Schadenersatz. In den USA zahlte Bayer bereits in einem ähnlichen Fall rund 1,9 Milliarden US-Dollar an tausende Frauen. Gegründet wurde das Unternehmen 1863 als kleine Farbefabrik in Wuppertal-Barmen. Heute liegt der  Schwerpunkt der AG  mit einem Jahresumsatz von 35 Mrd. Euro auf der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Berühmtestes Produkt seit mehr als 100 Jahren: Die Aspirin-Tablette. 100.000 Mitarbeiter arbeiten in 70 Ländern für den Konzern mit Sitz in Leverkusen. Der Kauf macht die Leverkusener nun zum weltgrößten Anbieter von Herbiziden und Saatgut
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Bayer-Aktie legt an Wert zu

Finanziell ist der Konzern gut gerüstet: Allein der Verkauf der Tiermedizin soll Bayer 7,6 Milliarden Dollar einbringen - den Großteil davon in bar, einen kleineren Teil in Aktien des Käufers Elanco. Mit den Zahlungen will Bayer noch in diesem Jahr beginnen. Bei Anlegern sorgte die Einigung mit US-Klägern für Erleichterung - Bayers Aktien legten nachbörslich zunächst um fast sechs Prozent zu.

Die Grünen nahmen die Einigung hingegen zum Anlass, erneut für ein schnelles, nationales Verbot von Glyphosat für den privaten Verbrauch zu werben. Der im Koalitionsvertrag versprochene Ausstieg müsse endlich vorangetrieben werden, mahnte der Obmann der Grünen im Bundestag, Harald Ebner. "Die Vergleichseinigung zu Glyphosat zeigt klar: Das giftige Erbe von Monsanto kommt Bayer teuer zu stehen."

ivi DPA

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