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Peter Jurmeister "Kaum ein Arzt achtet auf Brustkrebs beim Mann" – über eine Krankheit, die fälschlicherweise zur Frauensache gemacht wird

Ein Mann bedeckt seine Brüste mit den Händen
Brustkrebs ist Frauensache? Von wegen! Auch Männer können erkranken.
© hector roqueta / Getty Images
Hunderte von Männern erkranken jährlich in Deutschland an Brustkrebs. Ja, Männer! Ein Gespräch mit Peter Jurmeister, Vorsitzender vom Netzwerk "Männer mit Brustkrebs", über das Problem, im Gesundheitssystem nicht wirklich eingeplant zu sein.

Brustkrebs. Für viele ist das noch immer vor allem eines: eine Frauenkrankheit. Dabei können auch Männer erkranken. Schätzungen zufolge sind es 770 jedes Jahr. Wie gefährlich ist Brustkrebs bei Männern, Herr Jurmeister?
Im Prinzip genauso gefährlich wie bei Frauen. Wenn Sie sich die Daten des Robert Koch-Instituts ansehen, werden Sie aber sehen, dass die 5-Jahres-Überlebensrate bei Männern schlechter ist als bei Frauen. Das ist nicht ganz einleuchtend.

Wie meinen Sie das?
Es gibt einen Brustkrebs, der aggressiver ist und eine schlechtere Prognose mit sich bringt. Das ist der sogenannte Triple-negative Brustkrebs. Der kommt bei etwa 10 bis 15 Prozent der an Brustkrebs erkrankten Frauen vor und bei weniger als 5 Prozent der Männer. Davon ausgehend müsste in der Statistik die Überlebensrate bei Frauen eigentlich sogar schlechter sein als die bei Männern.

Trotzdem ist es genau andersherum. Warum?
Es ist anzunehmen, dass hier mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Einer ist, dass mit Brustkrebs beim Mann keiner rechnet und er zu spät entdeckt wird – oder zumindest später als bei Frauen.

Peter Jurmeister vom Netzwerk "Männer mit Brustkrebs"
Peter Jurmeister ist Vorsitzender des Netzwerks "Männer mit Brustkrebs"
© privat

Keine Brustkrebs-Früherkennungsmaßnahmen für Männer

Für Frauen gibt es regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Wie steht es um die Früherkennung von Brustkrebs bei Männern?
Für Männer gibt es keinerlei Früherkennungsmaßnahmen. Im Grunde genommen achtet auch kaum ein Arzt auf Brustkrebs beim Mann, vielleicht mal ein Hautarzt. Es wird einfach nicht systematisch danach geschaut und dadurch wird er oftmals erst spät entdeckt. Dabei wissen wir alle, wie wichtig die frühe Entdeckung für den Behandlungserfolg ist. Ein weiterer Punkt ist, dass Frauen, wenn sie erkranken, einfach besser versorgt sind als Männer.

Männer werden schlechter medizinisch versorgt als Frauen? Woran machen Sie das fest?
Für Frauen gibt es beispielsweise das Disease-Management-Programm. Das ist ein Programm, bei dem Patienten sozusagen an die Hand genommen und durch die Behandlungen geführt werden. Dieses Programm gibt es für mehrere chronische Erkrankungen. Für Frauen gibt es dieses Programm auch bei einer Brustkrebs-Erkrankung, für Männer aber leider nicht. Bei einer Auswertung  vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) wurde außerdem herausgefunden, dass wesentliche Qualitätsfaktoren, die bei der Behandlung von Brustkrebs eine Rolle spielen, bei Männern weniger gut eingehalten werden und sie häufiger nicht leitliniengerecht behandelt werden.

Sie sagen also, dass unser Gesundheitssystem in Deutschland nicht auf Männer mit einer Brustkrebs-Erkrankung vorbereitet ist?
Nicht genügend vorbereitet ist. Das Disease-Management-Programm wurde beispielsweise von vornherein nur für Frauen konzipiert. Dass ein Geschlecht von einer bestimmten Gesundheitsversorgung ausgeschlossen wird, gibt es bei keiner anderen Erkrankung, nur bei Brustkrebs. Das kann auch ein Grund sein, warum die Überlebensraten für Männer nicht so gut sind wie bei Frauen.

Schlechtere Versorgung für Männer mit Brustkrebs

Eigentlich ist es ja eher umgekehrt. Medizin wird noch immer meist vom Mann her gedacht, zum Nachteil der Frauen.
Das ist richtig. Dieses Problem gibt es, aber auch das wurde inzwischen erkannt und wird angegangen. Leider habe ich bei diesem Thema schon erfahren müssen, dass unterschwellig sowas kam wie, na, da seht ihr Männer mal, wie es uns Frauen geht. Das kann aber kein Grund sein, eine Ungleichbehandlung nun in die andere Richtung zu tolerieren.

Was müsste sich ändern, um die Versorgungslage für Männer zu verbessern?
Als allererstes müsste der Zugang für Männer zu den Brustzentren erleichtert werden. Wichtig wäre auch, dass das Disease-Management-Programm-Brustkrebs auch für Männer zugänglich ist, um die geschlechtsbedingte Ungleichbehandlung zu beenden.

Geht es um Brustkrebs, gehen Frauen erst einmal zum Frauenarzt. Zu wem gehen Männer?
Tja, Männer haben keinen Arzt, der speziell dafür zuständig ist. Oft wird ihnen gesagt, sie sollen zum Urologen gehen, aber dieser Ratschlag ist doch ein bisschen seltsam. Der Urologe hat mit dieser Erkrankung überhaupt nichts zu tun. Er kümmert sich um die männlichen Geschlechtsorgane und die urologischen Erkrankungen. Ich kenne keine Fälle, in denen bei urologischen Vorsorgeuntersuchungen auf die Brust geschaut wurde.

Fakten über Brustkrebs

Jedes Jahr erkranken laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts etwa 66.800 Frauen neu an Brustkrebs. Für Frauen ist es die häufigste Krebsart. Zunehmend sind auch Jüngere betroffen. Die Deutsche Krebsgesellschaft spricht von über 18.000 Frauen, die jährlich an Brustkrebs sterben. Auch Männer können an Brustkrebs erkranken, bei ihnen sind es jährlich etwa 770 Neuerkrankungen. Der Brustkrebsmonat Oktober macht auf die Situation von Erkrankten aufmerksam.

Könnten Männer nicht einfach auch zu einem Gynäkologen gehen?
Es ist oftmals sehr schwierig für einen Mann, in eine gynäkologische Praxis zu kommen. Von den niedergelassenen Gynäkologen werden sie oft nicht angenommen, weil diese nicht wollen, dass in ihrer Praxis auch Männer sitzen. Viele Frauenärzte denken auch noch, obwohl das heute kaum noch der Fall ist, sie könnten die Untersuchung nicht abrechnen.

Und welche Möglichkeiten bleibt Männern dann noch?
Es gibt Brustzentren speziell für Brusterkrankungen. Wenn ein Mann dort einen Termin haben möchte, kann es aber auch passieren, dass eine Überweisung vom Gynäkologen gefordert wird und die vom Hausarzt nicht ausreicht. Dann fängt die Suche nach einer gynäkologischen Praxis wieder von vorne an. Manchmal klappt das aber auch alles reibungslos, je nachdem wie die örtlichen Versorgungsstrukturen sind.

Wird Brustkrebs bei Frauen und Männern denn so unterschiedlich behandelt, dass sich das Chaos damit erklären ließe?
Das Behandlungsprinzip ist weitgehend gleich. Unterschiede gibt es, wenn es um Themen wie Brustaufbau geht. Beim Mann ist es vielleicht weniger relevant, dass die Brust wiederhergestellt wird. Männer haben allerdings nicht so sehr die Möglichkeit ihre Erkrankung in der Öffentlichkeit zu verbergen. Schließlich tragen sie beispielsweise im Schwimmbad kein Oberteil und die äußerliche Veränderung ist doch auffällig. Denn in der Regel wird die Brustwarze entfernt, was den Oberkörper auffallend asymmetrisch macht. 

Überlebensrate bei Männern mit Brustkrebs schlechter 

Immer wieder heißt es, dass ein Grund, warum Brustkrebs bei Männern später entdeckt wird, der sei, dass diese selbst zu lange warten, bis sie zum Arzt gehen. Was sagen Sie dazu?
Ich ärgere mich immer über ein Youtube-Video, indem ein namhafter Professor einmal sagte, die Männer seien halt ein bisschen verschämt und gehen daher nicht zum Frauenarzt. Aber das ist ja nur eine Seite. Natürlich geht ein Mann nicht gern zum Frauenarzt. Die andere Seite ist aber, dass die Versorgungsstrukturen für Männer nicht aufgebaut sind. Dazu kommt, dass es sehr individuell ist, ob Männer sich nun um ihre Gesundheit kümmern oder nicht. Aber einfach zu behaupten, die Männer gingen nicht gern zum Frauenarzt und deshalb sei die Überlebensrate nicht so gut, ist sicher eine einseitige Sicht. Es bleibt aber auch festzuhalten, dass sich die Versorgungsstrukturen in den letzten Jahren doch deutlich verbessert haben!

Sind Männer vielleicht auch noch immer zu wenig sensibilisiert, was Brustkrebs angeht?
Auch dies ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden. Inzwischen spielt die Aufklärung über die Erkrankung in der Öffentlichkeit eine größere Rolle, das ist dennoch verbesserungswürdig. Trotzdem sehen noch immer viele Brustkrebs als Frauenkrankheit und denken: Ich bin ein normaler, gestandener Mann. Es kann gar nicht sein, dass ich Brustkrebs bekomme. Noch immer haben viele das Bild im Kopf, dass ein Mann nur Brustkrebs bekommen kann, wenn er auch einen richtigen Busen hat. Jeder Mann kann Brustkrebs bekommen! Leider haben das viele noch immer nicht verstanden. Zu unserem Netzwerk gehört auch ein Marathonläufer, der ist total schlank, bei ihm ist keinerlei Ansatz einer Brust zu sehen. Dennoch bekam er Brustkrebs.

Der Östrogenspiegel, also die Menge des sogenannten weiblichen Geschlechtshormons, kann eine Brustkrebserkrankung begünstigen …
… jeder Mann produziert immer Östrogen, auch zum Beispiel in den Hoden. Das ist ganz normal. In etwa ist der Östrogenspiegel des Mannes so hoch wie der einer Frau nach den Wechseljahren. Östrogen spielt bei beiden Geschlechtern eine Rolle für die Entstehung von Brustkrebs. Ein wesentlicher Bestandteil der Therapie ist ja in den meisten Fällen eine Antiöstrogenbehandlung. Eine deutliche größere Rolle spielt aber die erbliche Belastung. Wenn Männer das sogenannte BRCA2 Gen geerbt haben, so steigt die Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs zu erkranken um fast das 100-fache und liegt in der Größenordnung von Frauen in der Allgemeinbevölkerung.

Und dann bekommt der gestandene Mann plötzlich doch Brustkrebs – und die Männlichkeit einen Knacks?
Es gibt viele Männer, die damit ein Problem haben. Am meisten habe ich das bei Männern erfahren, die ein eher traditionelles Rollenverständnis haben. Für sie ist es eher problematisch, wenn sie glauben, dass eine Brustkrebsdiagnose ein Zeichen für fehlende Männlichkeit ist. Moderne Männer für die die Geschlechterrollen weniger wichtig sind, haben nach meiner Erfahrung dahingehend mit der Diagnose nicht so ein Problem.

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