VG-Wort Pixel

Hilferuf im Netz Claudius Holler hat Krebs – und keine Krankenversicherung

In einem 17-minütigen Video berichtet Claudius Holler, Mitglied der Hamburger Piratenpartei, von seiner Erkrankung
In einem 17-minütigen Video berichtet Claudius Holler von seiner Erkrankung und seiner finanziellen Notlage
© Screenshot Youtube
Der Ex-Spitzenkandidat der Hamburger Piratenpartei, Claudius Holler, bittet in einem persönlichen Video im Netz um Hilfe: Er hat Krebs, für die Therapie fallen hohe Kosten an. Doch der 38-Jährige ist nicht krankenversichert.

Eigentlich, sagt Claudius Holler, würde er mit so sensiblen Themen nicht die Öffentlichkeit suchen. Aber der frühere Spitzenkandidat der Hamburger Piratenpartei ist in Not: Er hat die Diagnose Hodenkrebs bekommen, eine Operation, eine Computertomographie und womöglich auch eine Chemotherapie stehen an – doch Holler ist nicht krankenversichert. In einem knapp 17-minütigen Video, das er auf Youtube gestellt hat, berichtet er, wie es dazu kommen konnte.

"Krebs ist ein Arschloch und dieses Arschloch hat heute auch bei mir angeklopft", sagt der 38-Jährige darin zu Beginn. Und "weil Arschlöcher meist nicht alleine kommen", brauche er Hilfe. Die Diagnose alleine wäre halb so wild, sagt Holler. Hodenkrebs hat eine gute Prognose (siehe Kasten). Bekäme er "wie die meisten Menschen eine Krankschreibung und genug Zeit, wieder auf die Beine zu kommen", wäre alles machbar. Doch sein Problem: "Ich bin nicht krankenversichert."

Dazu sei es gekommen, da er selbstständig ist. Mit seinem Bruder baute Holler eine Firma auf, die ein Getränk vermarktet. Doch die Firma geriet in Schwierigkeiten, eine Pleite stand bevor. Aufgeben, so berichtet Holler, sei jedoch für die Brüder keine Alternative gewesen. Die einzige Möglichkeit sei gewesen, sich selbst zu entlassen – und auf das wenige Ersparte und die Unterstützung von Familie und Freunden zurückzugreifen.  

Kein Geld für die Krankenkasse

Als Unternehmer habe ihm kein Arbeitslosengeld oder Hartz-IV zugestanden, so Holler. Die Krankenkasse habe jedoch ihre Beiträge – 600 Euro – im Monat gefordert. "Das ging jedoch einfach nicht", sagt er. Die Beiträge hätten sich aufaddiert. die Krankenkasse fordere mittlerweile 9000 Euro an Nachzahlungen, sagte Holler dem Abendblatt.

Ein paar Monate ohne Krankenkasse, das ginge schon, habe er gedacht. Bis die Firma wieder laufe. "Es war eigene Dämlichkeit mit dabei, aber man stolpert da so rein", sagt der 38-Jährige in dem Video, mit dem er nun um Hilfe bittet. Unter dem Aufruf hat Holler gleich seine Kontoverbindung gepostet.

"Es fühle sich nicht gut an, mit der Krankheit hausieren zu gehen", räumt er ein. Einen Tag lang habe er mit sich gehadert, am Mittwoch habe er den Hilferuf dann bei Youtube hochgeladen, so Holler gegenüber dem Abendblatt.

Kosten zwischen 3000 und 20.000 Euro

Doch wie teuer würde eine Behandlung bei einem Hodentumor eigentlich kommen? „Je nach Typ und Ausdehnung des Tumors ist das unterschiedlich", sagt Tobias Pottek, Chefarzt am Asklepios Westklinikum in Hamburg dem stern. Die erste Operation mit Bestimmung der Blutwerte und Computertomographie komme etwa auf 3000 Euro. "Wer Glück hat, braucht nicht mehr. Ist im Anschluss eine Chemotherapie notwendig, steigen die Kosten", sagt der Mediziner. Ein Zyklus komme auf etwa 2200 Euro. "Bei einem Hodentumor geht man in der Regel von vier solcher Zyklen aus." Bei manchen Patienten müssen daran anschließend auch noch die Lymphknoten im hinteren Bauchraum von Tumorresten befreit werden, was etwa 7000 Euro koste. "Je nach Aufwand kommen auf einen Betroffenen damit zwischen 3000 und höchstens 20.000 Euro zu", so Pottek.

"Eindeutig sein Versäumnis"

"Wer sich als Selbstständiger nicht krankenversichert, begeht einen großen Fehler", sagt der Arzt. "Das ist eindeutig sein Versäumnis. Ob man das wirklich unterstützen soll, ist mehr als fraglich." Wer sich wider besseren Wissens nicht versichere und das Risiko eingehe, handle fahrlässig. Könne jemand das Geld für die Krankenkasse nicht aufbringen, müsse er Insolvenz anmelden und damit sicherstellen, dass ihn die Sozialsysteme auffangen, sagt Pottek. "Wenn man nicht versichert ist und der Hammer kommt, ist es zu spät."

Zwar würde kein Arzt einem Kranken eine lebensrettende Behandlung vorenthalten, die sofort erfolgen müsse wie etwa bei einem Unfall. "Doch bei einem Eingriff bei einem Hodentumor würde ich dem Patienten nahelegen zuerst den Versicherungsstatus zu klären und dann wiederzukommen", sagt Pottek. 

Im Netz trifft der Aufruf jedenfalls auf Verständnis, er verbreitet sich schnell – und erhält zahlreiche Reaktionen. Sie sind überwiegend positiv. Mehr als 21.000 Mal wurde das Youtube-Video bereits aufgerufen. Unter dem Hashtag #hollerkaputt nehmen Twitter-Nutzer Anteil am Schicksal des Hamburgers. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker