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Angst vor Ausgangssperre: Therapeutin über Corona und Einsamkeit: "Gedanken jetzt positiv steuern"

Wieso ist häusliche Quarantäne für uns so ungewohnt? Und wie gehen wir mit einer möglichen Ausgangssperre um? Eine Therapeutin über Ängste, Alleinsein und Einsamkeit.

Von Mareike Dudwiesus

Corona aktuell: Frau schaut aus dem Fenster

Statt Angst vor Einsamkeit zu haben, empfiehlt Andrea vorm Walde, die Gedanken positiv zu steuern (Symbolbild)

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Dieser Beitrag wurde zuerst auf Brigitte.de veröffentlicht.

"Die Lage ist ernst." Vorgestern Abend hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel eine TV-Ansprache, die vor allem an die Vernunft jedes Einzelnen appellierte: Soziale Kontakte auf ein Minimum reduzieren, heißt die Devise der Bundesregierung, um die Coronakrise in den Griff zu bekommen.

Noch sind viele der Maßnahmen hierzulande auf freiwilliger Basis. Die Vorstellung einer Ausgangssperre löst bei vielen Menschen Unbehagen aus. Deswegen haben wir mit einer Psychotherapeutin über die Coronakrise gesprochen – Andrea vorm Walde gibt uns wertvolle Tipps für den Umgang mit häuslicher Quarantäne und wieso man trotz Alleinsein nicht einsam sein muss.

Das Coronavirus, die Angst vor der Einsamkeit – und der Ausgangssperre

Frau Vorm Walde, was beängstigt uns an einer Ausgangssperre aus psychologischer Sicht so sehr?

In unserem Leben dreht sich eigentlich alles um Bindung. Wir haben sozusagen ein ganz ursprüngliches Bedürfnis, in Beziehung zu anderen zu sein. Diese wird uns bei einer Ausgangssperre im weitesten Sinne genommen. Die Angst vorm Alleinsein bedroht also wirklich etwas Grundlegendes. Dazu kommt der Verlust von Freiheit. Das sind wir hier absolut nicht gewohnt.

Ich habe jetzt schon Angst, dass ich das nicht durchhalte. Wie beruhige ich mich, wenn ich nicht mehr raus darf?

Ich denke, wir sollten uns alle gerade nicht unterschätzen: Wir halten viel mehr aus, als wir vorher meinen. Bei meinen Klienten betone ich immer die Bedeutung des Realitätsbezugs, denn das erdet und hält von übersteigerten Gedankenspielen ab:

Ja, wir sind vielleicht verpflichtet zu Hause zu bleiben. Aber wir sind gesund, haben ein Dach über dem Kopf, sehr viel Unterhaltung, jederzeit die Möglichkeit, an Nahrungsmittel zu kommen und im heutigen Zeitalter viele Kontaktmöglichkeiten über Telefon und Internet. Wir müssen jetzt unsere Gedanken positiv steuern.

Was kann ich tun, um mich von der Angst, eingesperrt zu sein, abzulenken?

Tun ist eigentlich schon das richtige Wort. In Handlung zu kommen, ist immer der beste Weg, weil uns das das Gefühl von Machtlosigkeit nimmt. Dabei ist es egal, was wir machen – ein kleines Sportprogramm, Hausputz, ein ungelesenes Buch zur Hand nehmen... Die Abwechslung macht’s, denn sowohl körperliche als auch geistige Bewegung sollte dabei sein. Und das Netz ist voll von Angeboten, auch kostenlos: Yoga-Stunden, YouTube-Tutorials, Podcasts und so viel mehr.

Ich warne übrigens vor dem Gedanken, sich eingesperrt zu fühlen. In der Realität sind wir das nicht; wir dürfen auch im Falle der Ausgangssperre zu bestimmten Zwecken jederzeit die Wohnung verlassen. Es ist wichtig, sich das klarzumachen.

Was tue ich, wenn ich allein wohne – und Angst vor Einsamkeit habe?

Das wird sicher eine besondere Herausforderung. Aber auch da sind wir doch heutzutage viel besser dran als früher. Denn das, was sonst oft auch Fluch ist, wird nun zum Segen: Unsere Möglichkeiten, online aktiv zu sein, sind schier endlos und sichern uns gegen das radikale Alleinsein ab.

Die sozialen Medien lassen ständigen Austausch, selbst nachts, zu und ich persönlich schätze Videoanrufe per Zoom sehr. Dieses Programm nutze ich schon seit langer Zeit für Online-Coachings. Und sollte die Ausgangssperre kommen, dann eben auch für den Kaffeeklatsch mit meinen Eltern und den Prosecco-Abend mit Freundinnen.

Aber was ist mit dem älteren Teil unserer Bevölkerung, der diese Möglichkeiten nicht hat?

Hier sehe ich die größte Problematik. Denn wie gesagt, brauchen wir Menschen Beziehung zu anderen, sonst drohen Depressionen und auch körperliche Krankheiten. Es gibt eigentlich nur die Möglichkeit des Anrufs; den sollten wir dann zumindest bei denen häufiger machen, deren Nummern wir haben.

Ich überlege derzeit, wie wir es schaffen können, an mehr alte Menschen heranzukommen, damit wir ihnen Kontakt anbieten können. Pflegedienste oder kirchliche Einrichtungen können zum Beispiel unsere Telefonnummer weitergeben. Auf Facebook schließen sich gerade Hilfegruppen zusammen. Wir müssen aktiv werden!

Und eins ist auch klar: Wenn wir anderen helfen, denen es schlechter geht, hält uns das selbst aufrecht. So tickt unsere Psyche."

Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klienten betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog.

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