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Kreis Gütersloh Der Corona-Hotspot in NRW und die Sommerferien: Wird Gütersloh das neue Ischgl?

Sehen Sie im Video: Enormes Pandemie-Risiko – Laschet schließt Lockdown rund um Gütersloh nicht aus. ARMIN LASCHET (CDU), MINISTERPRÄSIDENT VON NORDRHEIN-WESTFALEN: "Von den rund 7000 Beschäftigten am Standort sind, Stand heute Nachmittag, 1.106 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getestet worden. Mit insgesamt 803 positiven Befunden auf Covid19." "Noch können wir das Geschehen lokalisieren. Sollte sich dies ändern, kann auch ein flächendeckender Lockdown in der Region notwendig werden." "Der Wohnort des allergrößten Teils der Belegschaft befindet sich in den Kreisen Gütersloh, Warendorf und Soest sowie den Städten Bielefeld und Hamm." "Die breite Streuung der Wohnorte und die im Moment noch in der Klärungen befindlichen Details aller Mitarbeiter, birgt der Ausbruch bei Tönnies ein enormes Pandemie-Risiko." "Wichtig ist jetzt, die Quarantäne konsequent durchsetzen. Momentan befindet sich eine sehr große, in dieser Dimension bisher unbekannte Zahl an Menschen gleichzeitig in Quarantäne. Wir appellieren an alle, diese Quarantäne auch einzuhalten. Und wenn sie nicht eingehalten wird, werden wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln diese Quarantäne durchsetzen."
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Die Sommerferien stehen vor der Tür. Könnte sich der Corona-Massenausbruch bei einem Schlachtbetrieb in Nordrhein-Westfalen zum Reisehindernis auswachsen? Und werden Urlauber aus der Region im Kreis Gütersloh zum Risiko?

Viele Menschen fiebern nach Reiseverzicht an Ostern und wochenlangen Einschränkungen ihrem Sommerurlaub entgegen. Doch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen schafft ein Corona-Massenausbruch im ostwestfälischen Kreis Gütersloh gut eine Woche vor Beginn der Sommerferien neue Unsicherheit. Droht mit Beginn der Reisezeit eine schnelle Ausbreitung des Virus, wird der Kreis Gütersloh mit 370.000 Einwohnern demnächst in einem Atemzug mit Ischgl genannt?

Dürfen Bewohner aus dem Kreis Gütersloh verreisen?

Wissenschaftler Max Geraedts von der Uni Marburg appelliert zur Zurückhaltung bei denjenigen, die zuletzt Kontakt zu den 7000 Quarantäne-Betroffenen nach dem Corona-Ausbruch mit mindestens 730 Neuinfizierten im Schlachtbetrieb des Branchenriesen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück hatten. "Jeder, der hier ein Infektionsrisiko bei sich sieht, sollte eine Urlaubsreise möglichst etwas verschieben", rät der Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie. Den Gesundheitsämtern werde es nicht gelingen, in den wenigen Tagen bis NRW-Ferienbeginn alle zu ermitteln – entsprechend sei auch Eigenverantwortung gefragt.

Mitarbeiter vor dem Schlachtbetrieb Tönnies
Mitarbeiter vor dem Schlachtbetrieb Tönnies
© Sascha Schuermann / Getty Images

Wer ein Infektionsrisiko habe, solle jedenfalls nicht in Länder mit schwach aufgestelltem Gesundheitssystem reisen, betont Geraedts. "Gefährlich wäre es, auf ein Kreuzfahrtschiff aufzusteigen." Dass der Kreis Gütersloh zum Risikogebiet werden könnte wie der österreichische Wintersportort Ischgl, befürchtet der Experte nicht.

Welche Gefahr geht womöglich von dem Hotspot in NRW aus?

Das Virus könne sich von dem Betrieb in Rheda-Wiedenbrück sehr schnell ausbreiten, sagt Epidemiologe Hajo Zeeb. Das lasse sich durchaus verhindern, aber dafür müsse man konsequent reagieren. "Angesichts der sehr hohen Infektionszahlen wären sehr weitgehende Beschränkungen nötig. Ich bin überrascht, dass sich die Restriktionen bisher nur auf Schulen und Kitas im Kreis beziehen." Der Forscher aus Bremen sieht einen "sehr dezidierten Anlass" dafür, das öffentliche Leben im Kreis wieder deutlich herunterzufahren. Zum Verreisen meint er: "Supergünstig ist das jetzt nicht. Eigentlich müsste man alle Kontaktpersonen identifizieren und 14 Tage warten, ob keine Infektion stattgefunden hat."

Welche Rolle spielen vorbeugende Maßnahmen? 

Einen Lockdown für den gesamten Kreis will der dortige Krisenstab verhindern. "Zum jetzigen Zeitpunkt halten wir das nicht für geboten. Bis dato ist es ein sehr eingrenzbares Ausbruchsgeschehen. Ob das so bleibt, werden wir sehen", erläutert ein Kreissprecher. Einen Lockdown halten aber manche für geboten.

Der Kreis Gütersloh sei angesichts bisher getroffener Maßnahmen nicht besorgt, dass sich das Virus über Urlaubsreisende in anderen Teilen Deutschlands oder in anderen EU-Ländern ausbreiten werde, betont der Sprecher. "Wir haben keine Bauchschmerzen dabei, unsere Leute reisen zu lassen." Ein Massentest vor Beginn der Ferien bei 370.000 Menschen sei nicht möglich. Landrat Sven-Georg Adenauer ist dem Sprecher zufolge auch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem NRW-Gesundheitsministerium im Austausch. Das Düsseldorfer Ministerium geht von einer "geringen Betroffenheit in der Allgemeinbevölkerung des Kreises Gütersloh" aus, wie ein Sprecher mitteilt.

Wie sehr hilft die Quarantäne vor der Reisezeit?

Bei den rund 7000 Menschen, die unter Quarantäne stehen, handelt es sich um eine heterogene Gruppe. Betroffen sind alle Personen, die auf dem Werksgelände gearbeitet haben, darunter Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien, viele Ortsansässige mit Familie daheim, die in verschiedenen Kommunen wohnen. Die Einhaltung der Quarantäne zu kontrollieren, obliegt vor allem den Kommunen – und ist extrem schwierig, sagt auch der Kreissprecher. Klar ist: Je weniger die Quarantäne-Auflagen eingehalten werden, desto größer ist die Gefahr der Virusausbreitung – eine zentrale Frage also auch vor anstehenden Urlaubsreisen.

Sehen Sie im Video: Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Hunderte neue Coronafälle in Fleischbetrieb. Eine Fleischfabrik in Nordrhein-Westfalen ist zum Hotspot von Corona-Infektionen geworden. In der Produktionsstätte des Fleischhersteller Tönnies in Gütersloh wurden mehr als 600 Menschen positiv getestet, teilte der Kreis mit. Die Zahl könnte noch steigen, weil einige Hundert Ergebnisse noch ausstünden. Die Ursachenforschung dauere an, sagte der Leiter des Krisenmanagements bei der Tönnies Gruppe, Gereon Schulze Althoff: "Mit Ende der Reisefreiheit ist vor zirka drei Wochen auch der Wochenendverkehr vieler Beschäftigten, die ja oft aus osteuropäischen Ländern kommen, gestiegen, gerade um die langen Wochenenden, und hat wahrscheinlich zusätzlich mit eventuell anderen Elementen zu einem Infektionsherd bei uns im Betrieb geführt. Unsere Reihentestungen, die wir selbstständig unternommen, haben auch einzelne Fälle gefunden, sodass wir sehr wachsam waren und weitere Tests durchgeführt haben. Aber es ist scheinbar so gewesen oder offenkundig so gewesen, dass sich das Virus im Betrieb weiterverbreitet hat. Im Teilbetrieb der Zerlegung, sodass wir dort jetzt mit diesen erhöhten Fallzahlen konfrontiert sind." Auch die Behörden waren von dem Ausbruch überrascht. Der Landrat für den Kreis Gütersloh Sven- Georg Adenauer: "Ich habe gedacht, das kann doch echt nicht wahr sein. Vor allen Dingen, weil das Unternehmen professionell aufgestellt ist. Wir hatten ja auch Testungen durchgeführt, da hatten wir 6400 Menschen getestet. Es gab nur sieben oder acht positiv getestete. Jetzt haben wir in einer zweiten Reihe noch einmal getestet. Die Menschen haben sich vermischt, es sind andere Arbeiter dazugekommen, sind welche in den Ferien gewesen, zurückgekommen. Und da hat es da eben diesen Einschlag gegeben und ... ja, Mist." Im Mai hatte es in einem Schlachtbetrieb im Kreis Coesfeld zahlreiche Infektionen gegeben. Die Bundesregierung will der Fleischindustrie nach der Häufung von Infektionen strengere Regeln verordnen.
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Was sagen die Menschen vor Ort?

Viele im Kreis sind verärgert, vor allem wegen geschlossener Schulen und Kitas. Auch aus angrenzenden Kommunen werden schon besorgte Stimmen laut, das Virus aus dem Kreis Gütersloh werde sich schnell verbreiten, etwa aus Schulen. In Bielefeld verhängten einige Krankenhäuser einen Besucherstopp. Margareta Nicoläi aus Rheda-Wiedenbrück klagt: "Es ist schlimm." Sie werde wegen Corona nicht in den Urlaub fahren: "Wir haben Angst vor einer Ansteckung hier, aber auch im Ausland."

rw / Yuriko Wahl-Immel DPA

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