VG-Wort Pixel

Ost-West-Kluft Von Booster-Shots bis Impfskepsis: Die zwei Gesichter der Pandemie in Europa

Person bereitet Impfstoff vor
In vielen osteuropäischen Ländern kommen die Impfungen nur schleppend voran
© Zeljko Lukunic / DPA
Die Corona-Pandemie treibt die Schere zwischen Ost- und Westeuropa weiter auseinander. Während in Deutschland und Frankreich schon Drittimpfungen verteilt werden, lehnen in Bulgarien und Rumänien viele die Spritze ab.

Europa ist über den Berg. Könnte man denken. Mehr als 70 Prozent der Erwachsenen in der EU sind vollständig geimpft, ein weltweiter Spitzenwert. In Deutschland, Frankreich und Spanien werden mittlerweile Booster-Impfungen verteilt und von einem weiteren Lockdown ist keine Rede mehr. Doch das Bild trifft längst nicht auf den ganzen Kontinent zu.

Viele osteuropäische Länder liegen beim Impftempo weit unter dem Durchschnitt. Während in Belgien, Dänemark und Portugal bereits 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vollständig geimpft sind, liegt die Zahl in Kroatien bei gerade einmal 32 Prozent – in Bulgarien sogar nur bei rund 20 Prozent. "Europas Covid-19-Erfahrung ist eine Geschichte von zwei Pandemien – und die Unterschiede könnten den Kontinent noch viele Jahre verfolgen", warnt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev in einem Bericht über die Wahrnehmungen der Pandemie in zwölf EU-Ländern.

Impf-Schere zwischen Ost und West

Dabei hätten zu Beginn des Jahres nur wenige einen solchen Impferfolg in Westeuropa überhaupt für möglich gehalten. Die europäische Impfkampagne war zunächst schleppend gestartet. Viele Länder klagten über Lieferengpässe und die EU stritt sich mit den Impfstoffherstellern über Zuständigkeiten. Dennoch wurde von EU-Seite stets argumentiert, dass insbesondere kleinere, ärmere Länder Schwierigkeiten hätten, Impfdosen alleine zu beschaffen, wenn die Europäische Kommission nicht die Bestellung für alle gesichert hätte.

Trotz des holprigen Starts nahm die Impfkampagne in Europa an Fahrt auf. Inzwischen haben 22 der 27 EU-Mitgliedstaaten mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung vollständig geimpft. Spanien geht bereits auf die 90 Prozent zu. Länder wie Frankreich und Deutschland sind dabei, Millionen an Booster-Impfungen zu verteilen. Italien hat gerade erst die 3G-Regel am Arbeitsplatz eingeführt und dank hervorragender Impfquote hat Dänemark als erstes EU-Land alle seine Corona-Beschränkungen aufgehoben.

Doch währenddessen warten viele Menschen in Osteuropa noch auf ihre allererste Impfung. Insbesondere in Ländern wie Polen, der Slowakei, Bulgarien und Rumänien sind die Impfraten in den letzten Wochen stark gesunken. Gemeinsam mit Tschechien, Ungarn und Polen beklagen sie zudem die höchste Covid-Sterblichkeitsrate in der gesamten EU. Außerhalb der Union sieht es noch düsterer aus: Nur 23 Prozent der Gesamtbevölkerung Albaniens sind vollständig geimpft, in Georgien sind es elf Prozent und in Armenien drei Prozent. "Die Geschichte, die wir aus Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden über die Pandemie hören, ist eine ganz andere als die, die wir in Bulgarien oder Polen hören", bringt es Politikwissenschaftler Krastev in seinem Bericht, der vom Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen (ECFR) veröffentlicht wurde, auf den Punkt.

Kritische Situation in Bulgarien und Rumänien

In vielen osteuropäischen Ländern überwiegen mittlerweile Impfskepsis, Fehlinformationen und das Misstrauen gegenüber der Politik und den verhängten Maßnahmen. Innerhalb der EU hat aktuell Bulgarien die niedrigste Impfquote und meldet gleichzeitig die meisten Covid-Toten pro Kopf. "Der letzte Platz bei den Impfungen stellt uns bei der Sterblichkeit an erster Stelle", bestätigt Gesundheitsminister Stoycho Katsarov Anfang September. Um den Anstieg an Neuinfektionen und Todesfällen einzudämmen, hat die Regierung vergangene Woche neue Beschränkungen für Gastronomie und Kultur verhängt.

Für Vessela Tcherneva, stellvertretende Direktorin des ECFR, hat insbesondere die politische Instabilität das Land in eine Impfkrise gestürzt. Erst am Donnerstag ist in Bulgarien erneut die Bildung einer neuen Regierung gescheitert – im November stehen die dritten Wahlen innerhalb eines Jahres an. "Die politische Elite hat keine Verantwortung übernommen, um eine landesweite Impfkampagne zu starten", kritisiert die Politikwissenschaftlerin im Gespräch mit der "NY Times". Die Leiterin des Büros in der bulgarischen Hauptstadt Sofia weist auch auf strukturelle Probleme hin. In Osteuropa sei die Anti-Impf-Stimmung in einem tiefen Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen verwurzelt. Dies könnte erklären, warum Regierungen hier zögerlich gewesen seien, Impfmandate wie in Frankreich und Italien durchzusetzen, sagt Tcherneva.

Im Nachbarland Rumänien, das zunächst zügig mit den Impfungen begonnen hatte, ist die Kampagne mittlerweile fast zum Erliegen gekommen. Der Zugang sei nicht das Problem, betont Valeriu Gheorghita, Leiter der Impfkampagne. "Wir haben feste Impfzentren, mobile Impfzentren, Drive-in-Impfzentren." Und dennoch seien mehr als die Hälfte der Menschen im ländlichen Raum noch nicht geimpft. Die Impfskepsis ist dort besonders groß und Corona-Mythen weit verbreitet. Viele Menschen in Dörfern und Kleinstädten lehnen die Impfungen ab, weil sie fälschlicherweise glauben, dass der Impfstoff gefährlicher als das Virus ist.

Angehörige der Roma, die rund zehn Prozent der Bevölkerung Rumäniens und Bulgariens ausmachen, sind laut der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" noch weniger bereit, sich impfen zu lassen. Aktivisten in beiden Ländern haben ihre Regierungen dafür kritisiert, dass sie die Gruppe nicht genug in ihre Impfbemühungen einbeziehen.

"Eine Geschichte von zwei Pandemien"

Europa steht an einem Wendepunkt. Eine weitere Corona-Welle im Herbst und Winter könnte die Erfolgsgeschichte des Sommers in Gefahr bringen und besonders im Osten die Infektions- und Todeszahlen in die Höhe treiben. Davor warnt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO – und prognostiziert, dass durch das Erlahmen der nationalen Impfkampagnen und die Aufhebung der restriktiven Maßnahmen bis Dezember 230.000 Menschen in Europa an Covid-19 sterben könnten.

"Wir können es uns nicht leisten, Teile Europas weniger zu schützen, das macht uns alle anfälliger", betont EU-Gesundheitskommissarin Sella Kyriakides. Die Europäische Kommission unterstützt bereits speziell osteuropäische Regierungen bei der Bekämpfung von Falschinformationen über die Impfungen. Doch da die Mitgliedsländer selbst für ihre Impfkampagnen verantwortlich sind, ist ihre Einflussmöglichkeit begrenzt. "Die Europäische Kommission hat alles getan, was sie tun konnte", bekräftigt die stellvertretende ECFR-Direktorin Tcherneva. "Sie kann sicherstellen, dass alle EU-Bürger Zugang zu Impfstoffen haben, aber sie kann die Regierungen nicht zwingen oder drängen, wie sie diese verwalten sollen."

Quellen: "NY Times", ECFR, "The Lancet", mit DPA


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker