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Pandemiebekämpfung Bürgertests bis Februar? Mancherorts hat's sich längst ausgetestet – andernorts könnte es bald soweit sein

Corona-Test
In kaum einem Land wird der Kampf gegen Corona so akribisch geführt wie in China
© Guo Cheng / XinHua / DPA
Der Andrang vor den Corona-Testzentren ist zurückgegangen – trotz Herbst und neuer Varianten. Der Bundesgesundheitsminister will die Bürgertests trotzdem weiter anbieten. Das sagen Teststellen-Betreiber dazu.

Bevor die Corona-Pandemie über Deutschland hereinbrach, betrieb Alexander Spierer einen Nachtclub in München. Doch das Virus bedeutete das Aus für das kulturelle Leben und nächtliche Vergnügungen in Bars, Kneipen und Clubs. Auch Spierers Laden war davon betroffen. Und trotzdem arbeitete er in den folgenden Pandemiejahren so viel wie in seinem ganzen bisherigen Leben nicht, erinnert er sich im Gespräch mit dem stern. Anstatt sich zuhause auf dem Sofa zu fläzen und die Corona-Hilfen des Bundes herbeizusehnen, haben er und seine Frau ein Corona-Testzentrum aufgebaut und eröffnet.

Zwei weitere kamen danach noch dazu. Mittlweile sind die Läden aber alle wieder dicht. Das letzte Zentrum schloss Spierer im Juli, als Lauterbach die Testverordnung verlängerte und das Angebot plötzlich von den Kunden und Teststellenbetreibern bezahlt werden musste. In den Wochen zuvor seien in der Station nur noch zwischen 100 und 200 Tests durchgeführt worden. Als dann noch die Kosten stiegen, war für Spierer endgültig klar: "Es lohnt sich nicht mehr."

Das finden auch weitere Betreiber in der ganzen Bundesrepublik: Seit dem Frühjahr haben zahlreiche Testzentren ihren Betrieb eingestellt. Allein in Nordrhein-Westfalen hat sich ihre Zahl im August im Vergleich zum Vorjahr halbiert, berichtet die "Rheinische Post". In Bremen zählt die Gesundheitsbehörde nur noch 80 Stellen – zum Jahresanfang sollen es noch weit über 100 gewesen sein. Auch das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass Stellen geschlossen wurden. "Genaue Zahlen liegen dem BMG nicht vor", heißt es allerdings auf stern-Anfrage.

Trotzdem hat Gesundheitsminister Karl Lauterbach die wieder auslaufende Testverordnung noch einmal verlängert. Bis Februar, laut einem Bericht der "Welt" sogar bis April 2023, soll es die Bürgertests geben.

"Unsere Leute wurden zu Vernehmungsbeamten"

Für die verbliebenen Testbetreiber sind das nicht unbedingt gute Neuigkeiten. Wie im Sommer bangen einige um ihre wirtschaftliche Existenz, weil der Gesundheitsminister die finanzielle Unterstützung durch den Bund nochmals gekürzt hat. Statt 9,50 Euro pro durchgeführtem Test gibt es jetzt nur noch acht Euro. Die Kosten für die Kunden sollen gleich bleiben. Dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" gegenüber begründete Lauterbach diese Entscheidung damit, dass die Testkits günstiger geworden seien und der Beratungsbedarf in den Teststellen nachgelassen habe.

Dass der Aufwand sinkt, hielt Betreiber Spierer allerdings schon im Sommer für falsch. Seit nur noch bestimmte Gruppen Anspruch auf einen kostenlosen Test gehabt haben, hätte sich der Mehraufwand für das Personal massiv erhöht. "Unsere Leute wurden zu Vernehmungsbeamten, weil sie immer nachfragen mussten, wer für einen kostenlosen Test berechtigt ist", sagt Spierer.

"Die erneute Verringerung der Vergütung bedeutet für uns und alle Testzentren noch mehr wirtschaftlichen Druck", sagt Marcus Reisiger dem stern. Der Testzentrumsbetreiber aus Hamburg hatte im Sommer bereits überlegt, seine Stelle zu schließen. Letztlich entschied er sich dagegen in der Hoffnung, dass die Nachfrage spätestens im Herbst wieder steigen würde.

Keine Daten über bundesweite Testzahlen

Doch die Hoffnung bleibt bisher unerfüllt. In den letzten fünf Monaten sei die Nachfrage gleichbleibend mit Schwankungen von plus/minus 20 Prozent. Anders dagegen in Bremen: In der Teststelle an der Universität werden seit Juli täglich nur noch halb so viele Menschen getestet wie in den Monaten zuvor, teilt Zentrumsleiterin Inés Faghihi dem stern mit. "Die Änderungen der Testverordnung haben dazu geführt, dass öfter auf selbstdurchgeführte Tests aus dem Supermarkt oder der Drogerie zurückgegriffen wird, da diese meistens günstiger sind", sagt Faghihi.

Öffentlich fehlt zudem der Druck, sich testen zu lassen. Während die Bürger im letzten Jahr noch für jeden Restaurant- oder Konzertbesuch und selbst für die Rückkehr an den Arbeitsplatz ein offizielles, negatives Testergebnis nachweisen mussten, ist diese Regelung heute zu einer seltenen Ausnahme geworden. "Sollten die Testzahlen nicht in den nächsten Wochen messbar ansteigen, dürften viele Testzentren bereits vor Auslaufen der neuen Testverordnung Ende Februar die Segel streichen", befürchtet Reisiger deshalb.

Manche setzen in diesen Zeiten auf Idealismus. Für einige Testzentren in Berlin rentiert sich das Geschäft schon jetzt nicht mehr. "Aber wir möchten das Angebot aufrechterhalten, denn wir halten das Testen für einen elementaren Bestandteil der Pandemiebekämpfung", teilt ein Sprecher der WeCare Services GmbH auf stern-Anfrage mit. Andere Testzentren in der Hauptstadt berichteten davon, dass sich die logistischen Kosten nach den Änderungen der Testverordnung nicht mehr decken ließen.

Der neu gegründete Bundesverband für Teststellen und Infektionsschutz e.V. (BVTI) warnt vor "einer Gefährdung der Corona-Teststellen" durch die Änderungen an der Testverordnung. Zudem sei im Sommer zwei Monate lang keine einzige Teststelle bezahlt worden, "und auch jetzt werden immer noch rund 120 Millionen Euro an Vergütung in 780 Fällen von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) zurückgehalten", heißt es in der Mitteilung.

Wie sich der Testbedarf entwickelt, lässt sich nicht beziffern. Zahlen über die täglich durchgeführten Corona-Tests in Deutschland liegen an keiner Stelle vor. Selbst über die positiven Antigen-Tests gibt es nach Angaben des Robert Koch-Instituts keine Auskunft, weil die Gesundheitsämter meist den positiven PCR-Befund abwarten und diesen dem Institut melden. Deshalb beziehen sich die Statistiken des RKI auch nur auf die durchgeführten PCR-Tests. Dort ist der Anteil in den vergangenen drei Wochen wieder gestiegen. "In KW 45/2021 lag der Positivenanteil der erfassten Tests bei 17,27 %; dies ist der höchste Wert seit Beginn der Erfassung", schreibt das RKI in seinem aktuellsten Bulletin.

Verträge mit Teststellen werden nicht rechtzeitig verlängert

Grundsätzlich sprechen sich die Zentrenbetreiber dafür aus, dass die Bürgertests weiter angeboten werden – wären die bürokratischen und finanziellen Hürden nicht so hoch. Dadurch würde das Pandemiegeschehen nur unzureichend abgebildet, ist Faghihi überzeugt. Denn die Inzidenz basiert auf positiven PCR-Testergebnissen, wofür wiederum ein positiver Antigen-Test notwendig ist. "Die Dunkelziffer der Infektionen ist also auch deshalb vermutlich um einiges höher als offiziell bekannt."

Probematisch finden Reisiger und Spierer aber auch den Umgang mit den Testzentren von seiten der Behörden. Immer, wenn die Testverordnung verlängert wurde, hätten die Betreiber nur "extrem kurzfristig erfahren, ob es weitergeht und wie es weitergeht", sagt Reisiger. Beispiel Hamburg: Am Freitag läuft die Beauftragung von Reisigers Testzentrum aus. Einen Tag vorher habe es noch keine neue Beauftragung gegeben, "nur eine Mail von den Behörden mit einer groben Info, was sich ändert". So habe seine Teststelle zunächst das Buchungssystem überarbeitet, nur um dann zu erfahren, dass die Informationen zwei Tage später wieder veraltet sein würden. "Sowohl der Zeitraum der Verlängerung, als auch die Bedingungen wurden dann nochmals verlängert", so Reisiger.

"Wir planen daher im Moment auf gut Glück zumindest den Samstag mit Mitarbeitern und mit einer angepassten Buchungsseite, die die neuen Vorgaben so gut es geht umsetzt." Ob die Behörden ihm danach einen neuen Vertrag zukommen lassen: ungewiss.

Aber zumindest nicht unwahrscheinlich, denn seit der neuen Testverordnung vom Juli ist es den Ländern nicht mehr gestattet, Testzentren neu zu eröffnen. Geschlossene Testzentren dürfen somit auch nicht wiedereröffnet werden.

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit

Doch selbst für Betreiber, deren Teststellen jetzt nicht mehr offen sind, ist die Arbeit längst nicht getan. Spierer muss jetzt beispielsweise zusehen, wie er die noch gelagerte Ware, also Testkits und auch PCR-Maschinen für die Auswertung, loswird. 6000 Euro kostet ein Gerät, zehn Stück hat sich der Ex-Teststellenbetreiber zugelegt. "Das war eigenes Risiko", sagt Spierer. Weil er jetzt wieder seinen Club führt und für die Maschinen keine Verwendung mehr hat, überlegt er, ob er sie verkaufen soll. Denn das Lager, in dem sie stehen, kostet auch Geld.

Trotz allem ist er aber froh, die Testzentren aufgebaut zu haben. "Wir haben dazu beigetragen, die Infektionsketten zu durchbrechen und damit sicherlich auch ein paar Menschenleben gerettet", sagt er. Aber es war auch absehbar, dass diese Zeit irgendwann vorbei sein würde.

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