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PEI-Sicherheitsbericht Neue Daten: Was man über die Risiken und Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe weiß

Kopfschmerzen nach Corona-Impfung
Kopfschmerzen, Fieber und Müdigkeit zählen zu den häufigsten Reaktionen nach einer Corona-Impfung.
© VioletaStoimenova / Getty Images
Corona-Impfstoffe wurden in Rekordzeit entwickelt. Zu schnell finden manche und fürchten Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Ein Überblick darüber, was man inzwischen über die Impfreaktionen und die Verträglichkeit der Vakzine weiß.

Ende Dezember vergangenen Jahres war es soweit. Die ersten Spritzen gegen das Coronavirus wurden gesetzt. Danach wurden monatelang die Ärmel im Akkord hochgekrempelt. Allein am 9. Juni wurden mehr als 1,4 Millionen Menschen in Deutschland geimpft. Doch von solchen Zahlen ist schon lange keine Rede mehr. Die Kampagne hat an Power verloren, es geht nur noch langsam voran. Aktuell gelten 64 Prozent der Bevölkerung in Deutschland als vollständig gegen Sars-CoV-2 geimpft, 67 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten. Viele von denen, die jetzt noch nicht geimpft sind, haben es auch zukünftig nicht vor, zeigen Umfragen. Ein Argument der Skeptiker: Die Impfstoffe seien zu schnell entwickelt worden, zu wenig über mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen bekannt.

In Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die Sicherheit der zugelassenen Impfstoffe. Seit dem Impfstart sammelt das Institut Meldungen zu Verdachtsfällen von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen und bewertet diese. So können neue Risikosignale schnell erkannt werden, wie es beispielsweise bei den sehr seltenen Sinusvenenthrombosen im Zusammenhang mit einer Impfung mit Astrazeneca der Fall war.

Im neuesten Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts finden sich eine ganze Reihe an Nebenwirkungen, zumeist sind diese aber harmlos. Schwere Nebenwirkungen sind nach wie vor sehr selten. Ein Überblick über den aktuellen Kenntnisstand. 

Wie oft werden Verdachtsfälle gemeldet?

Die Daten des neuesten PEI-Sicherheitsberichts beziehen sich auf die gesammelten Daten ab Beginn der Impfkampagne am 27. Dezember 2020 bis zum 31. August 2021. Insgesamt registrierte die Nebenwirkungsdatenbank des PEI in diesem Zeitraum 156.360 Einzelfallberichte, was eine Melderate von 1,5 Verdachtsfällen pro 1000 Impfdosen bedeutet. 9,7 Prozent dieser Fälle wurden als schwerwiegend eingestuft. Dazu zählen solche, die im Krankenhaus behandelt werden müssen oder die von Experten als medizinisch bedeutsam eingeschätzt werden. 

Bis Ende August waren in Deutschland 43,45 Millionen Menschen vollständig geimpft. Mit Abstand am häufigsten kam der Impfstoff Comirnaty des Herstellers Biontech/Pfizer zum Einsatz, gefolgt von dem Astrazeneca-Vakzin, Spikevax von Moderna und dem Impfstoff von Johnson & Johnson. Die meisten Meldungen zu Verdachtsfällen von Nebenwirkungen gingen laut PEI mit einer Melderate von 3,3 zum Vakzin von Astrazeneca ein, die wenigsten zu dem Biontech-Wirkstoff (1,1). Bei 711 gemeldeten Verdachtsfällen ist nicht bekannt, welcher Impfstoff eingesetzt wurde. 

Verdachtsfälle pro 1000 Impfungen

Melderate

Biontech/Pfizer

Moderna

Astrazeneca

Johnson & Johnson

alle

1,5

1,1

2,6

3,3

1,7

schwerwiegend

0,15

0,1

0,1

0,4

0,1

Welche Impfreaktionen sind häufig

Die Impfreaktionen unterscheiden sich je nach verimpftem Vakzin. Bei den am häufigsten gemeldeten Impfreaktionen handele es sich laut PEI aber um harmlose, die nach ein paar Stunden oder Tagen wieder abklingen.

Es seien "bekannte und in der Fachinformation aufgeführte systemische, vorübergehende unerwünschte Reaktionen wie Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Muskel- und Gliederschmerzen und allgemeines Krankheitsgefühl, die insgesamt als Grippe-ähnliche Beschwerden zusammengefasst werden können." Diese träten zeitnah nach der Impfung auf, schwere oder länger andauernde Erkrankungen seien mit diesen Impfreaktionen nicht verbunden.

Das sind die 10 häufigsten Nebenwirkungen:

  1. Müdigkeit
  2. Kopfschmerzen
  3. Schmerzen an der Einstichstelle
  4. Lokale Reaktion
  5. Fieber
  6. Muskelschmerzen
  7. Schüttelfrost
  8. Schwindelgefühl
  9. Gliederschmerzen
  10. Unwohlsein
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Nebenwirkungen bei Jugendlichen

Auch Jugendliche ab 12 Jahren können sich inzwischen mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen. Insgesamt gingen bei dem Institut bisher für diese Altersgruppe 1228 Meldungen ein, in denen von mindestens einer Impfreaktion berichtet wird, die denen von Erwachsenen gleichen. Rund 14 Prozent der Meldungen beschrieben demnach schwerwiegende unerwünschte Reaktionen. Obwohl Vektorimpfstoffe für Kinder und Jugendliche in Deutschland noch nicht zugelassen sind, gingen beim PEI 25 Verdachtsmeldungen zu Vektor-basierten Impfstoffen ein.

Schwere Impfkomplikationen sind selten

In sehr seltenen Fällen treten nach einer Corona-Impfung auch schwere unerwünschte Reaktionen auf. Im kompletten Melde-Zeitraum wurden 15.122 gemeldet. In 1450 Fällen wurde laut PEI von einem tödlichen Ausgang in unterschiedlichem Abstand zur Impfung berichtet. 

Die häufigsten Meldungen zu Verdachtsfällen erhielt das PEI bisher zu dem Mittel von Astrazeneca. Dieses empfiehlt die Ständige Impfkommission inzwischen nur noch Menschen ab 60 Jahren. Grund dafür waren schwerwiegende, in einigen Fällen tödliche Thrombosen in Kombination mit einer Thrombozytopenie (TTS). Dazu zählen auch die sehr seltenen Sinusvenenthrombosen (Mehr zu Sinusvenenthrombosen lesen Sie hier). Das PEI berichtet von bisher 174 gemeldeten Fällen einer TTS nach einer Impfung mit Astrazeneca, 24 Fälle nach einer Impfung mit Comirnaty, 13 Fälle nach Johnson & Johnson und 3 Fälle nach einer Impfung mit dem Wirkstoff von Moderna.

Unter Beobachtung

Zu den bekannten, wenn auch sehr selten auftretenden Nebenwirkungen von mRNA-Impfstoffen zählen Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) und Herzbeutelentzündungen (Perikarditis), von der "offenbar insbesondere junge Männer nach der zweiten Impfung betroffen sind". Laut PEI zeigen die vorliegenden Daten, dass die meisten Betroffenen sich davon schnell wieder erholen. Beim PEI gingen bis zum 31. August 792 Verdachtsmeldungen einer Myo-/Perikarditis ein – "unabhängig vom Kausalzusammenhang mit der jeweiligen Impfung": 703 Meldungen nach Biontech/Pfizer, 89 nach Moderna, Die meisten Verdachtsfälle traten demnach bei männlichen Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren auf, gefolgt von Männern zwischen 18 und 29 Jahren.

Außerdem beobachtet das PEI Meldungen unter anderem Zyklusstörungen von Frauen wie Zwischenblutungen und Schmerzen bei der Menstruation. Demnach gingen bis Ende Juni 310 Einzelfallmeldungen ein, knapp zehn Prozent wurden als schwerwiegend eingestuft. Ein Risikosignal sieht das PEI darin bisher nicht. Auch die Europäische Arzneimittelagentur sieht aktuell "keinen kausalen Zusammenhang zwischen Covid-19-Impfstoffen und Zyklusstörungen". Die britische Forscherin Victoria Male forderte kürzlich die großflächige Untersuchung der Vakzin-Effekte auf den Menstruationszyklus. Einen Grund zur Sorge sieht aber auch sie nicht. 

Wie das PEI die Daten sammelt

Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, Impfkomplikationen an das zuständige Gesundheitsamt zu melden, diese reichen die Daten pseudonymisiert an das PEI weiter. Unter solchen Impfkomplikationen werden gesundheitliche Beschwerden gefasst, die über das übliche Maß einer Impfreaktion hinausgehen und nicht auf andere Ursachen zurückgeführt werden können.

Meldungen kommen zudem von der Arzneimittelkommission der Apotheker und der Ärzte, von den Zulassungsinhabern über die Datenbank der Europäischen Arzneimittelagentur, aber auch von den Ärztinnen und Ärzten direkt. Auch Impflinge oder Angehörige von diesen können Verdachtsfälle melden. Über die SafeVac 2.0-App führt das PEI außerdem eine Befragung zur Verträglichkeit der Corona-Impfstoffe durch. Dabei handelt es sich um eine zwölfmonatige Beobachtungsstudie, an der geimpfte Erwachsene freiwillig teilnehmen können. 

Das PEI sammelt also Daten aus verschiedenen Quellen, Doppelmeldungen werden zu einem Fall zusammengeführt. Wichtig bei diesen Daten ist, dass die unerwünschten Reaktionen zwar "im zeitlichen, nicht aber unbedingt im ursächlichen Zusammenhang mit einer Impfung gemeldet werden".

Quelle: PEI-Sicherheitsbericht, Impfdashboard, RKI

tpo

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