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Meinung

Coronakrise: An alle, die jetzt wieder unter Leute gehen: Seid ihr eigentlich komplett bescheuert?

Die Coronavirus-Krise hat die Welt weiter fest im Griff. Doch nach einigen Wochen des Lockdowns lässt die Disziplin nach, Lockerungen treten in Kraft, viele scheinen zu vergessen, worum es geht. Zeit für einen Brandbrief.

Coronavirus in Italien: Mit einer Drohne patrouilliert die Polizei einen Strand in der Provinz Rimini. 

Dieser Text richtet sich nicht an die Mehrheit. Die Mehrheit der Menschen in unserem Land hat den Ernst der Lage verstanden. Niemand weiß genau, was noch auf uns zukommt, aber die meisten wissen, was auf uns zukommen könnte, wenn wir nicht weiter alles tun, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Sie wissen, wie wichtig es nun ist, sich zurückzuziehen, die sozialen Kontakte zu reduzieren, um das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren – und zwar immer noch. 

Sehr viele haben sich in den vergangenen Wochen bereitwillig an die Vorgaben gehalten, auch wenn es schwer fiel – und zwar nicht nur aus Angst vor Bußgeldern, sondern aus echter Verantwortung. Für diese Menschen ist dieser Text nicht.

Dieser Text richtet sich an Euch, die Ihr Euch in Gruppen trefft, jetzt unbedingt wieder shoppen gehen müsst und nach immer mehr Lockerungen ruft. An diejenigen, die alle Warnungen als "Panikmache" abtun und darüber lachen. Die glauben, es habe nie eine Gefahr gegeben, weil so viele Intensivbetten leerstehen. An die, die sich nicht an die Quarantäneregeln halten. An alle, die sich für etwas Besseres halten, weil sie nicht zur Risikogruppe gehören. An jeden, der es für cool und besonders rebellisch hält, sich in dieser Situation über Anweisungen hinwegzusetzen.

Seid Ihr eigentlich komplett bescheuert?

Euer Verhalten ist unsolidarisch und egoistisch

Wir beschäftigen uns doch nun lange und intensiv genug mit der Thematik, damit auch der letzte verstanden haben sollte, worum es geht. Trotzdem nehmen viele das Thema immer noch nicht ernst. Dabei muss man nur mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen, um zu sehen, was passiert. Selbst wenn Euch die Warnungen der Wissenschaftler nicht erreicht haben, selbst wenn Ihr die Zusammenhänge nicht versteht – meint Ihr, die Schulen wurden zum Spaß geschlossen oder all die Veranstaltungen abgesagt, weil man Euch Eure Freizeit verderben möchte? Meint Ihr, Politikern fällt es leicht, den Bürgern soziale Kontakte zu untersagen und wirtschaftliche Existanzen aufs Spiel zu setzen? All diese Maßnahmen haben einen Sinn, und es wird allerhöchste Zeit, dass Ihr ihn versteht.

Jeder kann (und wird wahrscheinlich auch) infiziert werden,  jeder kann andere anstecken, die wieder viele andere anstecken. Diese Kette muss dringend unterbrochen werden, weil wir sonst zu viele Schwerkranke auf einmal haben. Dann gibt es viele Todesopfer. So weit in aller Kürze die Fakten. Aber Fakten scheinen Euch ja nicht zu interessieren. Sonst würdet Ihr nicht in vollem Bewusstsein trotz Verboten feiern gehen und das auch noch "Corona-Party" nennen. Mit diesem Verhalten gefährdet Ihr Euch und andere. Ignoranter, unsolidarischer, asozialer geht es kaum.

Angela Merkel drückt es naturgemäß diplomatischer aus, aber im Bundeskanzlerinnen-Sprech wählt auch sie deutliche Worte. "Wir leben nicht in der Endphase der Pandemie, sondern immer noch an ihrem Anfang", sagte sie in ihrer Regierungserklärung im Bundestag. "Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung, denn sie schränkt genau das ein, was unsere existenziellen Rechte und Bedürfnisse sind", sagt Merkel.

Sie hat mit beidem Recht. Viele von uns haben sich innerlich auf zwei Wochen eingestellt, in denen sie sich einschränken müssen, vielleicht noch zwei weitere. Wir haben trotz aller eindringlichen Warnungen noch nicht verstanden, dass wir gerade mal die ersten paar Kilometer eines Marathons hinter uns haben – und sind jetzt schon aus der Puste. Das mag verständlich sein, denn wir haben nie wirklich für dieses Vorhaben trainiert. Gleichzeitig können die Auswirkungen fatal sein. Deutschland hat das Virus bisher – dank der Mitarbeit aller – relativ gut im Griff, es besteht aber die Gefahr einer zweiten Infektionswelle, wenn wir zu früh nachlassen. Und wer in dieser Sache der Bundeskanzlerin nicht glauben möchte, der schenkt vielleicht dem Virologen Christian Drosten mehr Gehör: "Ich bedauere es in diesen Tagen so sehr, zu sehen, dass wir dabei sind, diesen Vorsprung komplett zu verspielen."

Kampf gegen das Coronavirus: Es ist nicht die Zeit, um etwas Besonderes zu sein

Ja, das öffentliche Leben ist derzeit stark eingeschränkt. Und ja, das ist uns zunächst zuwider. Wir sind es gewohnt, in einer offenen Gesellschaft zu leben, in der wir uns frei bewegen und ausleben dürfen. Es fällt nicht leicht, sich davon zu trennen. Aber es gibt eben Situationen, in denen das Allgemeinwohl mehr wiegt als die individuelle Freiheit des Einzelnen. Jetzt ist nicht die Zeit, etwas Besonderes zu sein. Jetzt geht es darum, sich im Interesse aller an die Regeln zu halten.

So ungewöhnlich ist das übrigens gar nicht. Im täglichen Leben wissen wir genau, wo unsere Grenzen sind. Halten wir den Drängler auf der Autobahn oder den Steuerhinterzieher für Vorbilder, weil sie sich in ihrem Freiheitsdrang nicht einschränken lassen? Nein. Sie sind schlicht kriminell. Und bringen dabei immerhin noch weniger Menschen in Gefahr als es eine Coronavirus-Infektion potenziell könnte.

Trotz empfohlener Isolation feiern viele US-Amerikaner noch in Clubs

Stellt euch vor, es wäre eure Oma

Dahinter steckt purer Egoismus. Junge Menschen ruhen sich auf der Erkenntnis aus, dass sie ja nicht zur "Risikogruppe" gehörten – und nehmen das als Freifahrtschein, um weiterzuleben wie bisher. Wenn Ihr nicht zu der Gruppe gehört, die durch das Coronavirus besonders gefährdet ist, habt Ihr Glück. Aber Ihr habt auch eine besondere Verantwortung. Gerade Ihr könnt das Virus aufnehmen und verbreiten, ohne überhaupt etwas davon zu merken. Leiden werden darunter vor allem die älteren Menschen.

Das klingt vielleicht immer noch abstrakt. Dann stellt Euch vor, dass es Euer Vater ist, Eure Mutter, Eure Oma, Euer Opa, Eure Nachbarin. Für Euch mag das Virus weitestgehend ungefährlich sein, aber wenn wir – wenn vor allem Ihr so weitermacht, wird jeder von uns die Auswirkungen in seinem allernächsten Umfeld zu spüren bekommen. In dieser Lage nur an die eigene Gesundheit zu denken, bedeutet, nur von zwölf bis Mittag zu denken.

An die Älteren: Bitte seien Sie egoistisch!

Dieser Text ist aber nicht nur für die Jüngeren, die die Angelegenheit sorglos betrachten. Er richtet sich auch an die älteren Damen und Herren. Wenn Sie schon in etwas fortgeschrittenem Alter sind – entschuldigen Sie zunächst den Ton. Aber hier geht es um Ihre Gesundheit. Deshalb fährt ein ganzes Land den Betrieb auf das Nötigste herunter. Während für andere gilt, nicht nur an sich zu denken, ist für Sie die Zeit gekommen, egoistisch zu sein. 

Angela Merkel zum Coronavirus

Und das bedeutet auch hier: zurückziehen, zu Hause bleiben, so wenige Kontakte wie möglich. Manche argumentieren, Sie hätten den Zweiten Weltkrieg überstanden, etwas Schlimmeres würde schon nicht kommen. Aber eine Krankheit hat keinen Respekt vor der Lebensleistung.

Es ist noch längst nicht vorbei

Es sind schwere Tage und Wochen in diesem Land – und sie sind noch lange nicht vorbei. Die Coronavirus-Krise wird uns viel abverlangen: Denen, die zu Hause bleiben müssen, in erster Linie aber denen, die schwer erkranken und jenen, die sich medizinisch um sie kümmern werden. Das Virus kann jeden treffen. Aber es gibt auch etwas Schönes dabei: Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, dass das Schlimmste verhindert wird. Nicht nur mächtige Politiker, nicht nur kluge Wissenschaftler oder reiche Unternehmer, sondern ausnahmslos jeder. Und zwar mit der einfachsten Maßnahme, die es gibt: einfach mal zu Hause bleiben und nichts tun. Das kann doch nicht so schwer sein.

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