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Isolierte Diktatur: Offiziell soll Nordkorea keine Corona-Infektionen haben – doch Berichte sagen das Gegenteil

Offiziell soll es in Nordkorea keine Coronavirus-Fälle geben. Doch Quellen aus dem isolierten Staat berichten das Gegenteil. Diktator Kim Jong Un verschärft offenbar bereits die Sicherheitsmaßnahmen, denn dem Land könnten schwerwiegende Folgen drohen.

Mitarbeiterinnen in einem Supermarkt in Pjöngjang tragen Mundschutz

Mitarbeiterinnen in einem Supermarkt in Pjöngjang tragen Mundschutz

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Nordkorea – einer der isoliertesten Staaten der Welt. Nur wenige Informationen kommen aus dem diktatorisch regierten Land heraus. Und von diesen sind nur wenige unabhängig überprüfbar. Das gilt auch für Informationen über das neuartige Coronavirus in Nordkorea, welches im Nachbarland China mittlerweile knapp 1400 Menschenleben forderte.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gab an, dass Nordkorea ihr keine Covid-19-Infektionen gemeldet habe, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap und die Zeitung "Korea Times" berichten. "Die WHO hat vom Gesundheitsministerium keinen Bericht über Coronavirus-Fälle erhalten", sagte Edwin Ceniza Salvador, Vertreter der UN-Behörde in Nordkorea. "Die Volksrepublik Korea ergreift wie andere Länder Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit ihrer Bevölkerung", sagte er weiter.

Berichte von Toten und Infektionen in Nordkorea

Auf Anfrage Nordkoreas stelle die WHO "Laborreagenzien und persönliche Schutzausrüstung - Schutzbrillen, Handschuhe, Masken, Kittel - für Angehörige der Gesundheitsberufe zur Verfügung", berichtet Yonhap weiter. Nordkoreanische Medien hätten gemeldet, dass es keine bestätigten Fälle der Virusinfektion gebe, obwohl es hieße, dass einige Personen wegen vermuteter Symptome isoliert wurden.

Doch es gibt Zweifel an den Angaben aus Nordkorea. So schrieb die "Korea Times" unter Berufung auf die Zeitung "JoongAng Ilbo" vor einer Woche, eine Frau aus Pjöngjang habe sich mit dem Virus infiziert nachdem sie in China gewesen sei. Auch die südkoreanische Zeitung "Chosun Ilbo" berichtete über Fälle in Nordkorea.

Laut dem südkoreanischen Nachrichtenportal "Daily NK", das auf Nachrichten aus Nordkorea spezialisiert ist, soll es sogar mehrere Tote geben. Ein "hochrangiger Beamter" aus Pjöngjang sagte dem Portal: "Eine Frau in den Fünfzigern, die Ende Januar an Fieber und Husten litt, starb plötzlich am 27. Januar." Weiter sagte er: "Die Behörden haben einer örtlichen Polizeistation Unterlagen zu ihrem Tod vorgelegt, aus denen hervorgeht, dass sie an einer akuten Lungenentzündung gestorben ist."

Neuartige Lungenkrankheit: Mehr Todesfälle durch Coronavirus als durch Sars

Nordkorea soll Todesfälle vertuschen

Die Angabe, dass die Frau an einer Lungenentzündung gestorben sei, sei ein "Versuch der nordkoreanischen Behörden, die Todesursache zu vertuschen", schreibt "Daily NK". Der Beamte sagte dem Medium, dass die Verstorbene von den Behörden im Land eingeäschert worden sei. "Wenn sie an einer normalen Lungenentzündung gestorben wäre, hätte sich ihre Familie um die Einäscherung gekümmert. Ihre Familie glaubt, dass sie wegen einer Coronavirus-Infektion von den Behörden eingeäschert wurde", erklärte er.

Wie "Daily NK" unter Berufung auf seine Quelle in Pjöngjang berichtet, sind bislang insgesamt drei Menschen in der Hauptstadt an dem Virus gestorben. Alle seien im Krankenhaus Nr. 3 der Stadt unter Quarantäne behandelt worden. 18 Corona-Patienten befinden sich nach Angaben des Portals dort zurzeit unter Quarantäne.

Laut einer weiteren Quelle von "Daily NK" sind in der nordkoreanischen Provinz Pyongan, die an China grenzt, weitere fünf Menschen der Viruserkrankung zum Opfer gefallen. Die Behörden sollen angeordnet haben, dass die Leichen schnell beseitigt und die Todesfälle vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden sollten. Die Nachrichtenseite "Daily Beast" berichtet, die Todesopfer seien zuvor über den Grenzfluss Yalu von China ins Land gelangt. Offiziell bestätigen oder überprüfen lassen sich die Meldungen von "Daily NK" nicht.

Staatsmedien berichten von Maßnahmen gegen das Virus

Trotz aller mutmaßlichen Geheimhaltung, verschwiegen wird das Coronavirus in Nordkorea nicht. So berichtete das Staatsfernsehen darüber und in einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA heißt es, die Behörden würden an den Grenzen, Häfen und Flughäfen gründliche Hygiene- und Antiepidemiemaßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass das Virus das Land erreicht. Außerdem würden Auslandsreisende kontrolliert und Waren untersucht und gegebenenfalls isoliert.

In einer weiteren Meldung hieß es vergangene Woche: "Die Demokratische Volksrepublik Korea intensiviert die Prävention neuartiger Coronavirus-Infektionen." Eine Maßnahme sei demnach unter anderem die Desinfektion von Pkw. Auch die Produktion von Medikamenten zur Verhinderung von Covid-19-Erkrankungen sei erhöht worden.

Aber offenbar soll es noch strengere Maßnahmen geben. Laut "Daily NK" hat Staatschef Kim Jong Un angeordnet, "alle ausländischen Botschaften in Pjöngjang zu überprüfen", um Diplomaten mit verdächtigen Symptomen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu identifizieren und "vorübergehend zu deportieren". Es sollen Mitarbeiter des Außenministeriums und der Gesundheitsbehörden zu den Botschaften gegangen sein, um die Maßnahmen durchzuführen. Auch Familienangehörige der Botschaftsmitarbeiter sollen demnach überprüft werden. Sollten die Mitarbeiter des nordkoreanischen Außenministeriums die Anweisungen Kims nicht durchführen können, drohe ihnen Bestrafung, so das Nachrichtenportal.

Wirtschaftliche Probleme drohen

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete Ende Januar, Nordkorea stelle alle Ausländer, die aus China anreisen, einen Monat unter Quarantäne. Außerdem hätten mehrere ausländische Reiseveranstalter gesagt, dass Nordkorea ausländische Touristen nicht mehr einreisen lasse. Offenbar solle die Einreisesperre so lange andauern, bis es einen Impfstoff gebe.

Die harten Maßnahmen Nordkoreas könnten schwerwiegende Folgen für die Wirtschaft des Landes haben, berichtet Reuters weiter. Die wirtschaftlichen Lebensadern nach China und Russland seien fast durchtrennt. "Sie halten die Fracht draußen und sie halten die Chinesen draußen. Niemand kann rein- oder rausgehen“, zitiert die Nachrichtenagentur eine ungenannte Quelle. Viele Rohstoffe, die für die Herstellung gebraucht würden, stammten aus China.

Coronavirus für Nordkorea "einzigartige Bedrohung"

Laut "Daily Beast" wurde in Pjöngjang sogar eine Militärparade abgesagt, offenbar aus Angst vor einer Ausbreitung des Virus. Bruce Bennett, langjähriger Analyst beim Think Tank Rand Corporation, sagte der Nachrichtenseite, die Regierung müsse solch harte Maßnahmen ergreifen, da das Gesundheitssystem des Landes mangelhaft sei. "Nordkorea fehlen ein Impfstoff und medizinische Fähigkeiten", erklärte Bennett, "also müssen sie handeln, indem sie verhindern, dass die Krankheit nach Nordkorea gelangt."

Zehn Fakten über Nordkorea

Victor Cha und Marie DuMond vom Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington schreiben in einem Artikel bei "Beyond Parallel", einer Website, die sich für die koreanische Wiedervereinigung einsetzt: "Das Coronavirus stellt wohl eine einzigartige Bedrohung für Nordkorea dar." Denn: "Wenn es Berichte über das Virus in Nordkorea gibt, sollten wir damit rechnen, dass sich das Virus schnell ausbreiten wird, da der Staat nicht in der Lage ist, eine Pandemie einzudämmen."

Der Nordkorea-Experte Steve Tharp sagte "Daily Beast", die Führung in Nordkorea verstünde sehr gut, dass diese Pandemie sich rasend schnell in der Bevölkerung ausbreiten würde und "aufgrund der unzureichenden medizinischen Infrastruktur im Land und der niedrigen Krankheitsresistenz der Bevölkerung durch jahrelanges Hungern" in Nordkorea viel gefährlicher wäre als an anderen Orten.

Quellen: Nachrichtenagenturen Yonhap und Reuters, "Korea Times", "Daily NK", "Daily Beast", "Beyond Parallel", KCNA, "Chosun Ilbo", "JoongAng Ilbo"

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