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Spätfolgen des Coronavirus Jana ist 27 und erkrankte an Covid-19. Dann verlor sie zwei Sinne.

Jana Neugebauer ist 27 und infizierte sich im März mit dem Coronavirus. Seitdem hat sie nie wieder so gerochen und geschmeckt wie vorher.
Jana Neugebauer ist 27 und infizierte sich im März mit dem Coronavirus. Seitdem hat sie nie wieder so gerochen und geschmeckt wie vorher.
© privat
Monate, nachdem Jana Neugebauer an Covid-19 erkrankte, leidet sie immer noch an den Spätfolgen der Krankheit. Erst war der Geruchs- und Geschmackssinn verschwunden – nun riecht alles unerträglich.

Viele Menschen, die sich mit dem Coronavirus infizieren, überstehen die Krankheit Covid-19 symptomlos. Nach zwei Wochen taucht man in den amtlichen Statistiken in der Regel als genesen auf – dabei sind längst nicht alle gesund. Denn einige Patienten kämpfen auch nach Wochen oder gar Monaten mit schweren Spätfolgen, die das Virus im Körper angerichtet hat.

Eine von ihnen ist Jana Neugebauer. Die 27-jährige Produktmanagerin aus Wien infizierte sich Ende Februar mit dem Coronavirus. Es passierte bei einem Abendessen, eine flüchtige Umarmung mit einem Bekannten, der später als positiv getestet wurde, genügte. Wenige Tage später bekam sie Atemprobleme. "Die Lunge juckte, als wäre sie entzündet. Es wurde immer schlimmer, deshalb habe ich mich direkt testen lassen." Der Test auf Sars-CoV-2 war positiv.

Plötzlich roch das Shampoo nach nichts

"Die Lunge fühlte sich durchgehend an, als wäre ich so schnell gelaufen, dass ich kaum noch Luft bekam. Selbst dann, wenn ich mich überhaupt nicht bewegte." Ansonsten sei ihr Verlauf vergleichsweise mild gewesen, sagt sie im Gespräch mit dem stern. Sie habe weder Fieber noch eine verstopfte Nase gehabt.

Doch drei bis vier Tage nach ihrem positiven Testbescheid war plötzlich etwas anders: "Ich bin morgens aufgestanden und merkte, irgendetwas stimmt nicht. Beim Duschen fiel mir auf: Mein Duschgel riecht nach nichts. Das Shampoo ebenso. Ich habe mich anschließend mit Deo und Parfüm eingesprüht, aber nichts gerochen. In der Küche habe ich mir eine Orange gegriffen, die nach nichts schmeckte. Da bemerkte ich: Ich habe von einem Tag auf den anderen zwei Sinne verloren!"

Jana war geschockt, doch sie war sich sicher, dass sie auch das durchstehen werde. Und tatsächlich: Nach zwei Wochen ohne Geruchs- und Geschmackssinn wurde es wieder besser. "Ich habe seit Anfang März nicht mehr so gerochen wie vorher. Ich würde sagen, 50 bis 60 Prozent der Sinne waren zurück. Seit einer Woche ist aber wieder alles anders: Seitdem riecht alles extrem intensiv, jedoch nicht auf die gute Art, sondern sehr penetrant."

Auch Menschen riechen "absolut abstoßend"

Manche Dinge riechen völlig normal, etwa Rosmarin oder Gurken. Andere Gerüche seien jedoch kaum auszuhalten: "Zigaretten- und Feuerqualm stinkt extrem. Aber auch Cremes und Zahnpasten, die mit Minze versetzt sind, sind absolut unangenehm. Das riecht, als würde etwas Giftiges verbrannt werden."

Das Schlimmste: Nicht nur Lebensmittel riechen unangenehm, sondern auch andere Menschen, darunter Janas Freund. "Normalerweise liebe ich seinen Geruch, aber seit einer Woche ist es absolut abstoßend. Selbst meinen eigenen Körpergeruch empfinde ich als unangenehm!"

Das Symptom des allgegenwärtigen ekelhaften Geruchs ist übrigens wissenschaftlich bereits erforscht und nennt sich "Parosmie". Es tritt nicht nur nach Covid-19 auf, sondern auch nach anderen überstandenen Viruserkrankungen. Medizinern zufolge deutet der plötzlich strenge Geruch darauf hin, dass sich die Riechzellen wieder regenerieren – man kann es also als gutes Zeichen werten.

Auch der Geschmackssinn ist in Mitleidenschaft gezogen. "Neulich aß ich mit meinen Eltern ein Kotelett. Das hat so ranzig geschmeckt, dass ich es ausspucken musste", erklärt die 27-Jährige. "Alles, was fettig ist, schmeckt alt und verdorben. Eier sind ebenso widerlich. Selbst Schokoriegel, die ich eigentlich liebe, schmecken plötzlich ekelhaft." Im Alltag wird das zur Herausforderung. Ein frisch gebratener Lachs, eines ihrer Lieblingsessen, musste sie hinunterwürgen – "irgendetwas muss ich ja essen".

Die Folgen von Covid-19 sind divers

Rund 190.000 Menschen in Deutschland und 9,45 Millionen Menschen weltweit gelten mittlerweile als genesen. Doch die Beschwerden einiger vermeintlich Gesunder sind vielfältig: Einige berichten von schweren Atemproblemen, andere von dauerhafter Müdigkeit. Bei einigen funktionieren Niere, Leber oder Darm nicht wie vorher, andere klagen über starken Haarausfall.

Der Lungenexperte Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sprach einmal vom "Post-Covid- Syndrom", das auch auf vergleichsweise leichte Krankheitsverläufe folgen könne: "Die Menschen kommen nicht mehr in den Alltag zurück." Viele der Patienten würden sich nicht ernst genommen fühlen, berichtete der Mediziner in einem Interview.

Auch Jana Neugebauer kennt dieses Gefühl: "Häufig sind meine aktuellen Symptome von anderen nicht nachvollziehbar. Aber diese Probleme kennt ja fast niemand." Wie lange die Symptome anhalten werden, ist nicht klar. Bei einigen Patienten verschwinden sie innerhalb von kurzer Zeit, bei anderen bleiben sie monatelang, erklären Mediziner. Mittlerweile wünscht sich Jana manchmal die Zeit zurück, als sie gar nichts riechen und schmecken konnte. "Das war auch nicht schön, aber auszuhalten."

Kein Verständnis für Partys trotz Corona

Dass viele Menschen nun verreisen, bisweilen sogar in ferne Länder fliegen, findet die 27-Jährige Österreicherin nicht schlimm. "Die Leute sollen ruhig in den Urlaub fahren, solange sie vorsichtig sind. Man sollte in der Öffentlichkeit einfach darauf achten, dass man mit fremden Menschen keinen zu engen, langfristigen Kontakt ohne Maske hat." Allerdings hat sie wenig Verständnis für junge Menschen, die sich zu Hunderten oder gar Tausenden treffen, gemeinsam feiern und keine Abstands- und Hygieneregeln einhalten.

"Am Anfang dachte ich: Die Symptome sind nicht so schlimm, das halte ich durch und danach bin ich immun. Dann hat sich das Kapitel Corona für mich erstmal erledigt. Nun, wo die Nebenwirkungen und Langzeitfolgen bekannt sind, hat sich meine Meinung geändert. Wenn man fünf Monate lang mit den Folgen zu kämpfen hat, ist das nicht mehr lustig."

"Ich rechne damit, erst einmal verschont zu bleiben"

Ob ihr Körper noch Antikörper gegen das Coronavirus hat, weiß sie nicht. Angst vor einer möglichen zweiten Ansteckung hat sie jedoch nicht. "Selbst wenn sie nicht mehr nachweisbar sind, vertraue ich darauf, dass mein Körper auf das Virus reagiert, sollte ich nochmal damit in Kontakt kommen. Ich rechne damit, dass ich zumindest eine Zeit lang verschont bleibe und mich nicht nochmal anstecken werde."

Als positiv denkender Mensch versucht Jana Neugebauer, stets das Beste in jeder Situation zu sehen. Nachdem sie auf Twitter von ihren Erfahrungen berichtet hat, haben sich viele Betroffene bei ihr gemeldet, mit denen sie sich nun austauscht. "Außerdem habe ich ein paar Stellenangebote zugeschickt bekommen, weil ich spaßeshalber darauf aufmerksam gemacht habe, dass ich derzeit auf Jobsuche bin. Vielleicht hat das am Ende langfristig ja sogar was Gutes."


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