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Coronavirus So bereiten sich Kliniken auf Covid-19 vor: "Krankenhäuser sind nicht für jeden Hustenden"

Coronavirus: Eine Infektiologin der Klinischen Infektiologie am Dresdner Uniklinikum steht am Eingang der Corona-Ambulanz
Das Dresdner Uniklinikum hat eine Corona-Ambulanz eingerichtet - hier werden Patienten mit begründetem Infektionsrisiko untersucht. Auch andere Kliniken wappnen sich für steigende Patientenzahlen.
© Robert Michael / DPA
In Italien breitet sich das Coronavirus schnell aus - entsprechend überlastet sind Ärzte und Kliniken. Wie verhindern deutsche Krankenhäuser ein ähnliches Szenario? Hier schildern drei Experten konkrete Maßnahmen - und appellieren an die Vernunft jedes Einzelnen.

Nach China ist Italien das Land mit den derzeit meisten bestätigten Coronavirus-Infektionen weltweit: Mehr als 12.000 Italiener sind nachweislich an Covid-19 erkrankt, über 800 Menschen starben. Tendenz: rasant steigend. Den Kliniken des Landes droht angesichts der grassierenden Virus-Epidemie der Kollaps. Ärzte und Pflegepersonal klagen über Überlastung - Intensivbetten werden rar. Auch in Deutschland steigen die Fallzahlen seit einigen Tagen stark an. Wie lässt sich ein ähnliches Szenario hierzulande verhindern?

Darüber sprachen drei Experten auf einer virtuellen Pressekonferenz. Zugeschaltet waren:

- Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin

- Uta Merle, kommissarische Ärztliche Direktorin am Universitätsklinikum Heidelberg

- und Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin am Münchener Klinikum Schwabing. Wendtner hatte die ersten deutschen Covid-19 Patienten in München behandelt.

Einig waren sich die Experten darin, dass Deutschland grundsätzlich besser als Italien auf eine grassierende Virus-Epidemie vorbereitet sei. Busse rechnete das am Beispiel der Intensivbetten vor: Bezogen auf die Bevölkerung stünden in Deutschland zweieinhalb mal so viele Betten zur Verfügung. "Wir haben 27.000, 28.000 Betten auf Intensivstationen. Wenn wir Italien wären, hätten wir bezogen auf die Größe 11.000. Da sieht man das Reservepotential, was wir gegen Italien haben."

Neben den grundsätzlichen Kapazitäten des Gesundheitssystems bereite sich auch jede Klinik im Einzelnen auf steigende Patientenzahlen vor. Am Münchener Klinikum Schwabing seien etwa Urlaubssperren für das Personal verhängt worden, Dienstreisen wurden abgesagt, so Chefarzt Wendtner. Die Krisenpläne des Klinikums seien aktiviert worden, was bedeute, dass Betten auf anderen Stationen freigemacht und zu Pandemiezonen erklärt würden.

Flaschenhals Personal

"Bis heute sind wir den Ereignissen noch voraus", betonte Uta Merle, die am Universitätsklinikum Heidelberg eine Intensivstation mit aktuellen Covid-19-Patienten betreut. "Wir haben eine Station komplett zur Verfügung gestellt und haben eine Wachstation in eine Intensivstation umgewandelt, um im Moment noch nicht an unsere Intensivbetten zu gehen."

Am Universitätsklinikum Heidelberg stünden aktuell 112 Beatmungsgeräte und 240 Intensivplätze zur Verfügung. "Wir könnten noch einmal auf das Doppelte steigern, wenn wir die passenden Geräte bekommen. Wahrscheinlich wird das in vielen Bereichen oder Kliniken ähnlich sein." Das Personal an der Klinik sei geschult und trainiert worden. Die Trainings hätten auch dazu geführt, dass Ängste und Vorbehalte in der Belegschaft zurückgegangen seien. Ärzte wie Pflegekräfte befänden sich derzeit noch in einem Lernprozess, schließlich handele es sich um einen neuartigen Erreger.

Betten und Beatmungsgeräte seien grundsätzlich schnell verfügbar zu machen, betonte auch Wendtner. "Zum Schluss wird es auch am Personal hängen." Um Patienten in Not behandeln zu können, müsse daher an anderen Stellen Personal abgezogen werden - nicht dringliche Operationen könnten etwa verschoben werden.

Ärztin mahnt zu "vernünftigem Verhalten"

In einer Krisensituation könnten nicht notwendige Krankenhausaufenthalte reduziert werden, betonte auch Busse. "Dann haben wir das Personal, das derzeit dort gebunden ist für die Patienten zur Verfügung, bei denen wir es dann tatsächlich brauchen." Auch mit Blick auf den Pflegenotstand versicherte er: "Durch Umschichtung und Vorbereitung lässt sich das Problem in den Griff bekommen."

Die Kliniken seien zwar sehr gut ausgestattet, versicherte Uta Merle. Sie warnte aber vor einer zu schnellen Ausbreitung des Erregers: "Letztlich geht es darum, dass nicht alle Patienten auf einmal krank werden." Sie appellierte deshalb an jeden Einzelnen und mahnte zu "vernünftigem Verhalten". Großveranstaltungen in geschlossenen Räumen sollten gemieden werden. "Das Virus ist da, und es wird zirkulieren. Je länger wir diese Phase hinauszögern können, in der sich einer nach dem anderen ansteckt, umso besser können die Krankenhäuser damit umgehen." 

Auch Busse mahnte zu rationalem Handeln - nicht jeder Hustende solle gleich ins Krankenhaus kommen. "Die Bevölkerung muss mitdenken und muss jetzt nicht in die Krankenhäuser strömen, um diese von ihrer echten Arbeit an den Schwerkranken abzuhalten."

Wendtner erklärte: "Die stationären Kapazitäten in Deutschland sind prinzipiell verfügbar. Wir sind im Vergleich zu Italien sehr gut gerüstet. Wir müssen diese Ressourcen auch sehr vernünftig nutzen und nicht gegenseitig blockieren. Da hat auch der Patient eine Mitverantwortung. Wenn wir die stationären Kapazitäten für schwer erkrankte Covid-Patienten zur Verfügung haben, dann ist das in einem gemeinsamen Kraftakt in Deutschland auch möglich."


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