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Zahlreiche Ansteckungen: Was macht Corona-Infizierte zu den gefürchteten Superspreadern?

Nach einem Gottesdienst in Frankfurt haben sich mehr als 100 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Wenn einzelne Infizierte mehrere Menschen anstecken, sprechen Forscher von "Superspreading Events". Wie kommt es dazu - und was macht sie so gefährlich?

Coronavirus: Fassade des Bethauses in Frankfurt

Fassade des Bethauses in Frankfurt: Nach einem Gottesdienst in der Kirchengemeinde vor gut zwei Wochen sind mehr als 100 Menschen mit dem Coronavirus infiziert

DPA

Sie wollten gemeinsam Gottesdienst feiern, singen und beten - nun sitzen viele von ihnen zuhause in Quarantäne. Nach einem Gottesdienst in einer baptistischen Gemeinde in Frankfurt sind mehr als 100 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Nicht alle haben sich während des Gottesdienstes angesteckt.

Stattdessen konnte sich das Virus auch nach der Feier in den Familien der Gläubigen ausbreiten. Viele von ihnen hätten "fünf oder mehr Kinder", heißt es in einer Stellungnahme der Gemeinde, in der sich die Verantwortlichen reumütig zeigen. Zwar habe es getrennte Ein- und Ausgänge gegeben und der Abstand von 1,5 Metern sei eingehalten worden. Im Nachhinein betrachtet wäre es aber "angebracht" gewesen, "beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutz-Bedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten."

Wenn einzelne Infizierte zahlreiche Menschen mit einem Erreger anstecken, sprechen Forscher von sogenannten "Superspreading Events" - also Ereignissen, bei denen sich ein Erreger besonders effektiv ausbreiten konnte. Das Phänomen ist keineswegs neu und wurde bereits bei früheren Ausbrüchen des ersten Sars- und des Mers-Erregers beobachtet. Auch Masern können sich über sogenannte Superspreader explosiv ausbreiten. So sind Fälle bekannt, bei denen eine einzelne Person bis zu 200 Menschen infizierte. Masern gelten als eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten weltweit. 

Superspreading Events zu verhindern, ist kaum möglich, da oft eine unglückliche Verkettung mehrerer Faktoren verantwortlich zeichnet - darunter Leichtsinn, äußere Faktoren und verschiedene Übertragungswege eines Erregers. Auch können Superspreading Events nur im Nachhinein als solche festgestellt werden - nämlich dann, wenn nach einer Versammlung oder Zusammenkunft die Fallzahlen nach oben klettern.

Abstandsregeln offenbar nicht eingehalten

So geschehen auch nach einem Restaurant-Abend im Landkreis Leer: Dort kamen am 15. Mai mehrere Menschen in einer geschlossenen Gesellschaft zusammen. Ermittler gehen dem Verdacht nach, dass an diesem Abend die Corona-Abstandsregeln nicht eingehalten wurden. Zur Begrüßung soll es Händeschütteln und Umarmungen gegeben haben. Mindestens 14 Menschen infizierten sich an diesem Abend mit dem Coronavirus - vier weitere steckten sich in der Folge an. 133 Menschen befinden sich in häuslicher Quarantäne.

Gefährlich sind diese Events vor allem, weil die Gesundheitsämter im Nachhinein nur noch Schadensbegrenzung betreiben können, indem sie Infizierte und deren Kontaktpersonen aufspüren. Meist hat sich der Erreger in der Zwischenzeit weiter verbreiten können, beispielsweise in den Familien der betroffenen Personen. Auch deren Kontaktpersonen müssen dann ausfindig gemacht werden. Ist das Ausbruchsgeschehen lokal begrenzt - zum Beispiel auf einen einzelnen Landkreis oder eine kleinere Gemeinde - gelingt das in der Regel noch sehr effektiv. Schwieriger wird es, wenn sich Menschen nach der Zusammenkunft breit verteilen, möglicherweise reisen und unterwegs weitere Menschen anstecken. 

Superspreading Events seien "schwer vorherzusagen und schwer zu verhindern", heißt es in einer Stellungnahme der US-Gesundheitsbehörde CDC. Gleichwohl gibt es Möglichkeiten, das Risiko deutlich zu senken. Dabei hilft das Verständnis, wie es zu solchen Ereignissen kommt:

  • Superspreader haben in der Regel Kontakt zu zahlreichen Menschen - sei es durch private oder öffentliche Versammlungen oder weil ihr Beruf zwangsläufig zu Kontakten mit Menschen führt. Ein Bar-Mitarbeiter, der krank zur Arbeit erscheint, kommt eher als Superspreader infrage als ein Bürokaufmann im Einzelzimmer. Ein infizierter Gläubiger, der sich in eine volle Kirche setzt, infiziert potenziell mehr Menschen als eine einzelner Mensch, der sich zu einer stillen Andacht in einer fast menschenleeren Kapelle einfindet. Auch einzelne Reisende können zu Superspreadern werden, wie die Fälle der sogenannten Münchner-Kohorte zeigen. Damals steckte eine Geschäftsfrau aus China Mitarbeiter eines Münchner Autozulieferers mit dem Coronavirus an. In der Folge infizierten sich 16 Menschen mit dem Erreger.
  • Auch räumliche Faktoren beeinflussen das Risiko. Das Coronavirus scheint sich in geschlossenen Räumen, in denen die Luft "steht", effektiver ausbreiten zu können als an frischer Luft. In einer bislang unveröffentlichten Studie untersuchten japanische Forscher die Ansteckungswege von 110 Corona-Patienten. Alle Infektionen konnten mit geschlossenen Räumen in Verbindung gebracht werden, darunter Fitnesscenter, Aufenthaltsorte zum Essen und Krankenhäuser. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung war in den Räumlichkeiten 18,7-Mal höher als an der frischen Luft.
    Diskutiert wird aktuell, welche Rolle dabei sogenannte Aerosole spielen. Dabei handelt es sich um virenbehaftete Partikel, die beim Atmen oder Sprechen entstehen und in geschlossenen Räumen für längere Zeit in der Luft schweben. Wissenschaftler wie der Berliner Virologe Christian Drosten raten, sich bevorzugt im Freien zu treffen. Beim Aufenthalt in geschlossenen Räumen ist auf eine gute Belüftung zu achten, um eine mögliche Aerosol-Belastung abzubauen. Fenster sollten nach Möglichkeit geöffnet werden.
  • Eine Mund-Nasen-Bedeckung und Hust-Nies-Etikette dienen in erster Linie dazu, andere Menschen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Durch verantwortungsvolles Handeln hat es jeder Mensch ein Stück weit selbst in der Hand, ob und wie viele Menschen mit dem Erreger infiziert werden. Dazu zählt auch, Abstandsregeln einzuhalten, bei Krankheitssymptomen zuhause zu bleiben und sich nach Kontakt mit einem nachweislich Infizierten in Quarantäne zu begeben.
    Gründliches Händewaschen schützt gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen werden Krankheitserreger abgespült, zum anderen wird verhindert, dass eigene Keime auf Türklinken und Oberflächen gelangen, von wo aus sich andere Menschen mit dem Erreger anstecken können.
  • Ob ein infizierte Person zu einem Superspreader wird, ist auch von zeitlichen Faktoren abhängig. Forscher konnten bei Corona-Patienten nachweisen, dass die Virusmenge im Rachen zu Beginn der Symptomatik am höchsten ist und dann kontinuierlich abnimmt. Ein Infizierter, der erste Symptome bei sich feststellt, ist damit aller Wahrscheinlichkeit nach infektiöser als jemand, der die Infektion so gut wie überstanden hat. Pauschale Schlussfolgerungen sind jedoch kritisch zu sehen. Bei einzelnen Infizierten ist das Virus nämlich deutlich länger nachzuweisen. Auch gibt es Hinweise, dass Menschen bereits vor Symptombeginn ansteckend sein könnten.
  • Nicht zuletzt spielen auch gesundheitspolitische Faktoren eine Rolle - zum Beispiel die Frage, ob ausreichend Testmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Tests und ausreichend Schutzausrüstung für medizinisches Personal seien vor allem in Kliniken und Pflegeeinrichtungen essenziell, heißt es in einer Stellungnahme der US-Gesundheitsbehörde CDC. Potenziell infizierte Patienten sollten schnell getestet und isoliert werden, um Ansteckungen zu verhindern. 
Mit einer kurzen Handwäsche erreicht man gar nicht alle wichtige Stellen.

Die besten Hebel, um Superspreading Events vorzubeugen, sind demnach: Hygiene- und Abstandsregeln einhalten, Rücksicht nehmen und Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen meiden. Auch die baptistische Gemeinde in Frankfurt will nun dementsprechend handeln. Sie kündigte an, alle Gottesdienste bis auf weiteres nur noch im Online-Format anzubieten. 

Quellen: Centers for Disease Control and Prevention (CDC) / Spektrum / Stellungnahme der Evangeliums Christen Baptisten Frankfurt

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