HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

Maßnahmen gegen Pandemie: Zwischen Shutdown und (fast) normalem Alltag: Wie unterschiedlich Skandinavien mit Corona umgeht

Während unser nördlicher Nachbar Dänemark das öffentliche Leben weitgehend runtergefahren hat, handhabt etwa Schweden die Bekämpfung des Coronavirus weniger strikt. Wie die skandinavischen Länder damit umgehen.

Von links oben nach rechts unten: Ein Parkbeamter überwacht den Fußgängerverkehr in Kopenhagen, Menschen genießen die Sonne in Stockholm, eine Krankenschwester informiert Passagiere am Flughafen Helsinki, ein Mann geht in den leeren Straßen Oslos einkaufen

Von links oben nach rechts unten: Ein Parkbeamter überwacht den Fußgängerverkehr in Kopenhagen, Menschen genießen die Sonne in Stockholm, eine Krankenschwester informiert Passagiere am Flughafen Helsinki, ein Mann geht in den leeren Straßen Oslos einkaufen

DPA / AFP

Andere Länder, andere Corona-Maßnahmen. Während zum Beispiel Deutschland, Frankreich oder das vom Virus Sars-CoV-2 besonders schwer getroffene Italien das öffentliche Leben fast komplett runterfahren und sich abriegeln, fahren andere Länder ganz andere Kurse. Das skandinavische Schweden etwa hat vergleichsweise laxe Maßnahmen, die die Ausbreitung des Coronavirus verhindern sollen. Im Nachbarland Dänemark verfährt man hingegen besonders streng. Eine Übersicht über die Handhabe in den skandinavischen Staaten.

Island: In Island gibt es bislang mehr als 700 bestätigte Infektionsfälle, wie der isländische Rundfunk RÚV berichtet. Am Dienstag wurde der erste Covid-19-Todesfall einer Isländerin bekannt. Bereits vergangene Woche war ein Australier um die 40 in Husavik im Norden des Landes gestorben. Nach Angaben von RÚV wurde das Virus nach seinem Tod bei ihm festgestellt. Es wird demnach davon ausgegangen, dass er an einer vom Virus ausgelösten Lungenentzündung starb. 

Grundschulen und Kindergärten noch geöffnet

In Island, das rund 360.000 Einwohner hat, wurden Mitte März Oberschulen und Universitäten geschlossen, Grundschulen und Kindergärten sind aber noch geöffnet. Am Sonntag ordnete die Regierung die Schließung von Schwimmbädern, Museen, Kneipen und Friseursalons an und untersagte Versammlungen von mehr als 20 Menschen. Supermärkte und Apotheken seien von den Regelungen ausgenommen, es dürften aber nur maximal 100 Kunden in einem Geschäft sein, so das isländische Nachrichtenportal "The Reykjavik Grapevine". Menschen müssen laut Regierung zwei Meter Abstand voneinander halten.

Auch beim Reisen hat der Inselstaat im Nordatlantik Restriktionen verhängt. Seit dem 20. März dürfen Ausländer – mit Ausnahme von Bürgern der EU, des EWR (Europäischer Wirtschaftsraum), der EFTA (Europäische Freihandelsassoziation) oder britischen Staatsangehörigen –nicht nach Island einreisen. Ausnahmen gebe es außerdem für Menschen mit einem Aufenthaltstitel oder Familienangehörigen in Island. Isländische Staatsbürger müssten sich bei Einreise in 14-tägige Quarantäne begeben.

Norwegen: Das Land hat die Einschränkungen wegen des neuartigen Coronavirus bis einschließlich Ostern verlängert, wie Ministerpräsidentin Erna Solberg am Dienstag bekannt gab. Damit dürfen die Norweger auch über die Feiertage nicht auf ihre Hütten fahren. Kindergärten, Schulen und Universitäten bleiben bis zum 13. April geschlossen. Bislang sind in Norwegen mehr als 2900 Infektionsfälle bestätigt. Mindestens zwölf Menschen sind an dem Virus gestorben, wie das Institut für Volksgesundheit mitteilte.

Es gilt darüber hinaus ein Versammlungsverbot von mehr als fünf Menschen, wie das norwegische Gesundheitsministerium schreibt. Ausnahmen gelten für Familien. Am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit solle man zwei Meter Abstand voneinander halten. Außerdem sind laut Ministerium unter anderem bis auf weiteres Kultur- und Sportveranstaltungen verboten, Fitnessstudios, Friseure, Massage-Salons, Tätowierer und Schwimmbäder sind geschlossen. Für Gaststätten gelten strenge Auflagen. Supermärkte haben weiterhin geöffnet. Von Reisen im In- sowie ins Ausland wird abgeraten. Öffentlicher Transport solle gemieden werden, so das Ministerium. Es wird das Arbeiten von zu Hause aus empfohlen.

Coronavirus in Tunesien: Eine Frau zeigt einem Polizeiroboter ihre Bescheinigung bei Ausgangsbeschränkungen in Tunis

Norwegen entlässt Häftlinge im Kampf gegen Corona

Menschen können seit Kurzem ihren Verdacht, sich selbst mit dem Coronavirus infiziert zu haben, den Gesundheitsbehörden online mitteilen. Auf der Webseite der Behörden liegt ein Formular bereit, in das man eintragen kann, welche Symptome man hat, seit wann man sie hat und ob man an chronischen Krankheiten leidet. Die Angaben sind anonym und sollen dem Gesundheitsinstitut helfen, einen Überblick zu bekommen, wie viele an dem Virus erkrankt sein könnten. Wie in vielen anderen Ländern kann auch in Norwegen nicht jeder getestet werden, der Erkältungssymptome aufweist.

In Norwegen sind im Kampf gegen Corona sogar 126 Häftlinge vorzeitig aus den Gefängnissen entlassen worden. Zurzeit gebe es immer noch 147 Häftlinge, die sich die Zelle mit anderen teilten. Weitere 73 Insassen sollen noch freikommen. Die Haftstrafe der Betroffenen wurde um bis zu 30 Tage verkürzt.

Dänemark: Deutschlands nördlicher Nachbar hat mit die strengsten Regelungen in Skandinavien erlassen. Der Staat verlängert all seine Maßnahmen bis einschließlich Ostern. Alle ergriffenen Initiativen gelten nun vorerst bis zum 13. April, sagte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Montag auf einer Pressekonferenz. Seit dem Beginn der Maßnahmen vor fast zwei Wochen sei es den Dänen geglückt, ihr Verhalten zu verändern.

Unter anderem sind Schulen, Kindergärten, Friseure, Restaurants, Cafés, Theater, Nachtclubs sowie weitere Freizeiteinrichtungen wie Fitnessstudios und Solarien geschlossen worden. Take-away sei aber erlaubt. Auch viele Geschäfte und Warenhäuser mussten schließen. Bislang sind laut Behördenangaben öffentliche Versammlungen mit mehr als zehn Menschen untersagt. Dies schließt auch religiöse Versammlungen ein, wie die Behörden mitteilten. Diese Grenze solle nach dem Wunsch der Regierung aber herabgesetzt werden, so der öffentlich-rechtliche Sender "Danmarks Radio"

Dänemark: Gefängnis für Diebstahl von Schutzmaterialien

Beamte wurden nach Hause geschickt und sollen von dort aus arbeiten. In Supermärkten und dem öffentlichen Nahverkehr werden die Dänen intensiv angemahnt, Abstand zu halten. Seit dem 14. März sind auch die Grenzen nach Deutschland, Schweden und Norwegen für Touristen und andere Ausländer für eine Einreise ohne triftigen Grund dicht. Die in Kraft getretenen Maßnahmen sowie Ratschläge der Gesundheitsbehörden werden über Medien im ganzen Land verbreitet, etwa durch Durchsagen im Radio.

Neben den schon geltenden Maßnahmen sollen Verstöße gegen diese härter bestraft werden, wie der dänische Fernsehsender TV2 berichtet. Demnach wolle Justizminister Nick Hækkerup Kriminalität, die im Zusammenhang mit Corona steht, doppelt so hart bestrafen. Dies solle beispielsweise für Diebstahl, Einbruch und Betrug gelten. Diebstahl von Schutzkleidung oder Desinfektionsmitteln könne sogar mit Gefängnis enden.

In Dänemark sind laut jüngsten Angaben der Behörden mehr als 1850 Menschen positiv auf Covid-19 getestet worden, 41 starben an den Folgen. Auf den zu Dänemark gehörenden Færøer-Inseln sind 140 Infektionen gemeldet, auf Grönland 23.   

Schweden: Im Vergleich zu seinen Nachbarn hat Schweden noch recht lockere Maßnahmen beschlossen. Regierungschef Stefan Löfven rief seine Landsleute in einer Fernsehansprache dazu auf, "Verantwortung zu übernehmen" und sich an die offiziellen Empfehlungen zu halten. Das heißt, möglichst im Homeoffice zu arbeiten, bei Krankheit zu Hause zu bleiben und Abstand zu halten. Angehörige einer Risikogruppe und Menschen über 70 sollen ebenfalls nicht aus dem Haus gehen. 

Laxe Maßnahmen in Schweden

Die schwedische Gesundheitsbehörde rief die Bevölkerung dazu auf, auf Besuche bei der Verwandtschaft an Ostern zu verzichten. Sekundarschulen und Universitäten sind geschlossen und unterrichten online. Veranstaltungen mit bis zu 500 Menschen sind nach wie vor erlaubt. Auch Ski-Orte waren lange geöffnet, was für viel Kritik sorgte. Lediglich an den Grenzen unterbindet Stockholm den nicht notwendigen Verkehr. Dennoch heißt es in einer Pressemitteilung des Justizministeriums: "Das Einreiseverbot gilt vor allem für ausländische Staatsbürger, die versuchen, aus einem Land außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums oder aus der Schweiz nach Schweden einzureisen. (…) Das Einreiseverbot wirkt sich weder auf Reisen aus einem anderen EU-Land nach Schweden noch auf schwedische Staatsbürger aus." 

Restaurants und Bars sind weiter geöffnet – und waren auch gut besucht. In den Lokalen sei allerdings bis auf Weiteres nur noch die Bedienung am Tisch für sitzende Gäste erlaubt, teilten Sozialministerin Lena Hallengren und Gesundheitsbehördenchef Johan Carlson auf einer Pressekonferenz mit. An der Bar dürfen demnach keine Getränke oder Speisen mehr serviert werden. Take-Away-Speisen und Buffets sind von den Maßnahmen nicht betroffen.

In Schweden sind nach Angaben der Behörden bislang mehr als 2800 Menschen an Covid-19 erkrankt, 66 sind an den Folgen der Krankheit gestorben. 

Bei Kritik an dem vergleichsweise entspannten Umgang mit der Pandemie verweisen Politiker auf den Rat der Gesundheitsbehörde. Die empfiehlt derzeit noch keine strengeren Maßnahmen und argumentiert, dass die Älteren zu Hause bleiben sollten, nicht die Kinder. Das Parlament hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der die Schließung von Grund- und Vorschulen erlaubt - falls dies notwendig werden sollte. Epidemiologen hatten von einem kompletten Shutdown abgeraten und die Schweden sogar dazu ermuntert, das Haus zu verlassen und ins Freie zu gehen.

Finnland: Die Hauptstadt Helsinki wird wegen des Coronavirus abgeriegelt. Die Aus- und Einreiseverbote für die Hauptstadtregion Uusimaa gelten ab Freitag und für mindestens drei Wochen, wie Ministerpräsidentin Sanna Marin am Mittwoch mitteilte. Reisen aus sehr wichtigen Gründen wie etwa beim Tod eines Angehörigen oder zum Besuch eines getrennt lebenden Kindes bleiben aber erlaubt. Ausnahmen gebe es auch für Fahrten zur Arbeit. 

Haupstadt-Region in Finnland abgeriegelt    

Auch ist Bewohnern von Uusimaa, die sich derzeit außerhalb der Region aufhalten, die Rückkehr nach Hause erlaubt. Der Warenverkehr ist von den Verboten nicht betroffen. In Uusimaa leben 1,7 Millionen Menschen, das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung Finnlands.

In Finnland gibt es bislang rund 880 bestätigte Corona-Infektionsfälle und mindestens drei Todesopfer der Pandemie. Mehr als 500 der Ansteckungsfälle und zwei der Todesfälle wurden in Uusimaa verzeichnet.

Die finnische Regierung hatte wegen der Pandemie Anfang vergangener Woche den Ausnahmezustand ausgerufen. Die Grenzen wurden für Ausländer ohne ständigen Wohnsitz im Land geschlossen. Treffen von mehr als zehn Menschen in der Öffentlichkeit sind verboten. Die meisten Schulen in Finnland sind geschlossen. Schüler in den ersten drei Jahrgängen dürften zur Schule gehen, wenn ihre Eltern sie nicht betreuen könnten, berichtete der finnische Rundfunk Yle.

Die geplante Schließung von Restaurants, Kneipen, Nachtclubs und Cafés für Kunden lasse sich dagegen bis zum Wochenende noch nicht umsetzen, sagte Marin. Sie appelliere aber an alle Inhaber dieser Lokale, bereits jetzt zu schließen. Die Regierungschefin hatte am Dienstag angekündigt, die Maßnahme solle nach der Prüfung im Parlament bis zum 31. Mai gelten. Außer-Haus-Verkauf sei jedoch weiter erlaubt. Mittagskantinen etwa an Arbeitsplätzen dürfen geöffnet bleiben.

Quellen: Nachrichtenagenturen DPA und AFP, Regierung Schwedens und IslandsFolkhälsomyndigheten, FolkehelsinstitutetRÚV, "The Reykjavik Grapevine", Polizei Dänemark, TV2, "Danmarks Radio", Gesundheitsbehörden Norwegen

rw

Wissenscommunity