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Corona-Krise: Die "deutsche Ausnahme": Warum, fragen sich die Amerikaner, sterben hier relativ wenig Menschen?

In den USA sind mehr als 10.000 Corona-Infizierte gestorben. In Deutschland knapp 1800. Warum? Was ist hier anders? Die "deutsche Ausnahme" fasziniert nicht nur Amerikaner, aber Experten haben Antworten.   

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Die "deutsche Ausnahme" fasziniert das Ausland. Nachdem sich vor Kurzem die britische "Financial Times" mit der Frage beschäftigte, warum hierzulande verhältnismäßig wenig Menschen an Covid-19 sterben, widmen sich nun auch die "New York Times" (NYT) und der amerikanische Businesssender CNBC dem Thema. Genau zu dem Zeitpunkt, als in den lange sorglosen USA die Corona-bedingten Todesfälle die Marke von 10.000 überschritten haben. Damit liegt die Pro-Kopf-Sterblichkeit in den Vereinigten Staaten derzeit bei drei Prozent - während sie in Deutschland mit 1800 Toten und 103.000 Infizierten 1,6 Prozent beträgt.

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Was läuft in Deutschland anders?

Was, fragen die Journalisten, läuft hier so anders? Während die "NYT" im ganzen Bundesgebiet recherchiert hat, fragt der Sender CNBC vor allem bei Karl Lauterbach nach, das gesundheitspolitische Gesicht der SPD. Sein Urteil klingt zunächst schicksalsergeben: "Ich denke, wir haben bislang Glück gehabt, weil wir von der Infektionswelle später getroffen wurden als andere europäische Länder, wie zum Beispiel Italien oder Spanien." Anders gesagt: Im weiteren Verlauf der Pandemie könnte die Zahl der Toten also durchaus noch ansteigen.

Das befürchtet auch der Heidelberger Virologe Hans-Georg Kräusslich: "Wir werden in Zukunft wahrscheinlich schwerere Fälle sowie eine Veränderung der Todesrate sehen", sagte er vor Kurzem der "Financial Times". Dennoch glaubt er, dass es handfeste Gründe gibt, warum sich die Zahl der Todesopfer noch in Grenzen hält. Umfangreiche Tests etwa. Dadurch werden mehr Infektionen entdeckt, die oft zitierte Dunkelziffer sinkt, Betroffene, vor allem aus Risikogruppen, können schneller und besser behandelt werden. "Eine frühzeitige Diagnose erhöht die Überlebenschance", so Kräusslich in der "NYT".

Viele Tests, viele Intensivbetten

Neben vielen Tests verfügen deutsche Krankenhäuser auch über eine große Anzahl von Intensivbetten. Italien, das Land mit den meisten Corona-Todesfällen, hat europaweit in den Krankenhäusern eine der niedrigsten Betten-Pro-Kopf-Raten: 318 Intensivbetten stehen dort pro 100.000 Einwohner zur Verfügung, in Deutschland beträgt die Pro-Kopf-Quote bei insgesamt 40.000 Betten 800.

Derzeit reichen die Kapazitäten sogar noch aus, um rund 200 Corona-Patienten aus anderen EU-Mitgliedsländern zu behandeln. Seit Ende März werden Patienten aus den besonders betroffenen Ländern auf Intensivstationen aufgenommen. "Wir haben mehr Krankenhausbetten, mehr Beatmungsgeräte, mehr Intensivstationen. Unser System ist für eine solche Epidemie in einem vernünftigen Zustand", so Karl Lauterbach zu CNBC.

Daneben weisen sowohl Lauterbach als auch Hans-Georg Kräusslich daraufhin, dass viele der Infizierten relativ jung seien – anders etwa als in Italien. Viele der ersten Patienten hätten sich in österreichischen oder italienischen Skiorten mit dem Virus angesteckt, sagte der Heidelberger Mediziner der "NYT". "Die Welle hat als Skifahrer-Epidemie angefangen."

Deutschlands größte Stärke in der Corona-Krise

Dazu kommen noch "weiche" Faktoren, wie etwa die Disziplin der Deutschen, was die Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen angeht. Die "New York Times" hebt auch das Vertrauen in die politische Führung hervor: "Angela Merkel, eine ausgebildete Wissenschaftlerin, hat während der Krise klar, ruhig und regelmäßig kommuniziert, als sie dem Land immer strengere soziale Distanzierungsmaßnahmen auferlegte", schreibt das Blatt und zitiert Hans-Georg Kräusslich mit den Worten: "Unsere vielleicht größte Stärke in Deutschland ist die rationale Entscheidungsfindung auf höchster Regierungsebene in Verbindung mit dem Vertrauen der Regierung in die Bevölkerung."

Es gibt aber auch Stimmen, die einwenden, dass die relativ geringe Todeszahl auch an der Art der Zählung liegt, beziehungsweise Nicht-Zählung. Denn üblicherweise werden Leichname nicht auf Corona-Infektionen untersucht. Das Robert-Koch-Institut etwa bezieht nur Todesfälle in seine Statistiken mit ein, "die mit einer Covid-19-Erkrankung in Verbindung stehen", wie es dort heißt. Konkret: Patienten, die direkt an der Erkrankung gestorben sind, sowie mit dem Virus infizierte Patienten, die noch unter anderen Krankheiten litten. Diese Zählweise kann natürlich zu Fehlern führen, allerdings in beide Richtungen: Entweder ist ein Infizierter nicht an Covid-19 gestorben oder eine Infektion blieb unerkannt.

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Quellen: "New York Times", "Financial Times", BR24, CNBC, Johns-Hopkins-Universität, RKI, DPA, AFP

nik

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