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Alter, Verlauf, Beatmung Was über schwerkranke Covid-19-Patienten in Deutschland bekannt ist

Coronavirus: Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung
Eine neue Studie liefert Daten zu Covid-19-Patienten in Deutschland
© Marcel Kusch / DPA
Männer werden häufiger beatmet als Frauen, auch junge Menschen können schwer erkranken, und etwa jeder fünfte stationär aufgenommene Covid-19-Patient stirbt: Eine Studie liefert detaillierte Einblicke zu den Krankheitsverläufen von Corona-Patienten in deutschen Kliniken.

Vor einem halben Jahr gab es in Deutschland die erste bestätigte Coronavirus-Infektion bei einem Autozulieferer in München. Seitdem hat die Fachwelt viel Neues über das Virus lernen können. Weitgehend ungeklärt ist jedoch, warum Sars-CoV-2 bei einigen Menschen keine oder nur kaum Symptome hervorruft, während andere schwere Verläufe bis hin zum Lungenversagen entwickeln.

Forscher haben nun erstmals Daten von rund 10.000 schwerkranken Patienten in deutschen Kliniken ausgewertet. Sie alle waren nachweislich an Covid-19 erkrankt und wurden im Zeitraum zwischen Ende Februar und Mitte April 2020 in 920 deutschen Krankenhäusern aufgenommen. Nicht jeder infizierte Patient muss in einer Klinik behandelt werden. Leichte Verläufe werden üblicherweise zu Hause auskuriert. Die Untersuchung umfasst daher nur Daten zu schweren Krankheitsverläufen, die nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) "eher selten" sind. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt "The Lancet Respiratory Medicine" veröffentlicht. 

Was ist über diese Patienten bekannt? Wie alt sind sie? Wie viele überleben den Klinikaufenthalt? Und was weiß man über mögliche Vorerkrankungen? Eine Übersicht der zentralen Ergebnisse.

Sterblichkeit

Rund jeder fünfte schwerkranke Covid-19-Patient im Untersuchungszeitraum überlebte den Klinikaufenthalt nicht (22 Prozent). Beatmete Patienten hatten eine besonders hohe Sterblichkeitsrate (53 Prozent). Bei Patienten, die nicht beatmet wurden, lag sie mit 16 Prozent dagegen deutlich niedriger. 

Ältere Patienten waren besonders gefährdet: In der Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen verstarben 27 Prozent der Patienten, bei den Menschen ab 80 Jahren sogar 38 Prozent. Die Sterblichkeit bei den Älteren stieg noch einmal an, wenn sie beatmet werden mussten.

"Die hohen Sterblichkeitsraten machen deutlich, dass in den Kliniken relativ viele Patienten mit einem sehr schweren Krankheitsverlauf behandelt wurden. Diese schweren Verläufe betreffen eher ältere und gesundheitlich bereits beeinträchtigte Menschen, kommen aber auch bei jüngeren Patienten vor“, sagt Jürgen Klauber vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO), das Abrechnungsdaten für die Analyse bereitstellte.

Alter der Patienten

Das durchschnittliche Alter der Schwerkranken lag bei 68 Jahren – sowohl bei beatmeten wie auch bei nicht-beatmeten Patienten. Die Daten zeigen auch: Jüngere Menschen sind nicht vor schweren Verläufen geschützt. Knapp 2896 Patienten (29 Prozent) waren in der Altersgruppe zwischen 18 und 59 Jahren.

Beatmung

Von den 10.021 untersuchten Patienten wurden 1727 künstlich beatmet, also rund 17 Prozent. Etwas mehr als drei Viertel dieser Patienten wurden dafür an ein Beatmungsgerät angeschlossen, also invasiv beatmet. Die übrigen beatmeten Patienten erhielten Sauerstoff über eine Maske.

Im Schnitt lag die Dauer der künstlichen Beatmung bei 14 Tagen, der Median bei zehn Tagen - sprich: Die Hälfte der Patienten wurde kürzer als zehn Tage beatmet, die andere Hälfte länger. Rund jeder vierte beatmete Patient (23 Prozent) war länger als 21 Tage auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen. 

Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Der Anteil der beatmungspflichtigen Männer lag mit 22 Prozent fast doppelt so hoch als bei den Frauen (12 Prozent). Frühere Studien hatten zudem auf eine erhöhte Sterblichkeit unter Männern hingewiesen. Die aktuelle Untersuchung bestätigt dies. Der Unterschied fällt allerdings nicht besonders groß aus: Die Sterblichkeit der Männer liegt mit 25 Prozent um sechs Prozentpunkte über der von Frauen (19 Prozent).

Vorerkrankungen

Es ist bereits bekannt, dass bestimmte Vorerkrankungen das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe erhöhen können. Zu den häufigsten Vorerkrankungen in der aktuellen Analyse zählten Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Rhythmus-Störungen. Auch über Herz- beziehungsweise Nierenversagen, chronische Lungenkrankheiten und Übergewicht wird berichtet. 

Was folgt daraus?

Auffallend an der Analyse ist vor allem die hohe Sterblichkeit bei stationär behandelten Covid-19-Patienten. Allerdings stammen die Daten des Untersuchungszeitraums noch aus einer Zeit, in der es kaum Erfahrungswerte für die Behandlung dieser Patienten gab. Neuere Daten legen beispielsweise nahe, dass ein Steroid mit dem Namen "Dexamethason" die Sterblichkeit schwerstkranker Patienten senken könnte. Es bleibt abzuwarten, ob die Fortschritte in der Behandlung von Covid-19 sich auch künftig in den Sterblichkeitsdaten niederschlagen werden. Auch könnten die aktuellen Daten genutzt werden, um die künftige Behandlungsdauer schwerstkranker Patienten abzuschätzen und entsprechend Intensiv-Kapazitäten bereitzuhalten.

Laut Divi-Intensiv-Register befinden sich in Deutschland derzeit 258 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, davon wird knapp die Hälfte beatmet. An der Lancet-Analyse waren neben dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (Wido), die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und die Technische Universität Berlin beteiligt.

Quelle:The Lancet / Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)


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