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Pandemie Doppelt geimpft – und trotzdem mit Corona angesteckt? Das steckt dahinter

Impfung gegen das Coronavirus
Die Impfungen gegen das Coronavirus bieten einen hohen Schutz – in seltenen Fällen kann es aber zu sogenannten Impfdurchbrüchen kommen
© Sophia Kembowski / DPA
Die Impfungen gegen das Coronavirus reduzieren Infektionen und verhindern schwere Verläufe und Todesfälle. Und dennoch: Es kann in seltenen Fällen passieren, dass sich auch doppelt geimpfte Menschen infizieren oder gar Symptome entwickeln. Warum das nicht überraschend ist.

Erst stieg sie langsam, dann schnell, nun entschleunigt sie sich wieder: Die Impfquote bekommt in diesen Tagen viel Aufmerksamkeit. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung haben nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mindestens eine Impfdosis erhalten. 48 Prozent gelten als vollständig geimpft. Das entspricht knapp 40 Millionen Menschen.

Parallel gibt es allerdings auch eine weniger schöne Entwicklung: Zuletzt zog die Zahl der Neuinfektionen erneut an, was vor allem der besonders ansteckenden Virusvariante Delta zuzuschreiben ist, die jetzt auch in Deutschland dominiert. Die bundesweite Sieben-Tages-Inzidenz steigt seit einigen Tagen wieder an und liegt derzeit bei 12,2. Noch in der Vorwoche lag der Wert bei 8,0.

Das hat zur Folge, dass eine immer größer werdende Anzahl vollständig Geimpfter vermehrt mit dem Virus in Kontakt kommt. In den allermeisten Fällen zieht das Virus den Kürzeren. Die durch die Impfungen gebildeten Antikörper fangen das Virus ab, reduzieren Infektionen und verhindern schwere Verläufe sowie Todesfälle. Daten aus den USA untermauerten kürzlich, wie stark Geimpfte von dem Schutz vor schweren Verläufen profitieren: 99,9 Prozent der Krankenhauseinweisungen durch Corona betrafen demnach Ungeimpfte oder Menschen ohne vollständigen Impfschutz.

Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schreibt dazu: "Impfstoffe gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 verhindern, an Covid-19 zu erkranken und bieten einen hochwirksamen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen." Ihr Nutzen überwiege mögliche Risiken bei weitem.

Kein Impfstoff schützt zu 100 Prozent

In seltenen Fällen kann es jedoch vorkommen, dass das Virus die Oberhand behält und es zu einer Infektion auch bei vollständig Geimpften kommt. Treten zusätzlich Symptome auf, sprechen Medizinerinnen und Mediziner von einem sogenannten Impfdurchbruch. 

Das klingt zunächst bedrohlich, besagt aber nichts anderes, als dass auch eine Impfung keinen hundertprozentigen Schutz vor Ansteckung und Erkrankung bietet – was bereits seit langem bekannt ist und auch in den Zulassungsstudien der Impfstoffe beobachtet wurde.

Was die Wirksamkeit besagt

Beispiel: Biontech. Das Vakzin zeigte in der finalen und großen Zulassungsstudie eine Wirksamkeit von 95 Prozent. Es verhinderte demnach 95 Prozent der Covid-19-Erkrankungen durch ursprüngliche Varianten. Das ist ein sehr guter Wert. Allerdings bedeutet das nicht, dass von 100 geimpften Personen 95 gesund bleiben, während fünf erkranken. Der Wert ist vielmehr ein Maß für die Risikoreduktion.

Was das bedeutet, wird klarer, wenn man sich vor Augen führt, wie Impfstoffe getestet werden. Große Zulassungsstudien haben immer mehrere Tausend Probandinnen und Probanden. Sie werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine erhält den Impfstoff, die andere dagegen ein wirkungsloses Placebo. Im Anschluss prüfen die Forschenden, wie viele Menschen in der Nachbeobachtungszeit an Covid-19 erkranken. Aus dem Unterschied der zwei Gruppen ergibt sich die Wirksamkeit.

Dazu eine fiktive Beispielrechnung: Angenommen, in einer Impfstoffstudie gibt es eine Placebo- und eine Impfstoff-Gruppe mit je 5200 Probanden. In der Placebo-Gruppe erkranken – rein fiktiv – 150 Menschen an Covid-19. Besitzt der Impfstoff eine Wirksamkeit von 95 Prozent, so erkranken in der Impfstoff-Gruppe lediglich etwas mehr als sieben Personen (7,5). Das sind wenige – aber eben nicht Null.

Das RKI listet in seinem Situationsbericht vom 14. Juli 5374 registrierte Impfdurchbrüche seit Anfang Februar. 676 von ihnen mussten in einem Krankenhaus behandelt werden. Die überwiegende Mehrheit von ihnen war älter als 60 Jahre (614). Aktuell sind 40 Millionen Menschen in Deutschland vollständig geimpft. Die Zahl der bekannten Impfdurchbrüche ist also vergleichsweise sehr gering.

Krankenhausdaten aus Israel zeigen zudem, dass es vor allem vorerkrankte Menschen sind, die trotz zweifacher Impfung in einem Krankenhaus behandelt werden mussten.

"Prophylaxe ist keine Erfolgsgarantie"

Die Ärztin und Autorin Natalie Grams-Nobmann betonte kürzlich auf Twitter den Nutzen der Impfungen: "Wer nicht versteht, warum man trotz vollständiger Impfserie COVID-19 bekommen kann, versteht auch nicht, warum man trotz Pille schwanger werden kann", schrieb sie. Prophylaxe sei keine Erfolgsgarantie, aber das Risiko sei ungemein geringer.

Wichtig wird nun sein, herauszufinden, ob bestimmte Mutanten häufiger zu Impfdurchbrüchen führen und inwiefern mögliche Drittimpfungen das verhindern können. Für besonders vulnerable Personengruppen – darunter Ältere und chronisch Kranke – wird eine sogenannte Booster-Impfung bereits seit längerem diskutiert. Der Grund: Studien zeigen, dass die Immunantwort bei diesen Personengruppen schwächer als üblich ausfallen kann – was auch den Schutz vor Infektion und schwerer Erkrankung schmälert. Betroffen können demnach unter anderem einige Krebspatienten oder Menschen nach Organtransplantationen sein.

Für die Virusvariante Delta gibt es zudem erste Hinweise, dass sie die Effektivität aktueller Impfstoffe etwas herabsetzt – wenn auch nicht aushebeln kann.

Ob Impfstoffe symptomatische Erkrankungen verhindern, ist jedoch nicht der einzige Maßstab, mit dem der Erfolg der Vakzine bemessen wird. Auch Impfstoffe, die zuverlässig schwere Verläufe und Todesfälle verhindern, sind ein echter "Gamechanger". Und in diesen zwei Punkten scheinen die aktuellen Impfstoffe nach wie vor gut abzuschneiden. Sie schützen demnach weiterhin effektiv gegen schwere Verläufe mit der Virusvariante Delta, wie Daten aus Großbritannien zeigen.

Guter Schutz vor schweren Erkrankungen

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer schützte demnach zu 96 Prozent vor einer Krankenhauseinweisung wegen einer Delta-Infektion. Der Astrazeneca-Impfstoff kam auf rund 92 Prozent. Neuere Daten, die aus Israel vorliegen, legen nahe, dass der Biontech-Impfstoff schwere Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte zu 93 Prozent abwehrt. Wichtig ist eine vollständige Impfung.

Klar ist aber auch: Die Impfstoffe können schwere Verläufe nicht in jedem einzelnen Fall verhindern. Der Schutz liegt – ähnlich wie bei den Infektionen – nicht bei 100 Prozent. Es wird immer wieder Menschen geben, die sich trotz vollständiger Impfung infizieren und auch schwer erkranken können. So tragisch diese Fälle sind: Würde dies dazu führen, dass man den Nutzen der Impfung grundsätzlich anzweifelt, würde das zwangsläufig noch mehr Leid bedeuten.

Um eine vierte Welle Richtung Herbst mit all ihren negativen Begleiterscheinungen weitgehend einzudämmen, müssten nach Berechnungen des RKI mindestens 85 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Davon ist Deutschland noch weit entfernt. 


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