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Zwanghaftes Trainieren: "Exercise-Bulimie" – eine Essstörung, über die niemand spricht

Als Essstörung hat unser Autor sein quälendes Intensivtraining bisher nie wahrgenommen. Als ihm aber klar wurde, warum er sich so in seinen Sport verbiss, konnte er endlich gegensteuern.

Von Refinery29-Autor Justin Sedor

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"Zweihundert noch", sagte ich mir innerlich, als ich auf dem Arc-Trainer schnaufte, keuchte und mir der salzige Schweiß dabei das Gesicht herunterlief. Noch zweihundert Kalorien. Mein zweites Training an diesem Tag dauerte bereits über eine Stunde und alles was ich dabei tun konnte, war, meine Arme und Beine nach vorn zu drücken und nach hinten zu ziehen. Wieder und immer wieder, ohne dabei von der Stelle zu kommen. Meine Augen huschten ständig zum Kalorienzähler auf dem Display. Zweihundert noch, dann bin ich bei eintausend. Eintausend Kalorien, um die beiden Cheeseburger und das Eis auszugleichen, die ich zum Mittag gegessen hatte.

Warum sollte es falsch sein, eine ganze Pizza zu essen, solange man alle Kalorien danach wieder verbrennt? Experten haben hierfür die Begriffe "Exercise-Bulimie“ oder auch "zwanghaftes Trainieren" geprägt. Sie beschreiben damit das Verhalten, zwanghaft zu versuchen, Kalorien, die gegessen werden, schnell wieder zu verbrennen.

Was macht einen Menschen zu einem "Exercise-Bulimiker"? Kristina Saffran, Mitbegründerin des gemeinnützigen Projektes "HEAL", das jungen Mädchen, die unter Essstörungen leiden, dabei hilft, therapeutische Unterstützung zu finden, sagt: "Die Betroffenen tun alles, um trainieren zu können. Sie lassen dafür oft alles andere schleifen. Sie bekommen Angst oder Schuldgefühle, wenn sie nicht trainieren können oder wenn eine Trainingseinheit unerwartet zu kurz ausfällt." Der Knackpunkt ist die Motivation der Sportler. "Die Betroffenen trainieren in erster Linie, um ihr Gewicht zu kontrollieren oder Kalorien 'auszugleichen', die sie entweder bereits zu sich genommen haben oder noch zu sich nehmen werden."

Das gesellschaftliche Bewusstsein für Essstörungen wuchs enorm

Schon als Kind hatte ich ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Es lässt sich wohl am besten als zwanghaft beschreiben. Ich wusste nicht wirklich, wie es sich anfühlt, wenn man hungrig oder satt ist. Ich habe so viel gegessen, wie ich wollte und wann ich wollte, bis ich nichts mehr runterbekam. Rückblickend habe ich das wohl getan, da Essen zu den wenigen Dingen in meinem Leben gehörte, die mir ein gutes Gefühl verschafft haben. Ich wurde süchtig nach dem Gefühl, wie Pizza, Brot oder Kekse mein Gehirn anfeuerten und mich vergessen ließen, wenigstens einen Moment lang, wie unglücklich ich als dickstes Kind in meiner Klasse war.

Als ich mit 17 Sport für mich entdeckte, dachte ich, ich hätte Gott gefunden. Ich hatte mich gerade als homosexuell geoutet, war entschlossen, mich zu verwandeln und entschied, dass es an der Zeit sei, abzunehmen. Langsam erkannte ich nämlich, dass ich ein beängstigendes, ja überwältigendes, Riesenproblem mit Essen hatte. Also fing ich an, Sport zu treiben. Und zwar eine Menge. 

Nachdem die ersten Hürden überwunden waren, fing ich wundersamer Weise an, das Training zu lieben. Ich bemerkte, dass ich mich durch die tägliche Herausforderung, mit mir wohler fühlte. Wenn ich auf dem Ellipsentrainer dahintuckerte und die Pfunde nur so schmolzen, sonnte ich mich in dem glorreichen Gefühl, etwas erreicht zu haben, das ich mir nie zugetraut hatte. Ich genoss das Gefühl, dass ich endlich etwas in meinem Leben gefunden hatte, auf das ich stolz sein konnte. Immer, wenn ich deprimiert oder gestresst war, ging ich, auf der verzweifelten Suche nach einem Endorphinschub und einer frischen Portion Selbstrespekt, ins Fitnessstudio. Und ich fühlte mich dadurch besser. Jedes Mal. Das war magisch. In weniger als einem Jahr verlor ich 27 Kilo.

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Rückblickend erkenne ich natürlich, dass der zwanghafte Teil meiner Persönlichkeit, hierin ein perfektes Ventil gefunden hatte. Meine geliebten Cardiogeräte mit ihren großen Displays, die mir anzeigten, wie viele Pizzastücke mein Workout wert war, wurden zu einem reizvollen Spielzeug. Als mein Gewicht dann perfekt war, gerieten meine Essgewohnheiten noch weiter außer Kontrolle. Irgendwann ging es beim Training nicht mehr darum, dass ich mich gut fühlte – stattdessen ging ich ins Fitnessstudio, damit ich essen konnte, was ich wollte. Es war daher nicht weiter überraschend, dass ich schließlich eine Neigung zu Fressanfällen entwickelte. Irgendwie wurde das Training zu einer sehr realen Möglichkeit, mich von den Sünden, die ich am Abend zuvor begangen hatte, zu befreien.

Das gesellschaftliche Bewusstsein für Essstörungen wuchs in den letzten Jahren enorm. Das Problem der "Exercise-Bulimie" aber, hat bisher nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Es wird zwar noch nicht als eigenständige medizinisch-psychische Störung definiert, zahlreiche Studien belegen jedoch bereits, dass eine signifikante Verbindung zwischen zwanghaftem Training und Essstörungen besteht. Einige der Studien gehen davon aus, dass bis zu 38 Prozent aller, von Essstörungen Betroffener, zwanghaft trainieren."

"Ich war bulimisch und ich habe gekotzt und Sport gemacht und Abführmittel genommen"

Wenn man beispielsweise nur mal ein paar Minuten in irgendeinem "Pro-Ana"-Forum verbringt, wird dieser Zusammenhang schnell deutlich. Eine Userin auf "myproana" etwa erzählt so von ihrer Erfahrung: "Ich war bulimisch und ich habe gekotzt und Sport gemacht und Abführmittel genommen und igitt … Ich habe es gehasst. Also habe ich mit essen aufgehört, habe aufgehört zu kotzen, habe mit den Abführmitteln aufgehört … aber mit dem Trainieren kann ich nicht aufhören. Ich muss einfach jeden Tag trainieren. Später musste ich etwas kürzer treten, weil ich jeden Tag acht Stunden trainierte und oft in Ohnmacht fiel … Seitdem war ich nur noch täglich sechs Stunden im Fitnessstudio, aber es ist für mich immer noch kein normaler Tag, wenn ich nicht mindestens zwei Stunden da bin. Ich habe es aber nie als Bulimie betrachtet. Ich meinte, ich mache doch nur Sport."

Das Problem sei, so wieder Kristina Saffran, dass wir darauf programmiert sind, Sport als etwas ausschließlich Positives zu sehen. Vom gesundheitlichen Blickpunkt aus betrachtet, ist Sport etwas Tolles; etwas, dass der Mehrheit der Bevölkerung gut tut, beziehungsweise gut tun würde. Zwanghafte Sportler aber nutzen Training als Ablenkungs- und Kompensationsmittel".

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Auch im täglichen Verhalten hat sich eine Normalität dieses Zusammenhanges manifestiert. Wir scherzen in Form von: "Ich muss diesen Cheeseburger noch verbrennen.", oder "Ich möchte noch ins Fitnessstudio, da ich heute Abend Nachtisch haben will“.  Auch etliche Trainer machen Sprüche, wie: "Bewegt eure Beine schneller Ladies, ihr müsst eure Margaritas verbrennen." Schleichend hat sich der Gedanke festgesetzt, dass wir trainieren müssten, um von kulinarischen Sünden erlöst zu werden.

Irgendwann ist mir zum Glück klargeworden, dass meine Besessenheit des Trainierens meiner persönlichen Zufriedenheit im Weg steht. Fressanfälle habe ich immer noch und am Folgetag trainiere ich dann. Aber ich rechne nicht mehr jede Kalorie kleinlich nach. Ich esse, wenn ich hungrig bin und ich höre auf damit, wenn ich voll bin."

Ich bin ich ein nicht-perfektes, dysfunktionales Produkt

Vor ein paar Wochen habe mir den Fuß gebrochen. Als ich erfuhr, dass ich sechs Wochen lang nicht auf den Beinen stehen kann, um meine täglichen Workouts zu machen, hat mich das allerdings mehr aufgeregt, als ich zunächst zugeben wollte.  Ich war traurig, dass mir eine der wenigen Möglichkeiten, mit denen ich Stress in meinem Leben reduzieren kann, genommen war. Aber vielmehr noch machte mich die Frage nervös, wie ich ohne mein Sicherheitsnetz auskommen würde. Würde ich fressen? Würde ich aufgehen wie ein Hefekloß? Würde ich komplett die Kontrolle verlieren? Tatsache ist, dass ich durch die Auszeit gezwungen war, mir mehr Gedanken darüber zu machen, wie ich meinen Körper sehe und wie ich mit Essen interagiere. Wie so viele andere bin ich ein nicht-perfektes, dysfunktionales Produkt einer Kultur, die gleichermaßen besessen vom Essen, wie vom Schlanksein ist.

Während dieser Zeit ohne mein geliebtes Cardiotraining ist die Welt, zum Glück, nicht untergegangen – und, was mich noch mehr freut, ich kann mich immer noch im Spiegel betrachten und bin zufrieden. Ich sehne mich nach wie vor danach, wieder auf den Beinen zu sein, aber jetzt geht es weniger um den Drang, Kalorien zu verbrennen, sondern mehr darum, aktiv zu sein. Mir ist aufgefallen, dass ich die ganze Zeit über vergessen hatte, wie sehr ich es eigentlich geliebt habe, körperlich fit, gesund und stark zu sein – und wie stolz mich das gemacht hat. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich mich wieder so fühlen kann.

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