VG-Wort Pixel

Getrübtes Fazit Spahn zufrieden mit Impfaktionswoche – aber keine Trendwende in Sicht

Mobiler Impfbus
Als Teil der Impfaktionswoche steht ein mobiler Impfbus vor auf einem Supermarkt in Hannover
© Julian Stratenschulte / DPA
Rund eine halbe Million Menschen haben sich letzte Woche erstmals impfen lassen. Gesundheitsminister Spahn zeigt sich zufrieden mit der bundesweiten Aktionswoche. Doch die erhoffte Trendwende ist ausgeblieben.

Am Spielfeldrand, in Bars und vor dem Supermarkt: In der vergangenen Woche konnten sich Menschen deutschlandweit bei mehr als 1500 Aktionen ohne Termin gegen das Coronavirus impfen lassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zieht eine positive Bilanz. "Wir haben in der Aktionswoche insgesamt rund 500.000 der wichtigen Erstimpfungen geschafft, etwa die Hälfte dürfte auf Aktionen zurückgehen", sagte der CDU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Der Erfolg sei den vielen Vereinen, Organisationen, Privat-Initiativen und Freiwilligen zu verdanken, die die Aktionen auf die Beine gestellt hatten.

Hintergrund der Impfwoche ist, dass der Anteil der Geimpften in Deutschland immer noch zu niedrig ist, um eine neue Corona-Welle und eine damit möglicherweise einhergehende Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. 

Sorge um ungeimpfte Ältere

Während andere europäische Länder – wie Dänemark, Belgien und Spanien – mittlerweile eine Impfquote von mehr als 70 Prozent vorweisen können, ist die deutsche Impfkampagne in den letzten Wochen ins Stocken geraten. Ein Blick auf die aktuellen Impfzahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigt: Daran konnte auch die Aktionswoche nicht viel ändern. Wurden im Zeitraum vom 4. bis zum 10. September noch 1.286.757 Corona-Impfungen gemeldet, waren es vom 11. bis zum 17. September nur noch 1.271.945, wie eine Datenauswertung von ntv zeigt.

Die laut Gesundheitsminister Spahn rund 500.000 verabreichten Erstimpfungen haben die Quote um gerade einmal 0,6 Prozentpunkte erhöht. Vollständig geimpft sind hierzulande, Stand Montag, erst 63,1 Prozent der Bevölkerung, eine Erstimpfung erhielten bislang 67,2 Prozent. Immerhin: Seit Beginn der Impfwoche scheint sich der Abwärtstrend bei den Erstimpfungen zu stabilisieren, bei den Auffrischungsimpfungen gibt es inzwischen einen Zuwachs. Dennoch sind es laut Experten immer noch zu wenig, um glimpflich durch den Herbst und Winter zu kommen.

Besondere Sorge bereitet dem Gesundheitsminister vor allem die große Gruppe Ungeimpfter in der älteren Bevölkerung: "Von den 24 Millionen Menschen im Alter über 60 Jahren sind knapp vier Millionen noch ungeimpft, das ist fast jeder sechste in dieser Risikogruppe", sagte Spahn. "Würde sich mit der sehr ansteckenden Delta-Variante ein Großteil dieser Gruppe innerhalb weniger Wochen infizieren, dann würden unsere Intensivstationen sehr unter Stress kommen", warnte er.

Inzidenz steigt wieder

Bislang scheint die Strategie der Regierung nicht auszureichen, um das Tempo der Impfkampagne wieder anzukurbeln. Will man überfüllte Intensivstationen im Winter vermeiden, vor denen auch der Virologe Christian Drosten erst kürzlich wieder warnte, müssen sich deutlich mehr Menschen impfen lassen. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt hatte bereits zu Beginn der Aktionswoche kritisiert, dass dafür eine Woche allein nicht reiche. "Es braucht jetzt eine breitflächige Informationskampagne, ab jetzt muss jede Woche zur Aktionswoche werden", forderte sie. Spätestens nach der Bundestagswahl könnte die Debatte über den Druck auf Ungeimpfte lauter werden.

Zudem scheint nun auch der Abwärtstrend beim Infektionsgeschehen zu erlahmen. Während die Sieben-Tage-Inzidenz in der vergangenen Woche kontinuierlich gesunken war, steigt sie nun wieder leicht an. Laut dem RKI lag der Wert am Montag bei 71,0; am Sonntag wurde noch eine Inzidenz von 70,5 gemeldet. Insgesamt liegt der Wert jedoch noch deutlich unter der Sieben-Tage-Inzidenz der Vorwoche (81,9). Warum das so ist, darüber können Fachleute nur spekulieren.

"Das ist die Gretchenfrage", sagte Dirk Brockmann, der am RKI Epidemiologische Modelle macht, dem "Spiegel". Es könne unter anderem sein, "dass die Tests an den Schulen, die ja durchgeführt werden, jetzt Wirkung zeigen – dass die Kinder also in Quarantäne geschickt und Infektionsketten durchbrochen werden. Eine andere Möglichkeit ist, dass doch mehr Menschen immun sind, also eine Dunkelziffer eine Rolle spielt." Zudem sei das Impfen wichtig und auch das gute Wetter der letzten Wochen. "All das sind Faktoren, die zusammenspielen, aber unter dem Strich können wir nur Hypothesen aufstellen darüber, warum die Zahlen nicht weiter steigen."

les / mit DPA

Wissenscommunity


Newsticker