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Corona-Lage spitzt sich zu Zahl der Intensivpatienten in Frankreich steigt – Überfüllung und Triage drohen

Eine Pflegekraft kümmert sich um einen Covid-Patienten auf der Intensivstation
Eine Pflegekraft kümmert sich um einen Covid-Patienten auf der Intensivstation des Centre hospitalier privé de l'Europe in Port-Marly
© Martin BUREAU / AFP
Die Corona-Lage in Frankreich spitzt sich zu: Notfall-Mediziner im Großraum Paris bereiten sich auf die Triage vor, die Zahl der Intensivpatienten ist fast auf dem Höchststand der zweiten Welle.

In Frankreich hat die Zahl der Intensivpatienten fast den Höchststand der zweiten Corona-Welle im Herbst erreicht. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden wurden am Sonntag 4872 Corona-Patienten auf den Intensivstationen behandelt, 81 mehr als am Vortag. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle Mitte November lagen auf den französischen Intensivstationen 4903 Patienten. 

Im Großraum Paris schlugen Verantwortliche des Gesundheitswesens Alarm. "In zehn, 15 Tagen oder drei Wochen" drohe eine "Überfüllung" der Krankenhäuser, sagte Remi Salomon, Präsident der Ärztekommission der öffentlichen Krankenhäuser in Paris, dem Sender BFMTV. Unter den Ärzten herrsche "ein Gefühl der Wut", sie befürchteten, "sich in einer Situation wiederzufinden, die sie zur Katastrophenmedizin zwingt", sagte Salomon. 

"Können nicht schweigen, ohne Hippokratischen Eid zu verletzen"

"Wir werden keine andere Wahl haben als einen weiteren Lockdown", erklärte er. Es müssten "alle Bremsen gezogen werden", auch die Schulen müssten noch vor Ostern geschlossen werden.

41 Direktoren für Notfall-Medizin warnten in einem offenen Brief in der Zeitung "Journal du Dimanche", sie bereiteten sich wegen der drohenden Überfüllung "auf eine "Triage" vor. "Diese Triage wird alle Patienten betreffen, Covid oder Nicht-Covid." Eine derartige Situation hätten sie "nicht einmal während der schlimmsten Attentate in den vergangenen Jahren" erlebt, erklärten die Experten. "Wir können nicht schweigen, ohne den Hippokratischen Eid zu verletzen, den wir einmal abgelegt haben", erklärten die Direktoren.

Von einer Triage wird gesprochen, wenn Ärzte entscheiden müssen, welche Patienten sie bei begrenzten medizinischen Kapazitäten bevorzugt behandeln. Bei Corona-Patienten müssten die Ärzte demnach etwa entscheiden, wer zunächst an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wer nicht. 

"Der Präsident der Republik spielt auf Zeit"

Die Zeitung "L'Alsace" kommentierte am Montag zur drohenden Triage im Land: "Nachdem bereits sehr viele Ärzte gewarnt hatten, sprechen nun auch die Notfallmediziner (einer Pariser Krankenhausvereinigung) einen Warnruf aus. Aktuell weigert sich die Exekutive, das zu berücksichtigen, und will die Ergebnisse ihrer Strategie des regional begrenzten Lockdowns light abwarten. Ende Januar war es zu früh und hätte wahrscheinlich keinen Sinn gehabt, vorzeitig einen Lockdown zu verhängen. Aber später wird es zu spät sein."

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setze auf die Impfung, um die Epidemie einzudämmen, so das Blatt. "Der Präsident der Republik spielt auf Zeit und geht dadurch ein großes Risiko ein, während die (Virus-)Welle über einen Teil des Landes hereinbricht. Die Öffentlichkeit würde es ihm nur schwer verzeihen, wenn das Krankenhauspersonal erneut zu einer Triage unter den Kranken gezwungen wäre."

Lockdown auf drei weitere Départements ausgeweitet

Frankreich hat inzwischen die Marke von 200.000 neuen Infektionsfällen pro Woche überschritten. Seit Beginn der Pandemie starben über 94.000 Menschen an oder mit einer Coronavirus-Infektion. Präsident Macron hat die Bürger bereits auf "schwierige" Wochen eingestimmt. Am kommenden Mittwoch berät der sogenannte Verteidigungsrat über eine Verschärfung der Strafmaßnahmen bei Verstößen gegen die Corona-Regeln.

Am Samstag wurde der Lockdown in Frankreich auf drei weitere Départements ausgeweitet. Geschäfte mussten schließen und die Bewegungsfreiheit der Bürger wurde eingeschränkt. Insgesamt betreffen die verschärften Corona-Auflagen 19 Verwaltungsbezirke mit mehr als 23 Millionen Menschen. 

Seit einer Woche gilt der Lockdown bereits im Pariser Großraum und Teilen Nord- und Südfrankreichs. Seit Samstag sind auch das Département Rhone um die Großstadt Lyon betroffen sowie die Verwaltungsbezirke Aube südöstlich von Paris und Nièvre südlich der Hauptstadt.

Die Bewohner der betroffenen Départements dürfen ihre Regionen nur noch aus "zwingenden" Gründen verlassen. Spaziergänge sind auf einen Radius von zehn Kilometern begrenzt. Zudem wird die Klassenstärke in den Gymnasien auf die Hälfte reduziert – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern bleiben die Schulen aber geöffnet.

Die Behörden verschärften ihre Kontrollen an Flughäfen, Bahnhöfen und Mautstraßen, um die Einhaltung der Beschränkungen zu überwachen. Zu den Hauptverkehrszeiten sollen sie nochmals erhöht werden.

Frankreich gilt als Hochinzidenzgebiet

Inzwischen gilt ganz Frankreich in Deutschland nun als Hochinzidenzgebiet. Die Einstufung durch das Robert-Koch-Institut trat am Sonntag in Kraft. Die Grenze darf bis auf Weiteres nur mit einem negativen Corona-Test überquert werden, der nicht älter als 48 Stunden ist. Ob ein Grenzgänger einen negativen Test hat, wird aber nicht direkt an der Grenze zu Deutschland kontrolliert, sondern im Hinterland mit Hilfe der Schleierfahndung. 

Grund für die Einstufung Frankreichs ist, dass die Sieben-Tage-Inzidenz in Frankreich deutlich über der Marke von 200 liegt – ab diesem Schwellenwert sehen die Regeln der Bundesregierung eine Klassifizierung als Hochinzidenzgebiet vor. Der Wert in Frankreich liegt nach Angaben der französischen Gesundheitsbehörden bei deutlich über 300 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Eine Ausnahme von den neuen Regeln soll es nach AFP-Informationen aus Regierungskreisen für Pendler geben: Sie müssten sich nur zwei Mal pro Woche testen lassen. Dafür sollten gegebenenfalls Teststationen in Grenznähe aufgebaut werden. Bislang dürfen Berufspendler – vor allem im Elsass – für 24 Stunden ohne Testpflicht einreisen.

rw AFP DPA

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