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Niedersachsen Hilfe nicht benötigt? Warum freiwillige Impfärzte oft nicht zum Zuge kommen

Ein Mann mit braunen Locken und durchsichtigem Brillengestell sitzt im Anzug vor einer blauen Wand
Sehen Sie im Video: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) schätzt die Corona-Lage in Deutschland ein.




Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagt am 12.3.2021 in Berlin zur Corona-Lage in Deutschland: "Die Lage bleibt angespannt. Die Fallzahlen steigen wieder, langsam zwar, aber sie steigen und die Mutationen breiten sich aus. Das heißt, wir müssen uns noch auf einige sehr herausfordernde Wochen einstellen, in denen wir weiter ringen um die richtige Balance zwischen dem notwendigen Gesundheitsschutz und der Normalität, nach der wir uns alle so sehen."
"Wir konnten bereits die meisten Bürgerinnen und Bürger, Bewohnerinnen und Bewohner in den Pflegeheimen impfen. Viele der über 80-Jährigen konnten bereits geimpft werden oder haben zeitnah einen Impftermin, in einigen Ländern bereits die ersten über 70-Jährigen. Die Zahl der Infektionen, der Krankenhausbehandlung und der zu beklagenden Todesfälle, gerade bei den Höchstbetagten und Älteren gehen deutlich zurück. Auch deshalb und weil wir nicht länger im absoluten Lockdown erstarren können, haben sich Bund und Länder zu vorsichtigen Öffnungsschritten entschieden. Bis an die Grenze dessen, das sagte ich bereits letzte Woche, was aus Sicht des Gesundheitsschutzes verantwortbar ist. Daher: Testen, Impfen, Umsicht – dieser Dreiklang wird und muss uns dabei begleiten."
"Diese Woche haben bereits viele Länder und viele Landkreise und Städte in Deutschland mit den Schnelltests für alle, mit den Bürgertests begonnen. Gemessen, auch an der kritischen öffentlichen Debatte, ist das ein Erfolg. Der Bund zahlt den Test mindestens einmal pro Woche. Die Länder und Kommunen, die Testzentren vor Ort besorgen die Schnelltest und bauen Schritt für Schritt die Infrastruktur auf."
"Über sieben Prozent der Deutschen sind einmal mindestens geimpft, das sind über oder um die sechs Millionen. Wir haben übrigens erstmalig jetzt Tageshöchstwerte bei den täglichen Impfungen erreicht, in den letzten zwei Tagen jeweils über 270.000 Impfungen pro Tag, jeweils 200.000 Erstimpfung pro Tag etwa. Wir sehen also, es gewinnt deutlich an Dynamik. Ich habe gestern hier in Berlin eine Hausarztpraxis oder eine Arztpraxis besucht. Dort wird im Rahmen eines Modellprojektes jetzt wie in über 100 anderen Praxen auch hier in Berlin geimpft in der Arztpraxis. Und was noch Modell ist, soll die Regel werden."
"Warum nicht früher? Fragen viele. Weil die Länder und die Kommunen vor Ort auch die Impfzentren weiter laufen lassen wollen. Und weil es noch nicht genug Impfstoff gibt, um alle Impfzentren und parallel alle Arztpraxen zu versorgen."
"Anders als gedacht werden wir allerdings nicht, oder als einige denken, gleich auf Priorisierung verzichten können. Gerade die Zahlen bei den über 80-Jährigen zeigen, wie wichtig es war und ist, zu priorisieren. Hätten wir nicht zuerst die Pflegeheim-Bewohnerinnen und Bewohner und die besonders Gefährdeten, nämlich die Hochbetagten, geimpft, hätten wir weniger Menschen geschützt."
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Ein Kinderpsychiater aus Niedersachsen meldet sich als freiwilliger Impfarzt, um in den Impfzentren auszuhelfen. Ein Angebot, das womöglich wegen deutscher Bürokratie ins Leere läuft. Dabei ist es – wie so oft in der Corona-Pandemie – komplizierter, als es scheint.

Ungeduld und Unverständnis ob der deutschen Impfsituation ziehen in der Gesellschaft große Kreise. Auch in sozialen Netzwerken, besonders bei Twitter. Andere Länder könnten das viel besser, wieso läuft es im bürokratisch durchdeklinierten Deutschland nicht? Dr. Oliver Dierssen ist Kinderpsychiater in Niedersachsen und will aushelfen, schreibt er auf Twitter. Er meldet sich als freiwilliger Impfarzt, um in der Region Hannover in den Impfzentren Patient:innen mit Impfstoff zu versorgen. Was auf den ersten Blick dringend nötig erscheint, bleibt folgenlos – die Warteliste ist zu lang. Nicht die Warteliste der Impfwilligen, sondern die der freiwilligen Impfärzte.

"Auf dieser Liste endet für viele motivierte Ärzte, die gern impfen möchten, ihre Karriere als Impfärzte", fasst Dierssen zusammen. Sein "Thread über Bürokratieversagen" verbreitete sich viral, sammelte mehr als 10.000 Reaktionen – und sorgte so dafür, dass über das einigermaßen komplizierte Verfahren intensiv diskutiert wurde. Seine verständnislose Frage: Wieso ist das Impfzentrum sonntags geschlossen, wenn Impfstoff auf Lager ist und es tausende von Ärzten gibt, die freiwillig impfen würden? Er ärgert sich auf Twitter: "'Wir sind Ärzte', sagte ich. 'Wir arbeiten nachts auch.' 'Das wissen wir', sagte der Impfzentrumsmann, abgeordnet von einem städtischen Schwimmbad. 'Aber das Impfzentrum hat knappe Öffnungszeiten.'" Scheitert der Einsatz weiterer Freiwilliger also tatsächlich aufgrund deutscher Bürokratie?

"Viele Meldungen konnten nicht berücksichtigt werden"

Mediziner:innen konnten sich im Januar bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) registrieren. Die KVN meldet dem Gesundheitsministerium die Zahlen. Das wiederum informiert die Kommunen und Landkreise, wie viele Mediziner:innen zur Impfung zur Verfügung stehen. Die Landkreise vermelden sie an die Impfzentren, die selbständig die Impfschichten vergeben.

Zwei- bis dreitausend Freiwillige hätten sich auf diesen Aufruf der KVN gemeldet, erklärt Dr. Uwe Köster, stellvertretender Pressesprecher der KVN, im Gespräch mit dem stern. Wie viele davon tatsächlich eingeteilt wurden, könne man nicht genau sagen, die Zuständigkeit liege bei den Impfzentren. Wenn so viele personelle Kapazitäten vorhanden sind, warum werden sie nicht eingeteilt, damit die Impfzentren eben auch sonntags impfen können? "Wir haben zu wenig Impfstoff, das ist das zentrale Problem. Je mehr Impfstoff wir bekommen, desto mehr Ärzte können für das Impfen eingesetzt werden", erläutert Köster.

Zwölf Millionen Impfdosen wurden bisher an Deutschland geliefert, der Großteil davon ist der Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Dabei sind nach den Angaben der Bundesregierung aktuell vier Millionen Dosen eingelagert, die bisher nicht verimpft wurden. Wie viele dieser Dosen in Niedersachsen liegen, kann Köster nicht sagen: "Über den Einsatz und die Verteilung der Impfdosen entscheidet das Land. Dort wurde Impfstoff zurückgehalten, um beispielsweise die Zweitimpfungen zu verabreichen." Seine Vermutung also: Der gelagerte Impfstoff bleibt absichtlich liegen, um den Erstgeimpften auch in der vorgeschriebenen Zeit die Zweitimpfung zu verabreichen, zumindest beim BioNTech-Impfstoff.

Das Gesundheitsministerium in Niedersachsen verwies auf stern-Nachfrage auf die Kassenärztliche Vereinigung. Die ist allerdings nicht für die Impfstoffverteilung zuständig. Auf Twitter darauf angesprochen, verteidigt sich die Region Hannover: "Der Impfstoff, der da ist, wird verimpft. Aktuell ist nicht so viel vorhanden, als das rund um die Uhr geimpft werden könnte. Mit mehr Impfstoff werden auch Kapazitäten ausgebaut."

Die langfristige Notwendigkeit von Impfzentren wird intern angezweifelt

Besonders zu Beginn der Pandemie schienen die Impfzentren eine gute Idee zu sein. Mit ihnen ließen sich beispielsweise die priorisierten Gruppen einfacher impfen, die Logistik scheinbar leichter organisieren. Sobald mehr Impfstoff da ist, kommt es aber auf die Praxen an. Ob die Impfzentren dann überhaupt noch gebraucht werden, sei auch intern gefragt worden, gibt Köster zu.

Am Ende komme es darauf an, wie schnell der Impfstoff verteilt und ausgeliefert wird, erklärt Dr. Uwe Köster: "Die Strukturen sind da, um ihn zu verteilen. Das Nadelöhr ist dann die Verfügbarkeit des Impfstoffs. Denn Praxen und Ärzte, die impfen, haben wir genug."

Auch Kinderpsychiater Dr. Oliver Dierssen will so schnell wie möglich in den Praxen impfen. Nicht nur für eine schnellere Grundimmunität in der Bevölkerung, sondern besonders den Patient:innen zuliebe – wie er dem stern in einer E-Mail schrieb: "Es ist für gebildete, belastbare Menschen schon derzeit schwierig, die Hürden für eine Impfung zu nehmen [... ]. Menschen mit psychischen Erkrankungen [...] werden den Weg in ein Impfzentrum allein kaum schaffen, sie benötigen ein vertrautes, haltgebendes Umfeld, um die Impfung überhaupt zu bewältigen."

Quellen: ImpfdashboardTwitter


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