VG-Wort Pixel

Alarmierende Zahlen Irland lockerte den Lockdown – jetzt hat das Land die meisten Neuinfektionen pro Kopf weltweit

Im Dezember lockerte Irland den Lockdown – und hat nun mit den Folgen zu kämpfen
Im Dezember lockerte Irland den Lockdown – und hat nun mit den Folgen zu kämpfen
© Brian Lawless / DPA
Irland erlebt einen massiven Anstieg der Corona-Zahlen. Experten in dem Land befürchten, dass auch die Todeszahlen zum Monatsende rasant steigen werden. Dabei sah es Anfang Dezember noch verhältnismäßig gut aus in dem kleinen Land. 

8227 neue Corona-Infektionen meldeten irische Behörden am Freitag. Das mag zunächst nicht nach viel klingen. Doch in dem kleinen Land wohnen nicht einmal fünf Millionen Menschen. Auf Deutschland hochgerechnet wären das also knapp 140.000 Neuinfektionen an einem Tag. Zwar scheint das der vorläufige Höhepunkt des jüngsten Anstieges gewesen zu sein. Irland führt aber auch im Sieben-Tage-Vergleich die unrühmliche Weltrangliste an. Mehr als 860 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner hatte das Land in der vergangenen Woche, so viele wie kein anderes.

Dabei schien die Corona-Situation in Irland Ende November halbwegs unter Kontrolle. Nach einem leichten Anstieg der Fälle im Oktober hatte die Regierung einen Lockdown verordnet, der die Zahlen deutlich senkte. Anfang Dezember lockerte man diesen Lockdown dann in mehren Bereichen. So durften etwa Gastwirtschaften wieder öffnen, auch die Kontaktbeschränkungen wurden entspannt. Und bereits nach wenigen Tagen stiegen die Zahlen wieder rapide an.

Steckten sich Anfang Dezember meist weniger als 300 Iren am Tag mit Corona an, waren es am Monatsende mehr als 1500 täglich. Nach dem Peak bei mehr als 8000 Neuinfektionen an einem einzigen Tag vergangene Woche waren es in den letzten beiden Tagen rund 5000 und 3000.

Was hat diesen rasanten Anstieg ausgelöst? Ein Sprecher von Premierminister Micheál Martin nannte gegenüber CNN die Saisonbedingtheit des Virus, die vermutlich leichter zu übertragene Variante aus Großbritannien sowie vermehrte Treffen verschiedener Haushalte über die Weihnachtsfeiertage als mögliche Gründe.  

Irland nahm die Lockerungen sehr bald wieder zurück

Der Epidemiologe Gabriel Scally beklagte dem Sender gegenüber: "Irland und Großbritannien sind im Vergleich zu anderen Inseln erfolglos, wenn es um Covid geht." Zwar habe es nach diesem "harten Jahr" ein "verständliches Verlangen nach Normalität über Weihnachten" gegeben, sagte der Forscher von der Royal Society of Medicine, "aber das Virus weiß das halt nicht".

Die Lockerungen von Anfang Dezember blieben nur einige Wochen in Kraft. Als die Zahlen wieder nach oben gingen, reagierte die Regierung. Bereits zu Weihnachten wurden Restaurants und zahlreiche Geschäfte wieder geschlossen, Haushalte durften sich über die Feiertage allerdings mit zwei weiteren treffen. Zum Jahreswechsel verkündete die Regierung dann einen erneuten strengen Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen.

Nach mehr als 8000 Neuinfektionen pro Tag in der vergangenen Woche liegt Irland nun mit rund 3000 neuen Fällen am Dienstag immer noch dramatisch hoch, ist aber immerhin wieder auf einem besseren Weg. Was den Experten Sorgen macht, ist die Verzögerung, mit der sich die Infektionszahlen auch auf den Intensivstationen und in den Todeszahlen bemerkbar machen könnten.

"Wir sind leider noch in einer Phase, in der die Situation in unseren Krankenhäusern erst einmal schlechter wird, bevor sie wieder besser wird", teilte Irlands Chefmediziner Tony Holohan in einem Statement mit.

Der irische Immunologe Luke O’Neill befürchtet, dass die täglichen Todeszahlen in den nächsten Wochen auf über 100 pro Tag steigen könnten. Für einen Vergleich mit Deutschland müsste man nahezu das 17-fache nehmen. Hierzulande wären das also mehr als 1700 Todesfälle pro Tag. Wie in vielen anderen Ländern stiegen zudem auch in Irland die Ausbrüche in Pflegeheimen an, was aller Voraussicht zu mehr Toten führen wird.

Irische Krankenhäuser unter "steigendem Druck"

Dabei ist die Lage in den Krankenhäusern in Irland jetzt schon prekär. Zum einen werden immer mehr Covid-Patienten auf die Intensivstationen gebracht, zum anderen fallen zahlreiche Ärzte und Pfleger selbst Corona-bedingt aus und verkleinern so die Kapazitäten. Der nationalen Gesundheitsbehörde zufolge seien 600 Betten in öffentlichen Krankenhäusern wegen Personalausfällen nicht nutzbar. In Pflegeheimen würden 800 Mitarbeiter ausfallen, hieß es. Man stehe unter "steigendem Druck".

Dem "Standard" zufolge hat sich die Zahl der Covid-Patienten in Irland in den vergangenen zwei Wochen mehr als vervierfacht. In 13 Krankenhäusern des Landes sei am Montag jedes einzelne Intensivbett belegt gewesen. Drei Kliniken hätten überhaupt kein Bett mehr frei gehabt. Die Uniklinik in Letterkenny entschuldigte sich der BBC zufolge am Sonntag bei ihren Patienten für die langen Wartezeiten. Einige mussten vor dem Hospital in Krankenwagen warten, weil drinnen alles voll und das Personal beschäftigt sei. Bis zu sieben Wagen hätten teilweise samt Patienten vor dem Krankenhaus gewartet.

Auch die Iren befürchten, dass die mutierte Variante aus Großbritannien einen großen Anteil am aktuellen Zuwachs an Infizierten haben könnte. Diese soll laut Expertenschätzungen 50 bis 70 Prozent leichter übertragbar sein als andere Varianten von SARS-CoV-2. Auch in Irland breitet sich diese offenbar zunehmend aus.

Premierminister Martin berichtete, dass bei entsprechenden Proben 45 Prozent der untersuchten Viren dieser neuen Variante zugeordnet wurden. In der Woche davor sei es noch jede vierte Probe gewesen. Zwei Wochen vorher habe diese Quote bei lediglich neun Prozent gelegen.

Quellen:  Statista / CNN / BBC / "Irish Times" / "Der Standard"

fin

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker