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Über das Leben und Sterben: Hirschhausen zu Besuch im Hospiz: "Das zweite Leben beginnt, wenn man kapiert, man hat nur eins"

Drei Tage lang war Eckart von Hirschhausen zu Besuch in einem Hospiz. Der Aufenthalt hat seinen Blick auf das Sterben grundlegend verändert. 

Hirschhausen im Hospiz

Als junge Mediziner lernten wir: Der Tod ist der Feind, unsere Aufgabe heißt Kampf. Meine Gespräche im Hospiz, zum Beispiel mit Rosita, vermittelten mir einen ganz anderen Blick.

Wenn die Kerze in der Nische am Treppenabsatz in St. Hildegard brennt, geht jeder noch ein bisschen leiser über die Stufen: Es ist jemand gestorben. Dafür kommen Menschen hierher – um zu sterben oder um Menschen zu begleiten, die hier sterben. Für drei Tage durfte ich Gast sein in diesem Haus, in einem der ältesten Hospize in Deutschland. Aus einer alten Bochumer Industriellenvilla wurde hier ein Ort der Menschenwürde gemacht. Und der Gerechtigkeit. Denn sterben müssen wir alle.

Mich hat diese Begegnung mit dem Tod verändert. Im Medizinstudium wurde ich sechs Jahre lang betankt mit Fakten über Anatomie, Biochemie und Medikamentenkunde. Letztendlich kann Tatsachenwissen niemanden retten vor dem Tod. Mit dieser brutalen Einsicht aber wurden wir als zukünftige Ärzte nie ernsthaft konfrontiert. Sterben war: Betriebsunfall, Nebenwirkung. Und für manche gar eine Beleidigung der ärztlichen Kunst. Starb einer, hatte er sich nicht an all die klugen Ratschläge und Therapiepläne gehalten. Der Tod also, das war etwas, das es mit allen Mitteln zu verhindern galt.

Er war der Feind. Die ganze Metaphorik um den Krebs etwa hat Kampf zum Motiv. Arzt und Patient gewinnen oder verlieren. Ich finde das falsch. Ein Mensch, der stirbt, ist nicht per se ein Verlierer. Und wir werden diesen "Kampf" auch nicht (wie seit 30 Jahren stets behauptet) in den nächsten fünf Jahren "gewinnen": Krebs ist vor allem auch eine Alterserscheinung. Wenn wir älter werden, heißt das auch: Mehr Menschen sterben mit Krebs, aber nicht automatisch an Krebs.

In St. Hildegard merke ich, wie mir mein antrainiertes Wissen nicht – aber so was von gar nichts! – hilft: Ich möchte, bevor ich hier jemanden wirklich kennenlerne, immer erst dessen Diagnose wissen. Was "hat" denn wohl dieser Mensch? Was mag schiefgelaufen sein in seiner Biologie?

Mal um Mal erlebe ich, dass diese Fragen außer mir hier niemanden groß interessieren. Schwester Denise lächelt mich an, mit einer Mischung aus Mitleid und Verständnis. Jahrelang hat sie auf einer Intensivstation gearbeitet, bis sie den radikalen Schritt machte, Menschen ohne Schläuche zu pflegen. Und sich intensiv auf sie einzulassen. Sie ist eine gute Lehrerin und schickt mich ohne Krankengeschichte ins Zimmer. "Entspann dich, das ist hier alles nicht mehr so wichtig. Begegne dem Menschen doch einfach so, wie er ist."

Immerhin habe ich ja alle meine Sinne dabei, sie sollten reichen für das, was hier offensichtlich zählt: nicht, was ein Mensch "hat", sondern, was er ist. Was er braucht, sich wünscht, was jetzt noch wichtig ist. Es geht im Hospiz um Begegnung, um Würde, um Echtheit. Menschen, die wissen, wie kostbar die ihnen verbleibende Zeit ist, haben auf anderes wohl keine Lust mehr.

Seltsam, in fast jedem Krankenhaus laufen, an der Wand angeschraubt, rund um die Uhr Fernseher. Angeschraubt, damit sie niemand klaut. An der Wand, damit niemand über Kabel stolpert. Und gegenüber dem Patientenkopf, auf dass der Kopf beschäftigt sei.

Humanmedizin braucht Humanität

Im Hospiz habe ich nur einen Fernseher gesehen, in einem Gemeinschaftsraum. Die drei Tage über war er jedenfalls nicht an. Ich muss an eins meiner Lieblingsbücher denken: "Wir amüsieren uns zu Tode". Darin beschreibt der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman, wie uns die Fernbedienung suggeriert, jede Realität, die uns nicht passt, wegzuzappen. Paradoxerweise bin ich selbst aber ja auch fürs Fernsehen hier; und darum heilfroh, dass ich ein vertrautes Drehteam dabei habe, das die Kunst beherrscht, sich unsichtbar zu machen – und die Menschen, denen wir hier so nahe kommen dürfen, nicht zu bedrängen, sondern ihnen das Gefühl zu geben, dass sie wahrgenommen werden. Manche blühen auf, wenn sie erzählen und jemand zuhört. Denn lange vor dem körperlichen Tod kommt für viele Menschen in Deutschland der soziale. Die Einsamkeit, das Nicht-mehr-gebraucht-Werden. Ich erlebe, wie Menschen ihre letzte Krankheit als Befreiung verstehen. Niemandem mehr gefallen müssen, keine Lust mehr auf Fassade. Das schafft Raum für Humor, fürs Lachen, für Leichtigkeit.

Wenn jemand rauchen will, stellt sich niemand hin und sagt: Das ist aber schlecht für Ihre Gesundheit. Wer stirbt, darf rauchen. Hier wird nicht mehr erzogen, sondern verwöhnt. Und diese Art von Zuwendung ist vielleicht das, worauf Menschen ein Leben lang gewartet haben.

Hospize brauchen Spenden, auch wenn sich ihre Situation durch feste Vereinbarungen mit den Kassen deutlich verbessert hat. Es war ein langer Weg, seit in England Dame Cicely Mary Strode Saunders, eine Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin, 1967 das erste Hospiz gründete. Von Saunders stammt der Satz: "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben." Die Pionierin verstand, dass eine reine Schmerztherapie zu kurz greift, wenn sie nicht die seelischen, sozialen und spirituellen Nöte und Schmerzen mit behandelt. Saunders starb 2005 mit 87 Jahren in ihrem eigenen Hospiz. Sie hat erlebt, wie ihre Idee um die Welt ging und an vielen Orten dank einer engagierten Zivilgesellschaft wuchs. Parallel dazu entstand auch die Idee, gezielt Humor in die Medizin zu bringen, dank Vorreitern wie Patch Adams und dem ersten Klinikclown Michael Christensen. Beide sozialen Bewegungen, die Hospiz- und die Humor-Aktivisten, sehe ich als eine Gegenkraft gegen die Ökonomisierung des "Gesundheitsmarktes": Humanmedizin braucht Humanität.

An der Universität Bonn habe ich die Psychologin Lisa Linge-Dahl und den Arzt Lukas Radbruch besucht. Als Forscher untersuchen sie experimentell, wie sich Humor in der letzten Lebensphase auswirkt. Denn in Befragungen nach den größten Wünschen platziert sich – bald nach "keine Schmerzen", "niemandem zur Last fallen" – unter den Top Ten regelmäßig: "Ich möchte meinen Humor nicht verlieren". Aber wie kann das gehen?

Das "Medikament" in den Experimenten der Bonner sind zwei Menschen, Mieke Stoffelen und Rainer Kreuz, gelernte Schauspieler, langjährige Klinikclowns und echte Improvisationskünstler. Sie konzentrieren sich in den Begegnungen auf einen Aspekt, der bei aller Anteilnahme manchmal zu kurz kommt. Sie fragen, worüber jemand früher gern gelacht hat, von Heinz Erhardt über Loriot und Otto bis Ringelnatz.

Und sie fragen nach unerfüllten Wünschen: Wenn jemand immer davon geträumt hat, nach Venedig zu reisen, wird aus dem Bett eine Gondel. Zur Ukulele erklingt ein fast-italienisches Lied, da fällt es der Fantasie leicht, den Canal Grande zu spüren. Durch Befragungen vorher und nachher soll belegt werden, wie sich Stimmung, subjektive Lebensqualität und ganz physische Phänomene wie Schmerzempfinden bessern. Die Wirksamkeit des Humors zu erhärten ist wissenschaftlich kein ganz leichtes Unterfangen.

Was wirkt da? Manchmal ist es einfach die Präsenz von Menschen, die Gegenwart und "Gegenwärtigkeit" von jemandem. Auf Englisch heißt "present" sowohl Gegenwart als auch Geschenk. Nicht allein sterben zu müssen ist ein Geschenk, das in St. Hildegard gemacht wird. Jeden Tag. Jede Nacht. Mit der Hilfe vieler Ehrenamtlicher, von denen jeder seine eigene Geschichte hat. Walter etwa, der Pianist, der im Obergeschoss ein Klavier anschlägt, das sich auch in einem Western-Saloon gut machen würde, hat hier im Hospiz seine Frau begleitet. Seitdem kommt er einmal die Woche und macht mit dem ziemlich verstimmten Instrument gute Stimmung. Wenn Walter, mit sanften Händen seine Akkorde gleichmäßig über die Tasten verteilend, "Von guten Mächten wunderbar geborgen" zu Gehör bringt, glaubt man ihm gern.

Es gibt hier auch eine Trauergruppe, die sich zum Kaffee trifft und zum Austausch. Ich sitze dabei, die meisten kommen schon seit vielen Monaten und Jahren, der Schock ist weg, die Trauer bleibt. In den Gesprächen in der großen Runde komme ich mir ein bisschen wie beim Skatspielen vor, mit umgekehrten Regeln: Ich nehme einen Hauch von Wettbewerb wahr – um das schlechteste Blatt: Wer am meisten gelitten hat, gewinnt. Nicht das Spiel, sondern die Aufmerksamkeit. Als ich das anspreche, wird gelacht. Ein gutes Zeichen. Und als ich nach der dritten Tasse Kaffee loskomme, fällt mir auf: Die zwei Männer in der Runde haben praktisch nichts gesagt.

Schwester Ragnhild hat ihren eigenen Mann in diesem Hospiz in den Tod begleitet. Und arbeitet weiter hier. Ich überlege, welche Analogie das "draußen" hätte. Ein Koch, der an einem freien Tag in seinem eigenen Restaurant essen geht?

Wenn ich davon erzählt habe, dass ich freiwillig in ein Hospiz gegangen bin, bekam ich oft zu hören: "Das könnte ich nicht." Es bleibt ein Tabu, dem Tod Besuche abzustatten. Ambivalent ist unser Verhältnis zu ihm, angstbesetzt, irrational. So als wenn es ein böses Omen wäre, man sich in seiner Gegenwart mit etwas unsichtbarem Fiesem ansteckt, etwas an einem für immer hängen bleibt.

Was mich im Rückblick aber am meisten beschäftigt hat: Ausgerechnet die Menschen, die jeden Tag mit dem Sterben zu tun haben, scheinen am wenigsten Angst davor zu haben. Woody Allen meinte: "Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will nur nicht dabei sein, wenn es passiert." Immer ein guter Lacher. Aber inzwischen denke ich anders darüber. Jeder Mensch hat zwei Leben: Das zweite beginnt, wenn man kapiert, man hat nur eins.

Sendehinweis: "Hirschhausen im Hospiz" läuft kommenden Montag, 16. 9. 19, 20.15 Uhr, ARD

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