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Höhere Kassenbeiträge für Dicke: Bloß ein dünnes Brett gebohrt

CDU-Politiker Marco Wanderwitz fordert höhere Krankenkassenbeiträge für Dicke. Seine Anhänger findet der Vorschlag bestimmt, dabei sind die Argumente dafür dünn. Und gerecht wäre die Regelung keineswegs.

Von Nina Weber

Unterschiedliche Gewichtsklasse, unterschiedlicher Kassenbeitrag: Sinnvoll ist der Vorschlag nicht

Unterschiedliche Gewichtsklasse, unterschiedlicher Kassenbeitrag: Sinnvoll ist der Vorschlag nicht

Dicke kosten die Kassen mehr Geld, also sollen sie mehr zahlen. Der Vorschlag an sich ist nicht neu, dient er doch alle Jahre wieder als probates Mittel, sich ins Gespräch zu bringen. Dieses Mal ist es der CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz, der in "Bild" verkündet: "Es muss die Frage erlaubt sein, ob die immensen Kosten, die zum Beispiel durch übermäßigen Esskonsum entstehen, dauerhaft aus dem solidarischen System beglichen werden können." Und "bewusst ungesund lebende Menschen" sollten eine eigene Verantwortung auch in finanzieller Hinsicht tragen. Der Hinweis aufs Solidarsystem signalisiert: Es geht hier nicht nur um Geld, sondern auch um Gerechtigkeit.

Wäre es denn fair? Sicher nicht! Los geht es schon bei der Definition. Wer ist denn dick? Jeder mit einem Body-Mass-Index (BMI) jenseits der 25, wo offiziell das Übergewicht beginnt - oder erst jemand mit einem BMI über 30, wo laut Fachjargon schon die Fettsucht herrscht? In beiden Fällen trifft diese Einteilung auch Menschen, die keineswegs "bewusst ungesund leben", nämlich Sportler, die aufgrund ihrer Muskelmasse einen hohen BMI haben. Mindestens benötigt es zur Einordnung einer Mischung aus BMI und "Waist-to-height-Ratio", die sowieso besser als Hinweisgeber auf spätere Krankheiten taugt.

Kommen wir zum praktischen Teil: Also rauf auf die Waage und schnell das Maßband angelegt bei jedem einzelnen der knapp 70 Millionen erwachsenen Deutschen? Fragen wir die Hausärzte, ob sie dafür Zeit haben. Die jubeln garantiert über jeden weiteren Gesunden, der in ihrer Praxis sitzt. Zur Erinnerung: Es geht darum, Geld zu sparen. Da das Gewicht im Gegensatz zur Körpergröße durchaus Schwankungen unterliegt, müsste die Messung - wir streben ja nach Gerechtigkeit - zumindest einmal pro Jahr passieren. Verändert sich bei jemandem die Kategorie, gehört der Beitrag angepasst. Sieht da noch jemand die Verwaltungskosten der Kassen durch den Mehraufwand explodieren?

Den Dicken mangelt es nicht bloß an Motivation

Aber es geht ja nicht nur um Geld und Gerechtigkeit, sondern sicher auch darum, die "bewusst ungesund Lebenden" zu erziehen, ihren Lebensstil zu ändern. Glaubt irgendjemand, dass das wirklich funktioniert? Viele Menschen mit Übergewicht leiden darunter. Dicke Kinder werden von Mitschülern gehänselt. Dicke Erwachsene werden mit Vorurteilen konfrontiert, sie wären dumm und faul. Doch trotz allen Drucks schafft es die Mehrheit offensichtlich nicht, ihr Gewicht zu reduzieren. Da soll ein höherer Krankenkassenbeitrag die fehlende Motivation liefern? Nein, wenn man dem Trend, dass immer mehr Deutsche übergewichtig sind, entgegen wirken will, muss man anders und vor allem früher ansetzen: Schon Kinder müssen lernen, dass gesunde Ernährung ebenso wie Sport zum Leben gehören sollte.

Eine Anmerkung dazu: Um gesünder zu leben, ist Abnehmen eventuell zweitrangig. Einige Untersuchungen zeigen, dass regelmäßige Bewegung viel wichtiger für die Gesundheit ist als Normalgewicht. Doch auch der fitteste Übergewichtige würde mit einem erhöhten Kassenbeitrag abgestraft. Ausgesprochen motivierend, nicht wahr?

Die Gene beeinflussen übrigens, wie schnell jemand zunimmt, da ist schon die Natur ausgesprochen ungerecht. Über Schilddrüsenunterfunktionen, Fettstoffwechselstörungen und andere Krankheiten, die sich aufs Gewicht auswirken, müsste man ebenfalls sprechen. Oder über psychische Probleme: Sollen Menschen mehr zahlen, die unter einer Essstörung, dem "Binge Eating", leiden? Die Kämpfe um den Ausnahmekatalog dürften im Hinblick auf den Gerechtigkeitsanspruch interessant werden.

Die Steuer auf Süßigkeiten wird nicht kommen

Etwas sinnvoller erscheint der Vorschlag den Jürgen Wasem, Experte für Medizinmanagement an der Uni Duisburg, ebenfalls in "Bild" unterbreitet: Man könnte gesundheitsschädliche Konsumgüter wie "Alkohol, Schokolade oder Risikosportgeräte wie Drachenflieger" analog zu Zigaretten höher besteuern, meint er. Diese Einnahmen könnten zu den Krankenkassen fließen. Das wäre insofern fair, als dass der Inhalt einer Chipstüte nie die Gesundheit fördert - egal, ob er von einem Dicken oder Dünnen verspeist wird. Man darf nur nicht beginnen, über sämtliche Feinheiten und Ausnahmen nachzudenken. Zudem sollte sich niemand der Illusion hingeben, dass eine Lebensmittelindustrie-Lobby, die die verbraucherfreundliche Lebensmittelampel verhindert hat, vor der Einführung einer Süßigkeitensteuer die Füße still hält.

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