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Hospiz-Besuch Sterben in Zeiten von Corona: "Jetzt stehen wir da und dürfen nicht mal die Hand geben"

Keris Schnelle leitet das Hospiz Brücke in Bremen
Keris Schnelle leitet das Hospiz Brücke in Bremen
© Lukas Weisselberg
Keris Schnelle leitet ein Hospiz in Bremen. Trösten und Abschied nehmen sind Teil ihres Alltags – doch wie geht das in Zeiten von Corona? Und wie erleben Heimbewohner die Situation? Ein Besuch vor Ort.
Von Lukas Weisselberg

Die Corona-Pandemie hat viele Pläne durchkreuzt. Der geplante Sommerurlaub? Verschoben auf 2021. Der Geburtstag mit Freunden? Muss nächstes Jahr gefeiert werden. Viele haben die weitere Jahresplanung einfach um ein Jahr verlegt. Was aber ist, wenn es keinen Aufschub mehr gibt, weil das Lebensende naht? Eine Antwort auf diese Frage finde ich im Bremer Hospiz Brücke.

Vor dem Besuch bin ich aufgeregt. Was, wenn ich mich angesichts der geltenden Corona-Regeln falsch verhalte? Das Hospiz befindet sich in einer herrschaftlichen alten Stadtvilla an einem schönen Park mitten im Zentrum Bremens. Mit Herzklopfen klingle ich an der Tür. Eine Frau öffnet mir. Ich soll mir die Hände desinfizieren, bittet sie mich. Anschließend gibt sie mir eine OP-Maske, die ich gegen meine Stoffmaske tausche. Mit neuem Mund-Nasen-Schutz betrete ich das Gebäude – und bin überrascht. Diesen Ort habe ich mir so viel trister vorgestellt. Die Einrichtung ist in warmen Farben gehalten. An den Wänden hängen Bilder mit Sonnenblumen.

"Ich wüsste nicht, warum ich vor dem Tod Angst haben sollte"

Ich bin mit Keris Schnelle, der Hospizleiterin, verabredet. Wie jede Person im Haus muss auch sie penibel auf Hygiene achten. Das gilt besonders in Corona-Zeiten. Zusätzlich zur OP-Maske trägt sie eine professionelle FFP2-Maske, um die Bewohner zu schützen. Sie sollen nicht noch zusätzlich an Corona erkranken. Die Maske erschwert allerdings die Kommunikation zwischen den Gästen und dem Pflegepersonal. "Einfach fragen 'Wie geht es Ihnen?' ist schwierig, weil viele sich gar nicht mehr so äußern können", sagt sie. Mehr denn je achtet das Personal auf die Gäste und auch nonverbale Zeichen. Beispielsweise kann eine tiefe Stirnfalte Schmerzen signalisieren.

Ich erzähle ihr gleich, wie sehr ich über die Inneinrichtung überrascht bin. Ein Sterbehaus hätte ich mir trauriger vorgestellt, gebe ich ihr gegenüber zu. "Es geht hier ja erst mal ums Leben, natürlich wird hier auch gestorben", antwortet sie mir. "Aber der Gast, der hierher kommt, soll sich nicht als Patient und ständig krank fühlen. Er soll sich nach Möglichkeit wie zu Hause fühlen."

Die 43-Jährige ist seit 18 Jahren Mitarbeiterin im Hospiz. Vorher war sie Krankenschwester, wie viele Palliativ-Pfleger. "Eigentlich kommen alle aus den Kliniken und kommen dann hierher und es möchte niemand weg, weil die Arbeitsbedingungen hier einfach deutlich besser sind", sagt Keris Schnelle. Durchschnittlich kommen auf einen Pfleger im Krankenhaus 30 Patienten. Im Hospiz-Brücke sind es vier Gäste. Wie sie mir weiter erzählt, wurde im Krankenhaus "eher nebenbei" gestorben. "Man hatte keine Zeit für die Patienten. Man hat eben mal geguckt, hat er oder sie es schon geschafft, hat die Person vielleicht in ein Einzelzimmer geschoben", erinnert sie sich. "Es blieb auch keine Zeit, die Angehörigen zu begleiten."

Einer der Gäste hier – so heißen die Bewohner des Hospizes – ist Martina. Wir sitzen mit Sicherheitsabstand im Pavillon des Hauses. Letztes Jahr im April bekam sie die Diagnose Brustkrebs. Dass etwas nicht stimmte, ahnte sie aber bereits vorher, sie hatte sich schon längere Zeit nicht gut gefühlt. "Als ich dann gehört habe, dass es vorbei sei, habe ich mir gesagt: 'Gut, dann ist das halt so'", erzählt mir die 54-Jährige. Mit zittrigen Fingern dreht sie eine Zigarette. "Nur, weil der Krebs jetzt auf die Lunge gestreut hat, soll ich mit dem Rauchen aufhören? Nö!", sagt sie bestimmt.

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie ihren Alltag im Hospiz? "Wir sind hier sowieso vermummt und ich gehe eh nicht raus. Ich sehe da keine Einschränkungen", berichtet die ehemalige Schiffsmatrosin mit rauchiger Stimme. Zwar dürfe sie nun nur noch zwei Personen sehen. Regelmäßig Besuch bekomme sich aber ohnehin nur von ihrer besten Freundin, insofern sei das keine große Umstellung, sagt sie. Ohnehin blickt Martina sehr gelassen aufs Leben und die ihr verbleibende Zeit. Der Tod? "Gehört so dazu wie das Mittagessen", vergleicht sie.

Kleidung für den letzten Weg

Die letzten Lebenstage mit Freunden und Familie verbringen – das ist auch in Corona-Zeiten wichtig. Die Kontaktbeschränkungen im Heim und auch die Sicherheitsabstände fallen deshalb nicht immer leicht. Keris Schnelle und ihr Team versuchen dennoch, die Abschiede so persönlich wie möglich zu gestalten. Sie öffnet einen Kleiderschrank und zeigt mir ein besonderes Detail. Von allen Bügeln sticht einer besonders hervor, der mit dem Schriftzug: "Kleidung für den letzten Weg". "Es ist nicht immer der Anzug, der getragen wird. Wir sagen immer: 'Die Lieblingskleidung, das ist wichtig.' Wir hatten mal jemanden, der ist im Werder-Trikot gestorben", erinnert sie sich.

Was will ich am Ende des Lebens tragen? Diese Entscheidung ist ganz individuell
Was will ich am Ende des Lebens tragen? Diese Entscheidung ist ganz individuell
© Lukas Weisselberg

Die Gäste haben die Möglichkeit, ihr Zimmer so einzurichten, wie sie es gerne wünschen. So war das Zimmer des Werder-Fans natürlich in Grün-Weiß dekoriert. "Wir hatten eine Dame, die hat total gerne gepuzzelt. Da haben wir die Puzzle-Teile mit ins Bett gelegt", berichtet Keris Schnelle. Wenn der Gast verstirbt, wird immer eine Kerze angezündet. Anschließend wird das Fenster geöffnet, ein Ritual, damit sinnbildlich die Seele hinaus kann.

Im Schnitt bleiben die Gäste nur für vierzehn Tage im Hospiz. Wie Martina ist der überwiegende Teil der Gäste an Krebs erkrankt, aber auch ALS oder chronische Erkrankungen sind häufig. Typische Symptome, die das Palliativ-Team betreut, sind Übelkeit, Erbrechen, Luftnot und Ängste. "Viele gehen sehr unterschiedlich von dieser Welt, und auch hier sterben Menschen nicht immer schön. Das finde ich ganz wichtig. Im Hospiz ist nicht immer alles rosarot, auch hier gehen Menschen mit Ängsten und auch manchmal mit unstillbaren Schmerzen", betont Keris Schnelle.

Herzenswünsche

"Ich heiße Georg Hermann Pleus - kurz und bündig", so stellt er sich vor. Der 76-Jährige ist an Lungenkrebs erkrankt und seit rund zwei Wochen im Hospiz Brücke. Er erzählt mir leidenschaftlich von seinen bisherigen Etappen im Leben. Ganz früher war er einmal Landwirt. Er ist ein kerniger Typ und berichtet, dass er letztens in den angrenzenden Park wollte und einfach abgehauen ist. Natürlich wurde er dann von den Pflegern gesucht und ist wohlbehalten wieder im Haus angekommen. Ich frage ihn, ob er sich noch etwas im Leben wünscht. "Noch einmal nach Hause gehen", erzählt er.

Georg Hermann Pleus arbeitete früher als Landwirt
Georg Hermann Pleus arbeitete früher als Landwirt
© Lukas Weisselberg

"Manchmal sind es auch ganz kleine Wünsche: Noch mal ein bestimmtes Eis essen", erzählt Keris Schnelle. Wir gehen durch die Villa und sie berichtet mir von erfüllten Herzenswünschen ehemaliger Gäste, darunter: auch eine Hochzeit. "Eine Stunde später stand der Standesbeamte vor der Tür. Was, wie, wo - jetzt?", erinnert sie sich. "Dann hat das Paar hier im Wohnzimmer geheiratet, ich fand, das war total schön, auch dass der Standesbeamte so spontan war." Aber der größte Wunsch, den viele Gäste haben, ist: Ruhe finden. Auch in Zeiten einer Pandemie.

Es sind die Zwischenmenschlichkeit und die Nähe, die durch Corona jetzt wegfallen. Die Arbeit eines Hospizes zeichnet sich durch Wärme und Geborgenheit aus. "Sonst stützen wir die Angehörigen, indem wir sie in den Arm nehmen, sie halten, gerade wenn jemand verstorben ist. Jetzt stehen wir da und dürfen nicht mal die Hand geben - es ist nicht schön", sagt Keris Schnelle. Die Distanz rüttelt an den Prinzipien des Hauses. Halt geben ist wichtig, auch körperlich.

Die Pandemie ist hier im Hospiz allgegenwärtig, allein schon wegen der Masken, der Vorschriften und Regeln. Dennoch wirkt das Haus wie in eine Blase gepackt, abgeschieden von dem, was außerhalb passiert. Martina und Georg gehen mit Corona um, wie mit dem Tod: gelassen.

Es berührt mich mit welcher Liebe und Wärme Keris Schnelle und ihr Team Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten, auch in Corona-Zeiten. Es stiftet Hoffnung und Zuversicht vor dem danach, weil das davor bis zum letzten Tag mit Leben gefüllt wird. Georg ist zwei Tage nach meinem Besuch mit dem Wünschewagen ein letztes Mal nach Hause gefahren.


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