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Alzheimer-Forschung: In der Früherkennung liegt die größte Chance

Alzheimer ist immer noch eine Krankheit ohne eine Chance auf Heilung. Doch es gibt durchaus einen Silberstreif am Forschungshorizont und einen überraschenden Zusammenhang mit Covid-19. 

Hirnschädigung bei Alzheimer Demenz

Mit Tests lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer Alzheimer-Erkrankung schon zehn Jahr zuvor  bestimmen.  Die Zerstörung der Nervenzellen im Gehirn ist bis heute jedoch nicht aufzuhalten.

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Die Diagnose Alzheimer ist für die Betroffenen und die Angehörigen gleichermaßen ein Schock. Heilen lässt sich die Krankheit nicht. Warum Verzweifelung dennoch nicht angebracht ist, darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Agnes Flöel. Sie ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie in der der Universitätsmedizin Greifswald.

Frau Dr. Flöel, Mitte 2012 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein geradezu vernichtender Artikel über die Fortschritte in der Alzheimer-Forschung. Die wesentlichen Erkenntnisse wären Mitte der Achtziger Jahre gemacht worden. Seither herrsche Stillstand. Das letzte Medikament sei vor 18 Jahren auf den Markt gekommen. Weder könne man die Alzheimer-Demenz verlangsamen, noch aufhalten. Wo stehen wir denn heute?

Nein, so düster sehe ich das nicht, da hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Geforscht wird ja nicht nur in der Therapie, sondern auch in der Frühdiagnostik und Prävention. Und hier haben wir definitiv deutliche Fortschritte erzielt. 

Können Sie Beispiele nennen?

Die Früherkennung einer Alzheimer-Erkrankung über Biomarker funktioniert grundsätzlich schon sehr gut. Amyloidablagerungen sind schädigende Eiweißablagerungen zwischen den Nervenzellen. Tau, ebenfalls ein Protein, stützt die Zellstruktur. Zerfällt es, werden lebenswichtige Transportvorgänge in der Zelle unterbrochen, die Nervenzelle stirbt. Tau und Amyloid sind charakteristische für die Alzheimer-Erkrankung. Schon bevor sich die ersten klinischen Symptome zeigen, lässt sich über die Biomarker Beta-Amyloid und Tau die Alzheimer-Erkrankung nachweisen. Derzeit laufen Forschungen an Blut-Biomarkern, was die Diagnose natürlich erheblich vereinfachen würde. Bisher muss eine Nervenwasserprobe gewonnen, oder ein relativ teures und nur an einer begrenzten Zahl von Standorten verfügbares nuklearmedizinisches Verfahren angewandt werden 

Was heißt Früherkennung konkret? Monate oder ein Jahr?

Die Amyloid- und Tau-Veränderungen zeigen sich schon Jahre, in manchen Fällen Jahrzehnte vor den klinischen Symptomen einer Demenz. 

Prof. Dr. Agnes Flöel Alzheimer- und Demenz-Forschung

Prof. Dr. Agnes Flöel ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie, in der der Universitätsmedizin Greifswald und arbeitet in der Demenz-Forschung.

Wie sicher ist diese Art Früherkennung?

Das ist schon aussagekräftig. Gleichwohl man natürlich sagen muss, dass es im Einzelfall durchaus einen anderen Verlauf nehmen kann. In einer Studie, die bei Patienten mit einer leichten kognitiven Einschränkung diese Marker mit einem bildgebenden Verfahren nachwies, entwickelten etwa zwei Drittel innerhalb von fünf Jahren eine Demenz, doch ein Drittel eben nicht. Positive Marker in einem sehr frühen Stadium bedeuten also nicht zwangsläufig den Weg in die Demenz. Es gibt also Hoffnung. Verzweiflung ist da noch nicht angebracht. 

Hat der Betroffene dadurch einen Vorteil? Kann er die Symptome hinauszögern? Eine Heilung gibt es ja nicht. 

In Sachen Prävention verstehen wir die Zusammenhänge immer besser. Risikofaktoren für Alzheimer sind Bluthochdruck und Übergewicht im mittleren Lebensalter, weiter Rauchen, Diabetes, . Depression sowie körperliche und geistige Inaktivität.  Aus der Früherkennung kann der Patient also mit den richtigen Maßnahmen im Lebenswandel den größten Nutzen ziehen. Zwar ist eine Wirksamkeit zur Verzögerung einer Demenz durch klinische Studien nicht immer eindeutig nachgewiesen, es besteht aber Konsens, dass diese Maßnahmen einen generellen gesundheitlichen Nutzen haben und keinen Schaden hervorrufen. 

Und wie sieht es bei der Therapie aus? Herrscht dort Stillstand?

Nein, Stillstand ganz sicher nicht, es wird intensiv geforscht. Das meiste Geld der Pharmaindustrie fließt noch in die Erforschung von Strategien, die sich gegen Beta-Amyloid richten. Zum Beispiel werden Antikörper untersucht, die sich gezielt gegen das Eiweiß Beta-Amyloid richten, aus dem die für Alzheimer typischen Ablagerungen zwischen den Neuronen bestehen. Allerdings sind hier viele Studien gescheitert, einige Wirkstoffe sind noch in der Prüfung. Einen Hoffnungsschimmer gibt es auch nach einer abgebrochenen Studie Anfang vergangenen Jahres, wo eine Auswertung zusätzlich verfügbarer Daten Ende 2019 einige positive Signale gegeben hat, insbesondere für hohe Dosen des Antikörpers. Allerdings befindet sich die Firma weiter in intensiven Diskussionen mit der amerikanischen Zulassungsbehörde, in Europa ist noch kein Zulassungsantrag erfolgt.   

Diese Therapien setzen alle beim Beta-Amyloid an. Welche Ansätze gibt es noch. Beim Tau etwa?

Beim Tau steht die Forschung noch relativ am Anfang. Die ersten Ergebnisse mit Leuko-Methylthioninium sind jedoch ermutigend. Die Substanz verhindert die Bildung von Tau-Proteinsträngen, den Tau-Fibrillen,  in den Nervenzellen und damit den Zelltod.  Zurzeit befinden sich über 30 Substanzen gegen Alzheimer in klinischen Tests, zum Teil mit ganz unterschiedlichen therapeutischen Angriffspunkten. Darunter auch die sogenannten "small molecules", die schützend in die Stoffwechselprozesse im Gehirn eingreifen sollen und gezielt bestimmte Enzyme hemmen oder Rezeptoren blockieren. 

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Bewegung

Die WHO empfiehlt sich regelmäßig - auch im Alter - zu bewegen. Eine Studie im Journal "Nature Medicine" deckt einen Mechanismus auf, der erklären könnte, wie regelmäßiger Sport dem kognitiven Abbau bei Alzheimer-Patienten entgegenwirkt. In der Studie heißt es: Sobald man Sport treibt, wird ein Botenstoff freigesetzt, Irisin. Dieser gelangt durch die Spaltung des Transmembranproteins FNDC5 aus dem Muskel ins Gehirn. "Die Forschergruppe konnte zeigen, dass Alzheimer-Patienten erniedrigte FNDC5/Irisin-Spiegel im Hippocampus, unserer 'Gedächtniszentrale' im Gehirn, und in der Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) aufweisen", schreibt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Die Steigerung der FNDC5/Irisin-Konzentration führt zu einer erhöhten Plastizität des Gehirns. "Noch fehlt der Nachweis durch klinische Studien, aber der FNDC5/Irisin-Spiegel könnte ein physiologischer Link zwischen Muskeln und Gehirn sein", erklärt Professor Dr. Richard Dodel der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

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Womit beschäftigen Sie sich in Greifswald?

Wir forschen an Substanzen wie Spermidin und Resveratrol, sog. Autophagie-Verbesserern. Bei der Autophagie bauen unsere Körperzellen sozusagen den in ihnen angehäuften Zellschrott ab, wie fehlgefaltete Proteine und beschädigte Zellbestandteile. Amyloid und Tau sind ja letztendlich solche Rückstände, die nicht abtransportiert worden sind. Diese Substanzen könnten eines Tages als Mittel der Frühprävention eingesetzt werden. In Phase IIb-Studien werden aktuell an Patienten in sehr frühen Stadien der Alzheimer-Erkrankung  diese Verbesserer untersucht. Übrigens: Spermidin wird momentan auch im Zusammenhang mit  Covid-19 beforscht. Erste Untersuchungen an Zellkulturen, an denen auch Herr  von Herrn Drosten von der Charité beteiligt ist, haben gezeigt, dass Covid-19-Virus die Autophagie der Zellen zu hemmen scheint, um sich schneller im Körper verbreiten zu können. Spermidin wirkt dem offenbar entgegen und senkt in der Zellkultur die Reproduktionsrate des Virus um 85 Prozent. Außerdem forschen wir in Greifswald intensiv an der Kombination von kognitivem Training und nicht-invasiver elektrischer Hirnstimulation. Bei gesunden älteren Menschen liegen hier erste vielversprechende Ergebnisse vor, bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen laufen die entsprechenden Studien noch. 

Was macht die Forschung so schwierig?

Die Komplexität der Erkrankung. Verschiedenste Effekte wirken hier zusammen, wobei dann ja noch der Alterungsprozess hinzukommt. Das Gehirn altert, es gibt Mini-Schlaganfälle und Gefäßschäden, außerdem Entzündungsreaktionen. Das alles kommt zusammen, es gibt wahrscheinlich nicht einen einzigen Vorgang, den man stoppen muss und dann wird alles gut. Und darum könnte es am Ende so sein, dass nicht ein einziges Medikament gegen Alzheimer erfolgreich sein wird, sondern nur eine Kombination von Maßnahmen. Angefangen beim Lebensstil und dem Verhindern von Gefäßerkrankungen, der Autophagie im Frühstadium bis zum Verhindern von Amyloid-Ablagerungen und Tau in den Nervenzellen sowie der Hemmung von Entzündungen. 

Gehört Alzheimer also zum Alt werden dazu?

Nein, das würde ich klar verneinen. Es ist eine echte Erkrankung. Genauso wenig ließe sich behaupten, Bluthochdruck gehöre zum Alt werden mit dazu, nur weil fast die Hälfte der Deutschen über 50 Jahren darunter leiden. 

Wie lange wir das dauern? 20 Jahre oder länger?

Ich vermute, dass wir schon früher Erfolge sehen werden. Vielleicht schon in vier bis fünf Jahren. 

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