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Von Sommer- in Herbstwelle Zu wenig Personal auf Intensivstationen: Divi-Präsident Marx erklärt die Probleme der Krankenhäuser

Corona auf den Intensivstationen
Mehr Covid-Patienten und zu wenig Personal belasten das Gesundheitssystem
© Christoph Soeder / DPA
Die Lage auf den deutschen Intensivstationen spitzt sich früher zu als erwartet. Divi-Präsident Gernot Marx erklärt im Gespräch mit dem stern, woran das liegt und was sich in den Krankenhäusern ändern müsste.

Die Zahl der Corona-Patienten steigt. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist deshalb alarmiert. Vertreter aus der Medizin winken dagegen ab. Die Krankenhäuser haben aktuell ein ganz anderes Problem als die steigende Hospitalisierungsinzidenz, sagt etwa Gernot Marx. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Notfallmedizin (Divi) und Leiter der Intensivmedizin in Aachen sorgt sich eher um das Personal. Denn das schrumpft wegen häufigen Corona-Infektionen.

Derzeit müssen 58 Prozent aller Intensivstationen in Deutschland ihren Betrieb einschränken (Stand 12. Juli 2022). Kurzfristig lässt sich daran kaum etwas ändern, sagt Marx. Im Interview mit dem stern spricht er über die aktuelle Lage auf den Intensivstationen, seine Wünsche an den Bundesgesundheitsminister und die medizinische Versorgung der Zukunft.

Herr Prof. Marx, Sie leiten die Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. Schildern Sie doch bitte einmal die Lage in Ihrem Krankenhaus.

Es gibt einige Corona-Patienten, aber nicht viele. Deutschlandweit liegen aktuell 1144 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Das macht im Durchschnitt knapp einen Patienten pro Intensivstation. Im Vergleich zu den vergangenen Pandemiewellen ist das eine deutlich geringere Belastung.

Trotzdem klagen Krankenhäuser über die Corona-Lage. Woran liegt das?

Zum einen haben sich seit Pandemiebeginn auf fast jeder Station die betreibbaren Intensivbetten reduziert. Letztes Jahr hatten wir zur gleichen Zeit im Sommer rund 22.000 Betten, jetzt sind es nur noch 20.000. Außerdem fallen viele Beschäftigte krankheitsbedingt aus. Wir wissen zwar nicht immer ganz genau, was die Kollegen haben, aber wegen der hohen Inzidenz muss man davon ausgehen, dass sich jetzt wieder viele mit dem Coronavirus infizieren. Die jetzige Situation ist deshalb für einen Sommer ziemlich ungewöhnlich.

Wie meinen Sie das?

Normalerweise sind die Sommermonate zwischen Juni und August auf den Intensivstationen eher ruhig – auch unabhängig von Corona. Es werden weniger Operationen durchgeführt, viele sind in den Sommerferien im Urlaub. Jetzt liegen aber doppelt so viele Patienten wie letztes Jahr und viermal so viele Patienten wie 2020 mit COVID auf den Intensivstationen und das Personal fällt wegen Krankheit aus. Da ist die Belastung entsprechend hoch. Weniger Personal muss ein deutlich höheres Patientenaufkommen managen.

Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
© Fabrizio Bensch / Reuters Pool / DPA

Was würden Sie sich vom Bundesgesundheitsminister wünschen, damit sich die Lage in den Krankenhäusern verbessert?

Ich würde mir ein Infektionsschutzgesetz wünschen, mit dem wir kurzfristig reagieren können, wenn die Herbstwelle ausgeprägter ausfällt, als wir hoffen.

Kein neues Personal?

Das ist ein entscheidender Punkt. Wir sprechen immer über den Pflegenotstand, aber eigentlich betrifft es alle Berufsgruppen – Physiotherapeuten, Ärztinnen und Ärzte, nicht nur die Pflege. Das gesamte Team hat zwei besonders fordernde Jahre hinter sich. Einige Mitarbeiter haben die Medizin verlassen, die meisten haben ihre Arbeitszeit um 20 Prozent reduziert, weil sie die 100 Prozent nicht mehr leisten konnten.

Wir in der DIVI sorgen uns auch, dass sich junge Menschen nicht mehr für diesen Beruf entscheiden. Als Bevölkerung werden wir hier zu Lande immer älter, das bedeutet in den kommenden zehn Jahren auch mehr Patienten auf den Intensivstationen. Schon jetzt versorgen wir zwei Millionen Patienten im Jahr. Tendenz steigend. Aber die Zahl der Versorgenden steigt nicht mit. Das ist ein wirkliches Problem!

Wie ließe sich das ändern?

Mit zwei Dingen. Zum einen mit Arbeitsbedingungen, unter denen junge Menschen diese Arbeit gut und gerne machen. Wir brauchen flexiblere Arbeitszeiten und es muss gewährleistet sein, dass freie Zeit auch wirklich freie Zeit bleibt. Im Moment muss ich ständig Leute anrufen, die eigentlich am Wochenende frei haben, damit sie für erkrankte Kollegen einspringen. Die bangen dann um das nächste freie Wochenende und ich kann ihnen nicht versprechen, dass sie dann auch wirklich frei haben. Aber die Mitarbeiter müssen sich darauf verlassen können. Und wir müssen familienfreundlicher werden. Es klingt immer so, als wäre die Intensivmedizin nur ein fordernder und belastender Beruf – was nicht ganz zutrifft.

Und der zweite Punkt?

Wir brauchen die Bereitschaft zu technischer Innovation. Da habe ich die Sorge, dass wegen der weltpolitischen Lage wieder an Dingen gespart wird, die sich als sinnvoll erwiesen haben. Zum Beispiel bei der Telemedizin. Wir brauchen digitalisierte Krankenhäuser, um mehr Menschen retten zu können, als heute. Die DIVI entwickelt gerade eine neue Strukturempfehlung, die Ende des Jahres nach mehr als zehn Jahren aktualisiert erscheint und über die wir dann mit dem BMG und den Verantwortlichen in den Ländern sprechen wollen.

Gehen Sie davon aus, dass sich die Lage auf den Intensivstationen nach der Sommerphase wieder verbessert?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Fraglich ist zum Beispiel, ob auf die jetzt dominante B.A.5-Variante noch weitere folgen, die weniger pathogen, also weniger krankmachend sind. Ich bin da zwar zuversichtlich, aber man muss auch davon ausgehen, dass die Ansteckungsgefahr im Herbst und Winter wieder steigt. Da wird es auf den Intensivstationen, aber auch in ganz anderen Bereichen noch viele Menschen geben, die ihrer Arbeit nicht nachgehen können.

Wie könnte man das abmildern?

In Innenräumen und großen Menschenmassen werden wir wieder Masken tragen müssen. Außerdem halte ich die Impfung, sowohl den zweiten Booster, den die EMA gerade empfohlen hat, als auch eine Impfung mit den angepassten Vakzinen, die gerade noch entwickelt werden, für hochrelevant. Denn wir sehen, dass die Corona-Patienten auf den Intensivstationen überwiegend ältere Menschen sind: 77,6 Prozent sind über 60 Jahre alt, gehören also zu besonders vulnerablen Gruppen. Wir Intensivmediziner machen uns außerdem Sorgen, dass zusätzlich eine Influenzawelle auf uns zukommt, wie wir sie gerade in Australien erleben. Deshalb kann auch eine Grippeimpfung sehr sinnvoll sein.

Delta galt doch immer als die Variante, die die schlimmsten Krankheitsverläufe provoziert hat. Wie überraschend ist es, dass sich die Intensivbetten schon jetzt füllen?

Delta war tatsächlich besonders gefährlich: Allein im November und Dezember letzten Jahres sind 6500 Intensivpatienten an der Variante gestorben. Das war für uns eine ungewöhnlich hohe Zahl. Wenn sich wieder mehr Menschen infizieren, so wie jetzt, steigt natürlich statistisch auch die Zahl derer mit schwerem Krankheitsverlauf.

War das zu erwarten? Karl Lauterbach hatte, nachdem die Schutzmaßnahmen aufgehoben wurden, immer vor einer Herbstwelle gewarnt.

Überraschend ist die jetzige Welle nicht, aber die Ausprägung war schwer vorherzusehen. Entscheidend ist natürlich, dass wir in den letzten Jahren einen saisonalen Effekt beobachten konnten, jetzt aber weit ansteckendere Varianten kursieren. Wenn es wieder kälter wird und die Menschen sich wieder vermehrt drinnen treffen, dann müssen wir auch bereit sein, wieder mehr Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.

Zu Beginn der Pandemie war die Triage ein Horrorszenario für viele Menschen in Deutschland. Droht das nun wieder?

Zum Glück hatten wir bis heute keine Triage-Situation. Das hieße ja, wir hätten in ganz Deutschland kein einziges freies Bett mehr für Patienten, die lebensbedrohlich erkrankt sind und müssten aktiv über Leben und Tod entscheiden. Im Bericht des Expertenrates ist das das Worst-Case-Szenario. Das kann man nicht ausschließen. De facto würden wir dann aber von einer neuen Pandemie sprechen.

Aber es handelt sich nach wie vor um dasselbe Virus.

Normalerweise verlaufen Pandemien so wie jetzt auch: Ein Erreger entwickelt sich weiter, wird aber weniger pathogen – also krankmachend. In dem Worst-Case-Szenario müssten bei mit einer neuen Variante komplett bei Null anfangen. Corona hielt bereits diverse Überraschungen bereit. Sollte es wieder so kommen, dann wären wir auf den Intensivstationen und auch im gesamten Gesundheitssystem stark be- und überlastet. Psychisch und physisch ist ein hohes zusätzliches Patientenaufkommen mit einer Krankheit, für die es kein Allheilmittel gibt und die tödlich enden kann, hoch belastend. Auch weil die Patienten viel Zeit und Pflege benötigen. Wir hoffen deshalb, dass dieses absolute Notfallszenario nicht eintritt.

Weil wir darauf auch nicht vorbereitet sind?

Wir waren auf die erste Welle auch nicht vorbereitet und haben trotzdem reagiert. Seitdem haben wir medizinisch dazugelernt, deutlich mehr Werkzeuge und sind sicherlich besser aufgestellt als im Februar 2020. In Nordrhein-Westfalen konnten wir etwa die Sterblichkeit der beatmeten Covid-19 Patienten durch telemedizinische Unterstützung deutlich unter den nationalen Schnitt drücken. In den letzten Jahren haben wir viel über Terror, Pandemien, Umweltkatastrophen und Kriege gesprochen. Die Lehre daraus: Wir müssen uns katastrophenresistent machen.

Wie müsste dann die Gesundheitsversorgung der Zukunft aussehen?

Zum einen müssen wir die Patientendaten besser nutzen. Ja, Datenschutz ist wichtig, aber dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Datennutzung mindestens genau so bedeutend ist. Man kann große Datenbanken erstellen und Algorithmen entwickeln, die schon Stunden oder Tage vorher ein Lungenversagen oder eine Blutvergiftung vorhersagen. Zum anderen brauchen wir eine neue Struktur von Gesundheitsnetzwerken. Das heißt: Expertisenzentren, die mit Kliniken in verschiedenen Regionen vernetzt sind und wo Patienten entsprechend ihrer Erkrankung passend behandelt werden können. Das wäre eine Struktur, in der nicht jede Einrichtung versucht, alles zu machen. Das ist einfach nicht mehr zielführend und auch nicht mehr zeitgemäß. Denn wie gesagt: Unser absolut größtes Problem ist das fehlende Personal. Wir müssen also zwingend umdenken.


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