HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

Wintersportort in Tirol: Wie das Après-Ski-Mekka Ischgl zu einem Coronavirus-Hotspot für halb Europa wurde

Von "Gier und Versagen in Tirol" schreibt der österreichische "Standard". In Ischgl lief der Wintersport- und Partybetrieb offenbar tagelang weiter, obwohl es nach Recherchen mehrerer Medien klare Hinweise gab, dass das Coronavirus von dort in alle Richtungen verbreitet wurde.

Coronavirus in Ischgl

Après-Ski ist in Ischgl mindestens genauso wichtig wie Skifahren – und eine ideale Umgebung für das Coronavirus (Archivbild)

Picture Alliance

Ischgl in Tirol – Mekka für Wintersportler und Partyhochburg. Und möglicherweise war der "Ballermann der Alpen" auch über Tage oder Wochen Drehscheibe für das neuartige Coronavirus in Europa. Auch weil die Behörden in Österreich zu spät reagiert haben?

Diesen Verdacht legen Recherchen mehrerer Medien (unter anderem "T-Online", "Der Standard") nahe. Denn Ischgls gut geölte Wintersport- und Partymaschinerie lief offenbar weiter – während es deutliche Hinweise gab, dass Ischgl ein Hotspot für die Verbreitung des Erregers Sars-CoV-2 war. "Der Standard" aus Wien schrieb von "Gier und Versagen in Tirol".

Coronavirus-Drehscheibe Ischgl?

Ein erstes Alarmsignal gab es demnach schon am 1. März, als eine 14-köpfige isländische Reisegruppe aus dem Winterurlaub in Ischgl in ihre Heimat zurückgekehrt war. Die Mitglieder dieser Gruppe wurden positiv auf den neuartigen Erreger getestet. Für die Behörden in Island war danach klar, dass Ischgl ein Risikogebiet ist. Für viele andere Staaten offenbar nicht, erst recht nicht für Österreich.

Trotz Hinweisen aus Reykjavík gingen die Tiroler Behörden laut Österreichischem Rundfunk davon aus, dass die Ansteckung erst im Flugzeug von München nach Island erfolgt ist. An Bord befand sich ein anderer infizierter Passagier.

Auf die 14 Personen aus Island folgten in mehreren europäischen Länder weitere Infizierte, die aus Ischgl zurückgekehrt waren, aus Norwegen und Dänemark zum Beispiel. Doch in Tirol blieb man bei der Meinung, es sei "eher unwahrscheinlich", dass die Infektionen auf Ischgl zurückzuführen seien.

Daran änderte sich "T-Online" zufolge auch am 7. März nichts, als es den ersten Coronavirus-Fall in dem Skiort selbst gab. Ein Mitarbeiter der Après-Ski-Bar "Kitzloch" wurde positiv getestet. Doch: "Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich", erklärte eine Mitarbeiterin der Landessanitätsdirektion Tirol nach der Entdeckung. 22 identifizierte Kontaktpersonen seien dennoch in Quarantäne geschickt worden. Wenig später gaben die Behörden des Bundeslands laut österreichischer Nachrichtenagentur APA bekannt, dass 15 Personen "aus dem unmittelbaren Arbeitsumfeld" des Infizierten ebenfalls positiv auf Sars-CoV-2 getestet wurden. Am 10. März verkündeten die Behörden die Schließung des "Kitzloch" und anderer Après-Ski-Bars in Ischgl – bis dahin ging die Party weiter.

Aus Dänemark, Schweden, Norwegen und auch aus Deutschland wurden laut "Standard" immer mehr Infizierte gemeldet, die sich zuvor in Ischgl aufgehalten hatten. Am Abend des 13. März erklärte das Robert-Koch-Institut Tirol zum Risikogebiet. Orte im Paznauntal wie Ischgl wurden noch am selben Tag unter Quarantäne gestellt. Bis dahin wurde das Virus von den Wintersporttouristen weiter durch den halben Kontinent getragen. Wie viele Infektionen auf Ischgl zurückzuführen sind, lässt sich jedoch nicht mehr sagen. Denn die Infektionsketten sind vielerorts schlicht nicht mehr nachzuvollziehen. Doch allein die bekannten Fälle lassen auf eine hohe dreistellige Zahl schließen – mindestens.

In Hamburg endeten am vergangenen Wochenende die sogenannten Skiferien, eine Besonderheit der Hansestadt. Tausende machen sich Jahr für Jahr auf den Weg vom Norden in die Wintersportgebiete der Alpen. Die Rückkehrer wurden aufgefordert sich in Quarantäne zu begeben. Die Zahl der Coronavirus-Infizierten aus Ischgl dürfte weiter steigen.

Coronavirus in Ischgl

Après-Ski ist in Ischgl mindestens genauso wichtig wie Skifahren – und eine ideale Umgebung für das Coronavirus (Archivbild)

Picture Alliance

Haben die Behörden in Österreich zu spät reagiert, möglicherweise sogar wegen der enormen wirtschaftlichen Bedeutung des Skitourismus in der Region?

Tirols Landeshauptmann Günther Platter wies zumindest wirtschaftliche Interessen zurück. Gesundheit der Bevölkerung und der Gäste gingen immer vor. Cornelia Lass-Flörl, Direktorin der Sektion für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie, sagte laut "T-Online", sie wolle "gar nicht damit anfangen, ob man jetzt zu spät war. Wichtig ist, dass man das Problem erkannt hat".

"Gehandelt, wie vorgegeben"

Fest steht: Ischgl ist bei Weitem nicht der einzige Coronavirus-Hotspot in Europa. Das Robert-Koch-Institut führt als Risikogebiete unter anderem die Region Grand Est und Italien auf. Und auch in Deutschland gibt es weiterhin ein besonders betroffenes Gebiet, den Landkreis Heinsberg in Nordrhein Westfalen. Dort und anderswo wurde unter anderem Karneval gefeiert, obwohl es auch in Deutschland erste Coronavirus-Fälle gab.

In Ischgl und umliegenden Orten jedenfalls standen die Skilifte am vergangenen Samstag endgültig still, die Saison wurde beendet* – fast zehn Tage, nachdem Island Alarm geschlagen hatte. Bürgermeister Werner Kurz sagte laut "Standard": "Wir haben gehandelt, wie die Behörden es uns vorgegeben haben." 

Quellen: "T-Online", "Der Standard" (1), "Der Standard" (2)Österreichischer Rundfunk, Land Tirol (1), Land Tirol (2)APA, Robert-Koch-Institut, Nachrichtenagentur DPA

* Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels wurde angegeben, dass die Skilifte in Ischgl erst am Montag (16. März) stillstanden. Wir haben die fehlerhafte Angabe korrigiert und bitten um Entschuldigung.

Wissenscommunity