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Meinung

Gesundheitsminister: Jens Spahn und seine Anti-Krebs-Tipps: Wenn es nur so einfach wäre!

Wer Krebs vorbeugen will, soll nicht rauchen: Diese und ähnliche Tipps verbreitet Gesundheitsminister Jens Spahn auf Twitter und muss dafür viel Kritik einstecken. Zu Recht. Denn die Aussagen werden dem Wesen der Krankheit nicht gerecht.

Jens Spahn steht auf einem Rednerpult

Gesundheitsminister Jens Spahn twitterte zum Weltkrebstag: "Jeder kann seinen persönlichen Kampf gegen Krebs heute beginnen." Für seine Aussagen hat er sich mittlerweile entschuldigt.

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Es ist eine unbequeme Wahrheit, aber eine Wahrheit, die gesagt werden muss: Krebs ist eine Volkskrankheit. In Deutschland erkranken jedes Jahr rund eine halbe Million Menschen neu daran. Für die Patienten beginnt nach der Diagnose oft eine Zeit des Hoffens und Wartens - und der Ausgrenzung. Denn obwohl Krebs statistisch gesehen jeden zweiten Menschen im Laufe seines Lebens trifft, ist die Krankheit noch immer ein Tabu. Aus Verunsicherung wenden sich manche Freunde oder Bekannte ab. Und auch Familienmitglieder plagen Zweifel: Darf, kann, soll ich mit dem Kranken über den Krebs reden?

 Zum Weltkrebstag hat sich Gesundheitsminister Jens Spahn des Themas angenommen. Eigentlich eine löbliche Geste. Er twitterte: "Jeder kann seinen persönlichen Kampf gegen Krebs heute beginnen. Wie? So: Nicht (mehr) rauchen, sich mehr bewegen, gesund ernähren und die Haut vor UV-Strahlung schützen (Sonnencreme)!"

Für seine Worte musste er viel Kritik einstecken - und das aus gutem Grund. Denn dem Wesen von Krebs wird der Gesundheitsminister mit seinem Tweet nicht gerecht. 

Krebs - ein vermeidbares Übel?

Mit seinem Tweet suggeriert Spahn, dass Krebs eine Frage des Lebensstils sei und präsentiert ihn als vermeidbares Übel. Doch die Gründe für die Entstehung von Krebszellen sind wesentlich komplexer - eine familiäre Vorbelastung kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie Umweltgifte oder eine spontane Mutation im Erbgut, eine Laune der Natur. Wenn Körperzellen sich teilen, entstehen dabei manchmal Fehler in der Erbinformation  - ganz ohne erkennbare äußere Risikofaktoren. In der Regel sterben diese fehlerhaften Zellen ab. Doch wenn es ihnen gelingt, sich zu teilen, kann Krebs entstehen.

Natürlich hat Spahn Recht, wenn er schreibt, dass sich Krebs durch einen gesunden Lebensstil vorbeugen lässt. Doch das stimmt nur für einen gewissen Anteil der Krebs-Neuerkrankungen. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat dazu im letzten Jahr eine Untersuchung durchgeführt und kam zu dem Schluss: Hierzulande gehen 37 Prozent der jährlichen Krebsfälle auf das Konto vermeidbarer Risikofaktoren. Rauchen zählt mit fast 20 Prozent zu dem größten Risikofaktor, gefolgt von ungesunden Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht, Bewegungsmangel, Infektionen, hohem Alkoholkonsum und Umweltfaktoren wie Feinstaub und Passivrauchen. Der Einfluss von natürlicher UV-Strahlung konnte aufgrund der Datenlage nicht berechnet werden.

Einige Krebserkrankungen lassen sich verhindern, bevor sie entstehen - zum Beispiel mit einer Darmspiegelung. Wird zusätzlich das Potential dieser Maßnahmen berücksichtigt, so liegt der Anteil vermeidbarer Krebsfälle Experten zufolge bei mindestens 50 Prozent.

Jeder zweite Krebsfall ist vermeidbar. Oder anders gesagt: Jeder zweite ist es nicht.

Das bedeutet: Schätzungsweise jeder zweite Krebsfall in Deutschland lässt sich durch einen gesunden Lebensstil und Prävention potenziell vermeiden - die anderen 50 Prozent dagegen nicht. Es stimmt, dass Krebs eine Frage des Lebensstils sein kann. Aber das gilt längst nicht für jeden Krankheitsfall und für jeden Patienten.

Krebs kann auch Kinder treffen. Menschen, die nie zuvor eine Zigarette in der Hand hatten und sich im Sommerurlaub stets gut vor der Sonne geschützt haben. Ärzte. Spitzensportler. Prävention ist wichtig und richtig. Doch sie darf nicht dazu führen, dass wir mit Zeigefinger auf die Kranken zeigen und mahnen: 'Hättest du doch mehr getan.'

Jens Spahn hat sich mittlerweile für seine Tipps entschuldigt. Es liege ihm nichts ferner, als Krebs zu verharmlosen oder den Erkrankten eine Mitschuld zu geben, teilte er via Twitter mit.

Manche Themen sind zu groß, zu komplex und zu wichtig, um sie in 184 Zeichen zu pressen. Krebs ist eines dieser Themen.

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