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Weg aus der Pandemie Im März war Dänemarks Corona-Politik für Lauterbach ein katastrophaler Fehler. Das sagt er heute dazu

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält den dänischen Weg in der Pandemie nicht mehr für einen "spektakulären Fehler", wie er im März sagte – und hält ihn heute sogar für vorbildlich
© Kay Nietfeld / DPA
In Dänemark gibt es keine Corona-Beschränkungen mehr. Davon ist Deutschland noch weit entfernt. Den dänischen Öffnungsplan bezeichnete Karl Lauterbach im März als "spektakulären Fehler". Heute würde er das nicht mehr sagen – und sieht den Weg als vorbildlich.

In Dänemark, so scheint es dieser Tage, gibt es kein Corona mehr. In den Diskotheken wird ohne Abstand gefeiert, in den Restaurants braucht man keinen 3G-Nachweis mehr, eine Maskenpflicht gibt es nicht mehr. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei rund 50; mehr als 73 Prozent der dänischen Bevölkerung ist voll geimpft.

Deutschlands nördliches Nachbarland hat am 10. September alle seine Corona-Beschränkungen abgeschafft – nur bei der Einreise gibt es noch Maßnahmen. Die Krankheit wurde als "nicht kritisch für die Gesellschaft" eingestuft. Diese Öffnung, die Rückkehr zur Freiheit, hat das Land einer sehr hohen Impfquote zu verdanken und einem Öffnungsplan, den die sozialdemokratische Regierung im März parteiübergreifend festgelegt hat.

"Ein System, das ich mittlerweile als vorbildlich betrachten kann"

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte den Öffnungsplan im März, nachdem er vorgestellt wurde, einen "spektakulären Fehler", vor dem er nur warnen könnte.

Heute würde er den dänischen Weg nicht mehr als Fehler bezeichnen – und hält ihn sogar für vorbildlich, wie er im Interview mit dem stern sagt.

Herr Lauterbach, im März hat Dänemark einen Öffnungsplan für den Weg aus der Pandemie vorgelegt. Damals nannten Sie das in einem Tweet einen "spektakulären Fehler". Heute gibt es keine Corona-Beschränkungen mehr, das Land hat eine niedrigere Inzidenz als Deutschland, eine hohe Impfquote und keine stark steigenden Infektionszahlen. Würden Sie Dänemarks Weg immer noch als "spektakulären Fehler" bezeichnen?

Nein. Ich hatte damals – wie viele andere – nicht damit gerechnet, dass Dänemark diese hohe Impfquote gelingt. Das ist aber geschehen. Von daher haben die Dänen tatsächlich etwas gemacht, was kein anderes europäisches Land bisher schaffen konnte. Man hat die Impfquote innerhalb weniger Wochen in Erwartung einer dann folgenden Öffnung deutlich erhöhen können. Das ist ein System, das ich mittlerweile als vorbildlich betrachten kann. Die Bürger haben quasi die Mitteilung bekommen: "Wenn wir diese Impfquote in dieser Region bekommen, können wir öffnen."  

Die Impfquote war Ihrer Ansicht nach also ausschlaggebend. Was hat Dänemark richtig gemacht?

Dänemark hat die Reihenfolge richtig gemacht. Dänemark hat gesagt, wenn diese Impfquote erreicht wird, werden wir öffnen. Das könnten wir in Deutschland auch machen. Wir könnten zum Beispiel sagen, wenn wir bei den Erwachsenen eine Impfquote von 85 Prozent und höher erreichen, dann können wir Öffnungen vornehmen.

In Deutschland warnen Corona-Expertinnen und -Experten vor einem harten Winter. Was schätzen Sie, wird Dänemark hart getroffen werden?

Es wird in Dänemark auf keinen Fall so weiter gehen wie jetzt. Auch die Dänen werden bestimmte Probleme bekommen. Aber wenn sie erst mal bei einer so hohen Impfquote sind, können sie natürlich, wenn die Fallzahlen wieder steigen, die Impfquote noch einmal erhöhen. Außerdem bekommen sie dann auch einen nicht unerheblichen Teil von Genesenen. Somit startet Dänemark im Vergleich zu uns viel besser in den Winter. 

Die Aussicht, mit einer hohen Impfquote wieder Freiheiten zu bekommen, war ein Teil des Erfolges. Was könnte oder sollte Deutschland von Dänemark lernen?

Ich denke, das ist schon das Entscheidende, wenn man so will. Vieles andere kann man schlecht lernen. Die Dänen haben etwa ein viel höheres Vertrauen in ihren Staat dahingehend, dass die Dänen glauben, wenn angekündigt wird, dass die Impfung sicher ist, dass sie es tatsächlich auch ist. Da sind in Deutschland viele Menschen skeptisch. Da müsste mehr gemacht werden. Wir müssen sehr viel klarer die Bedenken, die Menschen haben, artikulieren.

Die Dänen haben auch sehr viel Vertrauen in den Staat dahingehend, dass eine Zusage, wenn die Impfquote hoch ist, dass Öffnungen dann tatsächlich auch möglich sind und diese dann auch erfolgen. Das in Dänemark ausgeprägte Staatsvertrauen ist hier sehr nennenswert und wichtig.

Was denken Sie: Wann kann es in Deutschland so werden wie in Dänemark jetzt?

Das wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Wir wissen nicht, wann die Ungeimpften sich entscheiden werden, sich impfen zu lassen oder ob sie es überhaupt tun. Wenn sie es nicht tun, wird es leider sehr lange dauern, bis die Ungeimpften, ich sage mal Person für Person, sich langsam zu Genesenen entwickeln. Dann würde es zu einer langsamen Durchseuchung der Ungeimpften kommen und das würde den Prozess sehr stark verzögern.

Interview: Rune Weichert

rw

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