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Interview Zwischen Stress und Bettennot – Arzt und Krankenschwester über die Arbeit in einer Notaufnahme

Zeitdruck, Bürokratie, Schichtarbeit und menschliches Leid – der Alltag in einer Notaufnahme hat wenig mit den romantischen Bildern zu tun, die man aus Arztserien kennt.


Im Interview mit dem stern beschreiben Assistenzarzt Johannes Schade und Krankenschwester Claudia Piper die Schwierigkeiten ihrer Arbeit im Hamburger Marienkrankenhaus.


Schade:
Ein großer Stressfaktor ist mit Sicherheit, dass wir heutzutage unglaublich viel Schreibarbeit machen müssen. Man muss unglaublich viel dokumentieren, man muss die ganzen Medikamente eintragen, man muss die Diagnosen aufschreiben. Und das ist ein ungeheurer Zeitfaktor, den man auch im Studium noch nicht so wahrgenommen hat, wenn man arbeitet und merkt, das ist ganz schön heftig.
 
Hinzu kommt, dass man für die Patienten oft auch Betten organisieren muss. Es gibt Bettennot, die Krankenhäuser sind voll. Das verstärkt sich dann natürlich alles in der Summe. Das führt zu Stress.


Stress, der auch auf eine dünne Personaldecke zurückzuführen ist. Eine Situation, an der sich laut Claudia Piper auch in Zukunft wenig ändern wird.


Piper:
Für uns alle bemerkbar ist aber sicherlich, dass wir zu wenig Personal haben und auch die Tendenz für alle spürbar, dass immer weniger Leute diesen Job anscheinend lernen oder machen möchten. 
 
Piper:
Ich würde mir wünschen, es würden mehr Leute wieder mehr motiviert diesen Job machen wollen. Also sprich mehr Berufsanfänger, das wäre schön. Mehr Personal generell.


Rund 115 Notfälle landen pro Tag im Durchschnitt in der Notaufnahme des Hamburger Marienkrankenhauses.


Schade:
Es ist insgesamt natürlich eine große Patientenzahl, die man so am ganzen Tag zu bewältigen hat. Aber die große Herausforderung ist eigentlich, dass – gerade jetzt hier in der Notaufnahme – unheimlich viele sehr kranke Patienten auf einmal reinkommen. Also da kommt innerhalb von einer Stunde eine große Patientenanzahl an und das dann qualitativ alles gut abzuarbeiten, das ist eine sehr große Herausforderung.


Eine Herausforderung, die auch an den Krankenhausmitarbeitern nicht spurlos vorbeigeht.


Piper:
Das ist sehr anstrengend. Immer wieder jeden Tag gegen die gleichen Windmühlen ankämpfen zu müssen.
 
Piper:
Ich würde gerne nicht jeden Tag zum Beispiel gleichzeitig Personal akquirieren müssen, mich um die Umsetzungen auch der wichtigen Neuerungen kümmern müssen und gleichzeitig in der Pflege arbeiten.


Doch wie gelingt es, trotz der hohen Belastung, im Feierabend abzuschalten?


Piper:
Schlecht. Schlecht. Also A haben wir glaube ich den pünktlichen Feierabend immer weniger. Das muss man dazu sagen. Ich glaube am besten ist es immer noch seine sozialen Netze zu pflegen, sei es lange Freundschaften, Familie, Bücher lesen, ausgehen, konkret etwas ganz anderes machen.


Trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen wissen Johannes Schade und Claudia Piper genau, warum sie sich für die Arbeit im Krankenhaus entschieden haben.
 
Piper:
Ausschlaggebend war tatsächlich ein Erlebnis als ich 14 Jahre alt war, da war ich selber im Krankenhaus und habe festgestellt: Wenn ich mal die Möglichkeit hätte, Krankenschwester werden zu können, was ich damals schon wollte, dann werde ich es besser machen, weil mir da die Betreuung nicht gut gefallen hat. Und dann habe ich das auch zielstrebig verfolgt, habe Abitur gemacht, habe mich dann gleich beim Marienkrankenhaus beworben und seit 84 bin ich hier.
 
Schade:
Warum bin ich Arzt geworden? Ich denke, es gab so zwei Hauptgründe. Einmal habe ich sehr gerne mit Menschen zu tun. Das ist das eine. Und das zweite: Es fasziniert mich so diese detektivische Arbeit – hinter die Krankheiten zu kommen, die Auslöser festzustellen, das macht mir sehr große Freude.
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