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Heuschnupfen: Leben mit Pollen-Allergie: Als würde draußen eine tödliche Strahlung herrschen

Mehr als 15 Millionen Deutsche leiden unter Heuschnupfen. In diesem warmen und sonnigen Frühjahr ist es besonders schlimm. Unser Autor macht das schon seit drei Jahrzehnten mit. Ein Erfahrungsbericht.

Pollenallergie und Heuschnupfen: Eine Frau niest in ein Taschentuch

"Endlich wieder raus!" So stand es erst kürzlich auf unserem Titel beim stern. Dazu das Foto eines jungen Paares, das in grüner Idylle auftankt. Und dann stand da noch diese Zeile: "Warum die Natur gerade jetzt unsere Seele streichelt". Sorry, Kollegen, mag ja sein, dass sich Frühling so anfühlen kann. Aber bis meine Seele von der Natur gestreichelt werden kann, das wird dauern – mindestens bis Mitte Juni, vielleicht auch bis Juli, und selbst danach braucht mein Organismus noch eine ganze Weile, bis sich der Frühjahrs-Aufruhr in meinem Immunsystem vollends gelegt hat. Bis dahin streichelt da nichts; es kratzt eher, kitzelt, brennt, juckt und nimmt einem den Atem.

Ich weiß, damit bin ich alles andere als allein. Mehr als 15 Millionen Deutsche sollen es aktuell sein, denen es ähnlich geht; Tendenz steigend. Nicht wenige schlagen sich mit den tanzenden Pollen bis weit in den Herbst hinein rum – vor allem die, die es mit den Gräsern haben. Es geht, natürlich, um Heuschnupfen. Das klingt mir aber viel zu niedlich. Pollen-Allergie trifft es besser, denn mit Augenjucken und Naselaufen, was den meisten zu Heuschnupfen einfällt, ist es bei mir und vielen anderen weiß Gott nicht getan.

Heuschnupfen - längst nicht nur Augenjucken und Naselaufen

Wen es richtig erwischt hat, der winkt bei juckenden Augen und Kitzeln in der Nase eher freundlich-erschöpft ab! Wenn's nur das wäre. Wen es richtig erwischt hat, den quälen Atembeschwerden bis hin zur akuten Atemnot, schier nicht zu bändigender Husten, Halsschmerzen, dumpfe Kopfschmerzen, manchmal auch Gliederschmerzen, innere Unruhe und Nervosität, Kreislaufschwankungen, Konzentrationsschwierigkeiten, eine allgemeine Abgeschlagenheit, Hautausschlag und ein Schlaf, der kein bisschen Erholung bringt. Selbst wer es irgendwie schafft durchzuschlafen, wacht mit dem Gefühl auf, sich jetzt erstmal dringend hinlegen zu müssen. Nicht jeder hat das alles, aber bei den meisten kommen etliche dieser Symptome zusammen. Da wird jeder Tag zum Angang.

Ich schlage mich mit all' dem schon seit drei Jahrzehnten rum. Die Allergie hat mich während des Studiums von jetzt auf gleich regelrecht angesprungen. Beim ersten Mal wusste ich überhaupt nicht, wie mir geschah. Ich dachte, ich hätte die Erkältung meines Lebens. Nachts wachte ich keuchend auf, aufrechtes Sitzen und Inhalieren brachten Linderung, wenigstens ein bisschen. Vor allem ist mir ein einzelner Vormittag in Erinnerung, an dem ich wegen des ätzenden Fließschnupfens eine Familienpackung Tempo-Taschentücher komplett verbraucht habe. Wirkliche Erholung verschaffte mir nur die Dusche, und das auch nur für kurze Zeit. Da die Beschwerden nicht aufhörten, ging's zum Arzt; genauer: zu einer Reihe von Ärzten – bis man endlich wusste, was mir fehlt. Seither kann mir der Frühling gestohlen bleiben.

Der nächste Regen kommt bestimmt

Denn obwohl ich natürlich längst gelernt habe, mit der Allergie zu leben, etliche Therapien und Behandlungen durch habe, erwischt es mich dann doch in jedem Frühjahr aufs Neue - mal mehr, mal weniger, denn nichts ist so unberechenbar wie der Pollenflug im Frühjahr und wie man darauf reagiert. Aber wenn die Natur so richtig aufdreht, wie in diesem sonnigen und trockenen Vorsommer, dann blühen auch alle Heuschnupfensymptome voll auf. Selten habe ich von so vielen gehört, dass sie diesmal auch Probleme hätten, und selten klagten so viele Leidensgenossen, dass es diesmal besonders schlimm sei. Was mich angeht, haben mich auch drei Jahre Hyposensibilisierung nach State of the Art leider nicht vor massiven Beschwerden bewahren können. Aber wir bleiben natürlich tapfer: Der nächste Regen kommt bestimmt!

Bis dahin stehen wir diese merkwürdigen Tage durch, an denen das Leben immer da stattfindet, wo man selbst nicht ist. Diese Tage sind strahlend schön, so wie jetzt über Ostern, man möchte die Fenster aufreißen, es drängt einen ans Licht, man will etwas unternehmen. Kurz gesagt: "Endlich wieder raus!" Stattdessen: verrammelte Fenster in der zunehmend muffigen Bude, das Atmen fällt am leichtesten im fensterlosen Bad oder im klimatisierten Büro oder im luftgefilterten Auto. Als säße man in einer Raumstation fest, weil draußen bei trügerischem Sonnenschein tödliche Strahlung herrscht. Ganz so, wie man es in Science-fiction-Filmen schon gesehen hat. Diese selbst auferlegte Quarantäne geht früher oder später unweigerlich aufs Gemüt.

Und dann nervt man auch noch die Liebsten

Dass die Menschen, die einem besonders nahe stehen, unter dem eigenen Zustand mitzuleiden haben, macht die Sache natürlich nicht besser. Sie können schließlich nichts dafür. Und wer will schon ständig gleichzeitig Rücksicht einfordern und Spaßbremse sein? So packt man schließlich die Medikamente für den akuten Fall ein - zum Beispiel das Asthma-Spray Salbutamol, das selbst Rad-Profis unter Umständen zur Leistungssteigerung einnehmen dürfen - und geht doch mit auf Tour oder zum Grillen mit Freunden in den Garten. Ironischerweise tut frische Luft erstmal trotzdem gut.

Doch wer eine ausgewachsene Pollenallergie hat, der weiß: Dafür musst du bezahlen; oft nicht nur am Abend, sondern auch noch am nächsten Tag. Die Medikamente dämmen die Symptome ein, aber du bist trotzdem total fertig, ausgeknockt, müde - und wer in sich hineinhört, der ahnt den Kampf, den das eigene Immunsystem gegen Gegner führt, die ihm eigentlich schnuppe sein könnten. Klar, dass man nach einem solchen Tag auf gar keinen Fall ins Bett geht, ohne zuvor die Haare gründlich durchzuspülen, und die pollenverseuchten Klamotten aus dem Schlafzimmer zu verbannen.

Ach, immer dieselben Geschichten

Aber ganz ehrlich: Mit all' dem meine Umgebung immer wieder zu belasten, nervt mich nach all' der Zeit selbst am meisten. Jedes Jahr dieselben Pollengeschichten, die ja doch nichts ändern. Außerdem gibt es trotz aller Malaise weiß Gott schwerere Erkrankungen und Schicksale, auch schlimmere Allergien, die nicht abklingen, sobald ein bisschen Wasser vom Himmel fällt. So ertrage ich wie viele andere, dass Kreuzallergien (Äpfel, Birnen, Kirsche) mir das Obst im Allgemeinen verleiden, habe an Weihnachten ein Asthma-Spray griffbereit, falls ich dummerweise eine bestimmte Sorte Nussplätzchen esse oder der Haselstrauch noch früher blüht, als er das sowieso schon tut (nämlich im Januar!). Stattdessen halte ich Nase und Lungen offen, ob da frische Luft durchkommt. Wenn es dann soweit ist, heißt es natürlich: "Endlich wieder raus!" Gerne auch bei Wind und Wetter.

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