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Gesundheitsversorgung: Unterm Radar: Besuch bei Menschen, die keine Krankenversicherung haben

Viele, die irgendwann ihre Krankenversicherung verloren haben, finden nicht zurück ins System. Sie hoffen, dass alles gut geht. Oftmals vergebens.

Von Matthias Bolsinger

Annette Antkowiak behandelt Menschen ohne Krankenversicherung

Annette Antkowiak (r.) kümmert sich um Obdachlose und Patienten ohne Krankenversicherung

stern

Eberhard Jeschull führt ein Leben aus Glas, und es war ein Dienstag im Jahr 2012, an dem es zu zerbrechen drohte. Kurz zuvor hatte er morgens Blut auf seinem Bettlaken entdeckt, also war er in eine Klinik gefahren. Untersuchungen. Warten. Dann, an jenem Dienstag, der Anruf: "Wir melden uns, weil wir einen Termin machen wollten. Wegen des Tumors."

Jeschull sagt, dass ihm in diesem Moment der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Dass er in diesem Moment nicht wusste, was er tun sollte. Weil dieser Tumor im Darm, drei Zentimeter groß, vielleicht sein finanzieller Ruin sein würde oder sein Tod. Er war ja kein Patient wie jeder andere.

Leben ohne Krankenversicherung

In Deutschland gibt es einen sozialen Deal: Wer strauchelt, den schützt die Gemeinschaft. Wenn einer krank wird, zahlen andere für ihn mit. Für Jeschull aber galt dieser Deal nicht. Jeschull war nicht krankenversichert. Heute, mit 66 Jahren, ist er es immer noch nicht.

Deutschlands Gesundheitssystem ist zweigeteilt. In gesetzliche Krankenkassen, deren Beiträge sich nach dem jeweiligen Einkommen richten. Und private Versicherungen, die ihre Beiträge unter anderem nach Alter und Gesundheitszustand des Einzelnen bemessen. Zwischen diesen beiden Blöcken des Gesundheitssystems klafft eine Lücke, ein Niemandsland. Genau da steht Eberhard Jeschull.

Eigentlich dürfte es einen wie ihn nicht geben. Seit 2009 müssen alle Bürger Deutschlands versichert sein. Patienten dürfen von ihren Kassen nicht mehr verstoßen werden. Für Arbeitslose soll das Jobcenter die Beiträge zahlen. Für alle gilt: Wer seine Beiträge nicht zahlen kann, bleibt versichert, erhält aber nur noch die allernötigsten Leistungen zur Behebung akuter Probleme. Die OP des gebrochenen Arms wird übernommen, die Physiotherapie danach wahrscheinlich nicht mehr.

Unversicherte wie Eberhard Jeschull haben seit 2009 das Recht, zu ihrer alten Krankenkasse zurückzukehren. Nur: So einfach ist das nicht. Der Weg zurück in ein geschütztes Leben ist voller Hürden. Ein Beispiel: Wer älter als 55 Jahre ist, darf normalerweise nicht mehr in die gesetzliche Krankenkasse wechseln, wenn er zuletzt bei einer privaten war. Egal, ob er sich deren Beiträge leisten kann. Und sowohl für Rückkehrer in die private wie in die gesetzliche Versicherung gilt: Sie müssen einen Teil der Beiträge nachzahlen, die sie normalerweise seit Einführung der Versicherungspflicht entrichtet hätten. Oft Tausende und Abertausende von Euro.

Die Schwierigkeiten auf dem Weg zurück ins System sind ein Grund dafür, dass es neun Jahre nach Einführung der allgemeinen Versicherungspflicht noch immer Menschen ohne Gesundheitskarte gibt. Dem Mikrozensus zufolge sind es rund 80.000, Experten und NGOs, Nichtregierungsorganisationen, gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Auch, weil viele Betroffene im Mikrozensus nicht erfasst werden: Wohnungslose zum Beispiel oder EU-Ausländer wie Rumänen und Bulgaren. Die Organisation "Ärzte der Welt" spricht von Hunderttausenden Unversicherten.

Wer sich auf die Suche nach den Menschen ohne Krankenversicherung macht, muss abtauchen in eine Welt unterhalb des sozialen Radars. Es ist eine Reise zu Eberhard Jeschull, der auf einen Lebensabend ohne Schutz zusteuert. Durch Hamburg, wo sich Annette Antkowiak fast täglich um jene kümmert, die der Mut verlassen hat. Nach Berlin, wo Edgar Kreusch endlich wieder Teil des Gesundheitssystems werden will. Und zu Frau M., deren Mann stirbt, weil die Gesellschaft ihn nicht auffing.

Neumünster, Hauptbahnhof: Mittagspause. Eben hat er noch das Auto eines Kunden mit Werbefolie beklebt. Jetzt lehnt sich Eberhard Jeschull im Fahrersitz zurück. Er ist Rentner, verdient sich aber etwas dazu, als sogenannter Werbetechniker, wie früher. Und indem er Stromzähler abliest. Zu seinen Aufträgen fährt er im Wohnmobil. Durch seinen Darmkrebs braucht er eine Toilette in der Nähe.

Jeschulls Fall ist beispielhaft für viele deutsche Unversicherte. Er wurde mit 47 Jahren entlassen, musste sich als Selbstständiger durchschlagen. Er beschloss, sich privat zu versichern, um Geld zu sparen. Aber es reichte nicht. Ein Dreivierteljahr und drei nicht bezahlte Beiträge später hatte Jeschulls Versicherung ihm gekündigt.

Von da an zahlte Jeschull seine Rechnungen selbst. Verdrängte, dass ein Leben ohne Krankenversicherung wie ein Ritt auf der Klinge ist.

Als der Krebs kam, fuhr Jeschull nach Bad Segeberg. Zu Uwe Denker, Arzt und Leiter der "Praxis ohne Grenzen", die dank Spenden unversicherte Menschen behandeln kann. Die Praxis übernahm die Kosten von Chemotherapie und Operation. Drei Monate, 28 Bestrahlungen und einen Eingriff später war der Krebs besiegt.

Eberhard Schull

Eberhard Schull ging erst zum Arzt, als sein Tumor schon drei Zentimeter groß war. Er ist seit Jahren nicht krankenversichert

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In die gesetzliche Krankenkasse kann Jeschull heute nicht zurück, er ist zu alt. In die private kann er nicht, weil die Beiträge dort für ihn zu teuer sind. Auch der "Basistarif", den alle privaten Versicherer inzwischen anbieten müssen. Er habe sich seine Monatssätze ausrechnen lassen, sagt Jeschull. Die seien höher als seine Rente. Und für die unversicherten Jahre kämen noch Zehntausende Euro an Nachzahlungen hinzu. Das Amt wird ihm wohl nicht helfen, noch hat er ja ein Haus, das er verkaufen könnte. Jeschull sagt: "Da kann ich mir gleich die Kugel geben."

Zu reich, um vom Staat unterstützt zu werden, und zu arm, um versichert zu sein. Jeschull, ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft, jahrelang Vorsitzender seines CDU-Ortsverbands, steckt für immer in einer sozialen Sackgasse. Angewiesen auf Ärzte, die sich seiner erbarmen.

Im Laufe der Jahre hat sich in Deutschland ein Netz entwickelt, das Menschen wie Jeschull aufzufangen versucht. NGOs, die Unversicherte beraten. Praxen ohne Grenzen, die kostenlose Behandlungen anbieten. Ärzte, die zwischendurch mal einen Patienten ohne Gesundheitskarte untersuchen.

Sie alle wollen helfen. Aber sie alle sagen: Sie wären gern überflüssig.

Hamburg, Hansaplatz: Annette Antkowiak fährt mit einem Krankenmobil der Caritas an Hamburgs wunde Stellen. Reeperbahn, Hauptbahnhof, Hansaplatz. Prostitution, Obdachlosigkeit. Das weiße Krankenmobil ist eine kleine, fahrende Praxis, an der Innenwand hängen "Zehn Gebote gegen Wohnungslosigkeit". Achtes Gebot: "Du sollst Kranke nicht abweisen." Deshalb wird hier jeder untersucht, der das will.

Irgendwann war die Frage: Heizöl oder Versicherung?

Am Hansaplatz steigt eine blonde Frau in den Wagen. Uta ist seit zweieinhalb Monaten wieder obdachlos und unversichert, wie sie sagt. Der Bewilligungszeitraum für ihre Hartz-IV-Leistungen sei vor Kurzem abgelaufen. Und damit auch die vom Amt bezahlte Krankenversicherung. Uta zählt auf, was sie für den nächsten Antrag braucht. Geburtsurkunde, Scheidungsurkunde, Kontoauszüge der letzten drei Monate. Bescheinigungen über das Kindergeld. Nichts davon hat sie, erst vor ein paar Tagen wurde sie im Schlaf ausgeraubt.

Antkowiak sagt: "Die größte Hürde ist das Amt. Es braucht Mut, dorthin zu gehen. Häufig klappt das nur mithilfe von Sozialarbeitern. Wenn überhaupt. Die Erfahrungen, die die Menschen im Amt machen, lassen sie oft resigniert zurück. Dann fehlt der Mut, es noch einmal zu versuchen." Uta sagt: "Wenn es das Krankenmobil nicht gäbe, wüsste ich nicht, wohin."

Das "Krankenmobil" der Caritas

Das "Krankenmobil" der Caritas ist in Hamburg unterwegs

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Antkowiak beugt sich nach vorn, sticht in Utas Ohr, misst den Blutzucker. Uta ist Diabetikerin, das Insulin bekommt sie bei der Bahnhofsmission. Antkowiak drückt ihr Baldrian in die Hand, damit sie schlafen kann, ein guter Freund von Uta ist gestorben. Dann steigt Uta aus dem Wagen zurück auf die Straße, vorbei an der Schlange derer, die auf eine Behandlung warten.

Berlin, Teltower Damm

Die Tage auf der Straße sind für Edgar Kreusch vorbei. Das immerhin. Kreusch sitzt in einer Beratungsstelle von "Ärzte der Welt" und macht sich Notizen für seinen Weg zurück ins geschützte Leben. Punkt eins auf der To-do-Liste: seine ehemalige Krankenkasse ausfindig machen.

Kreusch ist 51, arbeitslos und seit rund 17 Jahren unversichert. Eigentlich müsste das Jobcenter seine Versicherung übernehmen. Das Problem aber ist: Kreusch hat keine Unterlagen, weiß nicht mehr, wo er einst versichert war. Und für jemanden, dem das Leben entglitten ist, ist das Jobcenter nicht immer eine Unterstützung.

Wie Eberhard Jeschull war auch Edgar Kreusch privat versichert und selbstständig. Er baute Messe- und Konzertanlagen auf. Ein großer Auftrag wurde nicht bezahlt, 40.000 D-Mark betrugen die Außenstände, irgendwann konnte er die Miete nicht mehr zahlen, stand mit zwei Koffern und Fahrrad auf der Straße. Die Krankenkasse hatte ihm schon längst gekündigt.

Da begann auch Edgar Kreuschs Leben aus Glas. "Jeder kleine Unfall kann eine Katastrophe sein", sagt er. "Darüber denkt man ständig nach, sogar beim Zwiebelschneiden."

Im Jahr 2013 wollte die Politik unversicherten Menschen die Rückkehr ins System erleichtern: Fünf Monate lang wurden ihnen beim Eintritt in eine Kasse Beitragsschulden erlassen. Das Fenster war zu klein, kritisieren NGOs, und zu schlecht kommuniziert. Viele Betroffene, unter ihnen auch Kreusch, bekamen vom Schuldenschnitt nichts mit. Natürlich, sagt er heute, habe jeder Unversicherte eine gewisse Mitschuld an seiner Situation.

Aber wie schwer will eine Gesellschaft diese Schuld bestrafen?

Nordfriesland, ein Haus an der Küste, an einem Sommertag des Jahres 2018: Frau M. stellt das schmale Silbertablett auf die Ablage ihrer Küche. Darauf passt alles, was ihr Mann heute Abend brauchen wird. Vier Löffel weißes Pulver, Aufbaunahrung, vermischt mit Pfirsichsaft, damit er wenigstens etwas im Bauch hat. 15 Magentropfen, damit er es behält. Und 35 Tropfen Metamizol gegen die Schmerzen.

Fünf Ampullen Morphium hat sie im Haus versteckt. Frau M. hofft, dass sie die nicht braucht. "Ich wünsche mir, dass mein Mann einfach vor Schwäche stirbt", sagt sie. "Dass er friedlich gehen kann." 

Frau M.

Für den Mann von Frau M. kam die Krebsdiagnose zu spät. Bei der Vorsorge war er ja nie

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Ihr Mann, Anfang 70, bereits zu kraftlos, um über sein Schicksal zu sprechen, hat Darmkrebs. Er wird daran sterben. Nicht im Krankenhaus, das könnte sich die Familie nicht leisten, sondern zu Hause. Frau M. ist gelassener geworden, versucht das Gute darin zu sehen: Sie kann sich in Ruhe verabschieden. Sie sagt, dass ihr Mann nie einer war, der wegen Wehwehchen zum Arzt gegangen wäre.

Aber natürlich ist da diese Frage: Hätte sein Tod verhindert werden können?

Das Krankenhaus konnte er sich nicht mehr leisten

Neun Jahre war ihr Mann ohne Krankenversicherung. Auch er davor: privat versichert und selbstständig. Dann Insolvenz, Ruhestand mit 60, die Rente gering, die Beiträge zu hoch, und irgendwann die Frage: Heizöl oder Versicherung?

Irgendwie ging das ja. Er fuhr vorsichtshalber weniger Fahrrad, bloß keinen Unfall riskieren. Konnte sich über Umwege ein Antibiotikum besorgen, als der Hund ihm in die Hand biss. Die Zähne zerfielen, aber er konnte noch beißen.

An Weihnachten, sagt Frau M., da konnte man es schon spüren, er war sehr still beim Essen. Im April krümmte er sich vor Schmerzen. Erst dann konnte Frau M. ihn überreden, zu einem Arzt zu gehen. Nicht weit entfernt betreibt der eine "Praxis ohne Grenzen". Seine Nummer lag bei Frau M. schon seit Monaten auf dem Schreibtisch.

Der Arzt verwies sie an die Klinik, Frau M. zahlte die Rechnung. Nach wenigen Tagen kam die Diagnose: zwei Tumore, Metastasen. Prognose: drei bis vier Monate. Das war Anfang Mai. Vielleicht wäre er auch mit Versicherung niemals zur Vorsorge gegangen. Aber er hätte wenigstens die Wahl gehabt.

Ihr Mann werde schmaler, sagt Frau M. an diesem Tag, die Muskeln weniger, die Haut wie Pergament. Es sei schon erstaunlich, wie schnell das gehe.

Drei Wochen später ist es zu Ende.

Fanny H. 
wue

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