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Risiko Passivrauch: Nikotin und plötzlicher Kindstod: Experten warnen auch vor E-Zigaretten

In Deutschland sterben jedes Jahr dutzende Kinder am plötzlichen Kindstod. Babys rauchender Mütter sind besonders gefährdet. Eine Studie zeigt nun, woran das liegen könnte - und warum E-Zigaretten keine Alternative für werdende Eltern sind.

Nikotin und Risiko für plötzlichen Kindstod

Frauen, die in der Schwangerschaft Nikotin zu sich nehmen, schädigen das ungeborene Kind (Symbolbild)

Getty Images

Es ist ein Albtraum für Eltern und Angehörige: Ein Neugeborenes schläft abends ein - und wacht nie wieder auf. Stirbt ein Säugling plötzlich und unerwartet vor dem 365. Lebenstag, bezeichnen Mediziner das als plötzlichen Kindstod, kurz SIDS (Sudden Infant Death Syndrome). Das Phänomen ist sehr selten. In Deutschland waren im Jahr 2014 rund 120 Säuglinge betroffen. Obwohl die Todesursache in vielen Fällen nicht geklärt werden kann, gibt es Faktoren, die das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöhen. Mit einer der wichtigsten ist, ob die Mutter in der Schwangerschaft oder in der Stillzeit raucht. Doch wie genau nimmt Zigarettenqualm Einfluss auf das Sterberisiko?

Forscher der Universität Arizona sind dieser Frage nachgegangen. In einer Studie mit Ratten zeigten sie, dass dabei das Nikotin aus Zigaretten eine zentrale Rolle spielen könnte. In Versuchen mit den Nagetieren hemmte Nikotin die Funktion von Nervenzellen, die eine Rolle bei überlebenswichtigen Reflexen spielen. Die Studie veröffentlichten sie im Journal "eNeuro". 

Nikotin hemmt Nervenzellen

Die US-amerikanischen Wissenschaftler implantierten schwangeren Ratten kleine Pumpen unter die Haut, die Nikotin abgaben. Das Nervengift erreichte die Jungtiere zunächst über die Plazenta und nach der Geburt über die Muttermilch. Im Anschluss imitierten die Forscher eine Situation mit Atemnot, wie sie beispielsweise entstehen kann, wenn über dem Gesicht des Babys eine Bettdecke liegt. Zwölf der 135 Ratten starben bei den Versuchen - neun von ihnen waren zuvor mit Nikotin in Kontakt gekommen.

Wie die Forscher berichten, waren bei den nikotinbelasteten Jungtieren Nerven abgestumpft, die in einer solchen Situation die Mundbodenmuskulatur ansteuern. Die Muskeln dienen unter anderem dazu, die oberen Atemwege zu öffnen oder zu schließen. 

Die Ergebnisse der Studie seien "grundsätzlich plausibel", sagt Reinhold Kerbl, österreichischer Kinderarzt und Universitäts-Professor. "Ich habe in den letzten 40 Jahren unzählige Theorien über die Ursachen des plötzlichen Säuglingstodes kommen und gehen sehen. Nun wurde - aus Tierversuchen abgeleitet - ein weiterer Erklärungsversuch für dieses fatale Ereignis abgeleitet." Der Zusammenhang zwischen Nikotinbelastung - vorgeburtlich wie auch nachgeburtlich - und dem plötzlichen Kindstod sei "seit vielen Jahren bekannt". Es bestehe eine klare Dosis-Wirkungsbeziehung.

Nach Angabe des Experten wirkt sich die Belastung durch Passivrauch "mehrfach nachteilig" aus. Sie beeinträchtige unter anderem Transmittersubstanzen des Zentralen Nervensystems. "Als Folge sind derart vorbelastete Neugeborene schlechter in der Lage, sich aus kritischen Situationen durch entsprechende Schutzreflexe selbst zu befreien", so Kerbl weiter. Bedrohlich kann es etwa werden, wenn ein Polster oder ein großes Stofftier die Atemwege des Säuglings blockiert. Diese Situation sei auch in der vorliegenden Studie simuliert worden.

Auch rauchende Väter sind ein Risiko

Doch das Risiko wird nicht nur allein von der rauchenden Mutter beeinflusst. "Auch das Nikotin vom rauchenden Vater ist relevant", sagt Alexander Möller,  Leiter der Abteilung Pneumologie am Kinderspital in Zürich. Werdende Väter sollten während der Schwangerschaft und nach der Geburt versuchen, auf Zigaretten zu verzichten, da Mutter und Kind damit Passivrauch ausgesetzt werden.

Tierversuche sind umstritten, weil die Ergebnisse oft nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar sind. Doch das sei in diesem Fall anders, so Möller: "Die neurologischen Abläufe und die Atemsteuerung sind bei Ratten nicht wesentlich anders als bei Menschen. Deshalb ist das Tiermodell klar anwendbar und die Resultate übertragbar."

"Die Ergebnisse der tierexperimentellen Studien passen sehr gut zu epidemiologischen Daten, die einen Zusammenhang zwischen Rauchen in der Schwangerschaft und plötzlichen Kindstod belegen", sagt auch Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neatonologie an der Berliner Charité. Diese Art von Tierversuchen sei auch deshalb nötig, weil entsprechende Experimente mit Menschen nicht durchzuführen seien.

Warum nikotinhaltige E-Zigaretten keine Alternative sind

E-Zigaretten gelten oft als gesündere Alternative zu herkömmlichen Zigaretten. Doch sie seien für werdende Eltern kein Ersatz, betont Bührer. "Beim plötzlichen Kindstod geht die Gefahr direkt vom Nikotin aus. Hier hilft nur echte Nikotinkarenz - Aufhören ohne Ersatz."

Primäres Ziel müsse sein, Kinder vor Nikotin zu schützen, sagt der Schweizer Pneumologe Möller. "Es kommt nicht darauf an, wie das Nikotin konsumiert wird. Wenn die Mutter Nikotin zu sich nimmt - wie auch immer - gelangt dieses ungefiltert über die Plazenta zum Kind und nach der Geburt über die Muttermilch. Bei elektronischen Zigaretten und konventionellen Zigaretten zusätzlich über den Rauch und den Dampf, der auch an den Kleidern und der Haut haftet. Die Tabak-Industrie will den Menschen weismachen, dass elektronische Zigaretten harmlos und weitaus weniger schädlich als konventionelle Zigaretten sind. Dies mag für das Problem des Lungenkrebses und die chronische Raucherlunge stimmen, aber hier ist es eben das Nikotin. Dieses ist in elektronischen Zigaretten zum Teil noch viel höher konzentriert als bei normalen Zigaretten. Aus diesem Grund ist diese Studie als außerordentlich wichtig und wegweisend zu bewerten."

Quelle: Science Media Center / Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. 

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