VG-Wort Pixel

Pflege-Petition - für eine Pflege in Würde Aus für Mutter-Kind-Station: "Eine Schutzzone ist ökonomischen Zwängen zum Opfer gefallen"

Sehen Sie im Video: Die große stern-Pflegepetition – warum sich in der Pflege dringend etwas ändern muss. Unterschreiben Sie hier: stern.de/pflegepetition
Mehr
Philipp Ziegler ist Fachpfleger für Psychiatrie und arbeitete auf einer Mutter-Kind-Station. Sie wurde aus Kostengründen geschlossen. Hier erzählt er, warum dies ein riesiger Verlust ist. 

Ich sah die hochschwangere Frau nach einem Selbstmordversuch in der Notaufnahme. Der künftige Vater hatte sich von ihr getrennt, sie war schwer depressiv und entschlossen, es wieder zu tun. Wir sprachen lange, bis sie sich auf einen Deal einließ: Sie würde sich nicht umbringen, bevor ihr Kind geboren wäre. Doch wohin mit ihr? Für akut selbstmordgefährdete Patienten gibt es die "beschützte Station" mit verschlossenen Türen. Ich stellte sie mir dort vor, eine werdende Mutter unter schwer psychiatrisierten Patienten, viele davon aggressiv und verwirrt. Das ging nicht.

Damals leitete ich pflegerisch die Mutter-Kind-Station an unserem Landeskrankenhaus. Es war die spannendste Herausforderung in meinen 25 Berufsjahren. Ein Haus mit Garten, wo die Kinder herumtollten, überall Spielzeug, eine Erzieherin, für jede Mutter mit Kind ein großes Zimmer. Hier wurden sie nicht nur psychiatrisch behandelt, sie lernten auch, mit ihren Kindern zu kommunizieren, sich gemeinsam zu beschäftigen, sie bekamen Ratschläge für die Erziehung. Das ist wichtig für die Vorbeugung späterer psychiatrischer Erkrankungen der Kinder.

Ich telefonierte mit unserem Oberarzt, der meiner Einschätzung vertraute. Wir verließen uns auf unsere Expertise, auf das gute Umfeld der Station, auf das Wort der Patientin. Als die Wehen einsetzten, verlegten wir sie in die Frauenklinik. Wenige Tage nach der Entbindung kam sie zu uns zurück, mit dem Baby im Arm und Freude im Gesicht. "Jetzt habe ich einen Grund, weiterzuleben", sagte sie. Vier Monate später entließen wir die beiden, sie war geheilt von der Depression.

Pflege-Petition: Philipp Ziegler, Fachpfleger  für Psychiatrie
Philipp Ziegler, Fachpfleger für Psychiatrie
© Sandra Steh / stern

Die Mutter-Kind-Station existiert nicht mehr. Die Klinik hatte dafür draufgezahlt. In den großen Zimmern konnte man drei Patienten unterbringen, die aufwändige Kinderbetreuung wurde nur mit 20 Euro pro Tag vergütet. Dann kam eine neue Abrechnungsrichtlinie, nach der sich die Anzahl der Pflegekräfte nicht mehr rechnete und dann Corona. Eine dringend nötige Schutzzone ist ökonomischen Zwängen zum Opfer gefallen.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker