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Pflege-Petition - für eine Pflege in Würde Pfleger auf Schlaganfallstation: "Kein Bett darf kalt werden"

Lars B., Pflegefachkraft auf einer Schlaganfallstation
Lars B., Pflegefachkraft auf einer Schlaganfallstation
© Lars Berg / stern
Lars B. arbeitet als Pfleger auf einer sogenannten Stroke Unit, einer Spezialeinheit für Schlaganfall-Patienten. Hier berichtet er, wie ökonomische Fehlanreize über die Behandlung bestimmen und schildert den tragischen Fall einer Patientin.

Stroke Units gehören zu den rentabelsten Stationen im Krankenhaus. Wir nehmen "frische" Schlaganfallpatienten auf, überwachen Atmung, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung usw., setzen bildgebende Verfahren ein wie CT, MRT, Ultraschall. In der Regel bleiben die Patienten nicht länger als 24 Stunden, denn innerhalb dieses Zeitraums zeigt sich, ob sie so stabil sind, dass sie auf eine periphere Station verlegt werden können oder ob sie womöglich auf die Intensivstation müssen. Nach 24 Stunden gilt ein Fall zudem auch als "abgerechnet". Dann hat man sämtliche medizinische Prozeduren vorgenommen, die man über die Fallpauschale vergütet bekommt. Natürlich bleiben Patienten, die es wirklich brauchen, auch länger, aber mit denen verdient die Stroke Unit weniger Geld, und das ist auch allen bewusst.

Ganz schlecht sind leere Betten. Im Pflegejargon gibt es diesen Spruch "Kein Bett darf kalt werden". Auch die Ärzte denken so. Deshalb nehmen wir an ruhigen Tagen auch Patienten auf, die unser Wissen nicht benötigen, Hauptsache, alle Betten sind vollbelegt. Das Problem dabei ist: Kommt dann ein "echter" Fall hinzu, wird es richtig stressig. Wir müssen sofort Bettenplätze freiräumen. Auch dabei spielen ökonomische Überlegungen eine Rolle: Verlegt man einen "leichten" Fall, der erst seit zwei Stunden bei uns ist und mit dessen Behandlung man noch Geld verdienen kann, obwohl er sie gar nicht braucht? Oder lieber einen schwerer betroffenen Patienten, der aber schon "fertig abgerechnet" ist? Aus ethischer Perspektive ein Unding, das verstößt gegen unser Berufsethos. Aber es wird gemacht.

Diese Art Krankenhäuser zu managen, führt auf allen Ebenen zum Mangel. Gerade am Wochenende kommt es vor, dass ich einen Teil meiner Schicht damit verbringe, durch das Haus zu laufen auf der Suche nach Material – Handtücher, Spannbettlaken, Feuchttücher, Systeme für Sondennahrungg, Sondenkost. Um Lagerkosten zu sparen, gibt es immer weniger Vorräte, die man ja irgendwo verstauen müsste.

Und natürlich gibt es zu wenig Personal. Wir sollen mindestens 5 examinierte Pflegekräfte pro Schicht auf Station sein und sind in Vollbelegung für 17 Patienten zuständig. 3 schwerstbetroffene Patienten zu versorgen ist gut machbar, wenn wir jedoch schlecht besetzt sind, kommt es vor, dass ich alleine für 5 Patienten zuständig bin. Dann bleibt die eigentliche Pflege auf der Strecke und ich lege den Fokus darauf, dass alle Patienten noch leben wenn ich Dienstende habe. Für zeitintensive Tätigkeiten wie Haare waschen bleibt da absolut keine Zeit.

Ein anderes Problem ist, dass wir Entscheidungen treffen müssen, welche wir faktisch gesehen nicht treffen dürfen. Da die Ärzte selten bei uns auf Station sind, sondern sich meist in der Notaufnahme aufhalten, finden viele Absprache kurzfristig telefonisch statt, geht keiner ran, haben wir im Ernstfall die Wahl eigenständig zu handeln, oder den Patienten im Zweifelsfall sterben zu lassen. Einmal hatte sich bei einer Patientin die Atmung stark verschlechtert. Eine Kollegin wollte ihr ein Schmerzmedikament geben und rief den Arzt an. Der gab sein Okay. Doch die Patientin hatte eine Unverträglichkeit gegen den verwendeten Wirkstoff, was auch dokumentiert, jedoch in der Alltagshektik von Arzt und Pflegekraft übersehen wurde. Die Patientin ist kurz darauf verstorben. Solche Fehler passieren nicht oft. Aber sie passieren.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.


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