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Potenzprobleme: Auch 70-Jährige können noch

Wohl kaum etwas schlägt Männern so auf das Selbstbewusstsein wie Potenzprobleme. Im stern.de-Interview spricht der Urologe Stefan Conrad über den Alterungsprozess von Männern und wie sie das Risiko von Erektionsstörungen verringern können.

Ab einem Alter von 50 Jahren treten bei vielen Männern Erektionsstörungen auf

Ab einem Alter von 50 Jahren treten bei vielen Männern Erektionsstörungen auf

Herr Conrad, ab wann altern wir?

Eigentlich altern wir ab der ersten Minute unseres Lebens. Spätestens wenn das Wachstum abgeschlossen ist, in der Regel ab 20, beginnt in einer sanft abfallenden Kurven der Alterungsprozess. Urologisch finden wir bei Männern deutliche Alterungsprozesse schon in der Altersgruppe zwischen 30 und 40.

Was altert?

In dieser Dekade beginnen die ersten Potenzstörungen. Im Bereich zwischen 40 und 50 haben wir signifikante Zahlen, etwa 20 Prozent der Männer spüren eine nachlassende Erektionsstärke. Natürlich sind die Grenzen fließend, aber ab 50, um das kritische Datum zu nehmen, ist jeder zweite bis dritte Mann von sexuellen Veränderungen betroffen. Was nicht heißt, dass jeder auch behandlungsbedürftig ist.

Können Sie die Veränderungen spezifizieren?

Da ist zunächst die Stärke, die Rigidität, wie wir das nennen. Die Schwellkörper schwellen eben nicht mehr so an, wie das in jüngeren Jahren war. Der Bluteinstrom in die Schwellkörper erfolgt durch eine aktive Entspannung der Muskelzellen in den zuführenden Gefäßen. Wenn die Muskulatur schwächer wird, reduziert sich die Öffnung der Gefäße, weniger Blut strömt ein, die Stärke der Erektion nimmt ab. Hier setzen Medikamente wie Viagra an, die auf den Regulator am Muskel einwirken und den Impuls der Gefäß-Öffnung stärken. Wir wissen heute, dass diese Effekte auf die Erektion einerseits Teil eines normalen Alterungsprozesses sind, aber auch von vielen äußeren Faktoren abhängig sind, die auf die Blutgefäße einwirken. Eine Reihe dieser Faktoren werden unter dem Oberbegriff des metabolischen Syndroms zusammengefasst.

Das Sie uns jetzt bitte erklären.

Zum metabolischen Syndrom zählt man Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, insbesondere zu hohes Cholesterin und Zuckerkrankheit, auch in Ihren Frühformen. Alle diese Faktoren erhöhen das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten signifikant. Das Problem ist, dass sie sich auch untereinander im Auftreten begünstigen und gemeinsam besonders stark risikosteigernd wirken. Die Faktoren des metabolischen Syndroms, das wissen wir heute, wirken schädigend auch in den kleinen Gefäßen, die zum Schwellkörper führen. Diese metabolische Problematik, die sich ergibt durch die falsche Lebensführung, Übergewicht, zu wenig Bewegung und durch Rauchen, führt letztlich zu Veränderungen, die zumindest teilweise vergleichbar sind mit Verschleißveränderungen, die das Alter macht.

Die frohe Botschaft: Wir können den Alterungsprozess beeinflussen?

Ja, denn neben der genetischen Programmierung, der berühmten "inneren Uhr", steuern exogene Prozesse den Alterungsprozess. Und diese äußeren Faktoren können wir beeinflussen. Anders gesagt: Wer also übergewichtig ist und einen hohen Blutdruck hat und nichts dagegen tut, hat ein deutlich höheres Erektionsstörungs-Risiko, als der Mann, der sich vernünftig ernährt, Sport treibt. Der kann auch mit 70, 75 noch. Vielleicht nicht mehr so oft, nicht mehr so stark. Aber er kann.

Wann kommen die Männer zu Ihnen, kommen sie überhaupt? Oder zu spät?

Ab 50 ist ein Kontrolle beim Urologen sicherlich sinnvoll, weil nicht nur Erektionsstörungen auftreten, sondern auch das Prostatakrebs-Risiko steigt und gutartige Prostatavergößerungen häufiger werden. Es gibt natürlich aufgeklärte Männer, mehr als je zuvor. Und große Firmen lassen ihre Manager verpflichtend einmal im Jahr durchchecken, ausführlich und sehr aufwendig. Oft aber ist der Mittelstands-Mann immer noch ein Verdränger.

Warum?

Der Verlust der Selbstbestimmung - und die gibt man ja beim Arzt ein wenig aus der Hand - passt eben nicht in das klassische Männerbild, das uns zum Teil anerzogen worden ist, das zum Teil auch hormonell geprägt ist: eine gewisse Rudelführerschaft. Wissen Sie, wie ein Mann reagiert, der auf der Autobahn gegen die Verkehrsregel überholt worden ist? Er überholt seinerseits den Rüpel, zeigt ihm auf gleicher Höhe den Vogel, setzt sich dann vor ihn und bremst ab. Er will die Kontrolle über die Situation haben.

Ein schönes Bild, das zur nächsten Frage passt: Warum begegnen Männer dem Thema Prostata so verkrampft ?

Sicher auch, weil die Prostata und ihre Veränderungen, gut wie bösartig, Synonym für das Altern des Mannes ist. Jeder kennt heute eigentlich jemanden, der unter diesem Krebs leidet, der daran gestorben ist. Aber bleiben wir zunächst bei den gutartigen Veränderungen: Im Alter zwischen 50 und 60 beginnt die Prostata, in gutartigen Knoten zu wachsen und sich zu vergrößern. Ein Teil der Männer erlebt schon in diesem Alter, dass das Wasserlassen sich verändert, dass sie vielleicht nachts einmal mehr aufstehen müssen, dass der Harnstrahl schwächer wird. Jeder zweite Mann ab Mitte 50 wird Ihnen sagen, der Strahl ist nicht mehr so wie früher, aber es reicht noch.

So oder so: Es führt kein Weg an der Vorsorge vorbei?

Nein, ich kann nur jedem Mann ab 50 raten, sich untersuchen zu lassen. Wobei man sagen muss, dass die Krebsvorsorge in Deutschland immer noch ohne den wichtigsten Parameter, nämlich die sogenannte PSA-Wert-Messung, verläuft. Die gesetzliche Kassenleitung umfasst die rektale Tastuntersuchung, die Untersuchung des Genitales und der Haut und die Dickdarmkrebsvorsorge. Die reine Tastuntersuchung der Prostata diagnostiziert Prostata-Karzinome aber meist in einem schon relativ fortgeschrittenen Stadium.

Warum ist die PSA-Wert-Messung nicht anerkannt?

Es gibt zwar viele Hinweise darauf, dass durch die PSA-Messung in der Vorsorge die Prostatakrebserkrankung früher erkannt wird, deshalb auch häufiger geheilt werden kann und dadurch letztlich weniger Männer an Prostatakrebs sterben. Ganz bewiesen ist das allerdings noch nicht. Dazu braucht man prospektive Studien, in denen eine große Zahl von Männern über viele Jahre beobachtet werden, bevor nachgewiesen werden kann, dass die PSA-Diagnostik auch die Sterblichkeit am Prostatakarzinom senkt. Ergebnisse einer solchen europaweiten Studie werden wohl Ende des Jahres erstmalig veröffentlicht werden. Beide Untersuchungen, also PSA und Tastuntersuchung überlappend werden, davon bin ich überzeugt, das Risiko senken. Um Ihnen und den Lesern die medizinische Fachsimpelei zu ersparen: Ich würde immer beides untersuchen lassen. Den Kassenpatienten kostet die PSA-Messung etwa 25 Euro. Die sind gut angelegt, und wenn der Wert sehr niedrig ist, muss die Messung nur in Abständen von mehreren Jahren wiederholt werden.

Nehmen Männer das mit Frust oder Melancholie, dass es schwächer wird, der Strahl, die Schwellkraft, die Lebensdynamik?

Die einen betrachten es - durchaus auch depressiv - als Abschied von der Jugend. Dann gibt es solche, die daraus versuchen, eine Tugend zu machen: Alles wird langsamer, schlechter, also leben wir bewusster, stellen die Beziehung auf andere Fundamente, wir kümmern uns um Sport, wir ernähren uns ganz anders. Da sind den Neuentwürfen keine Grenzen gesetzt.

Interview: Michael Stoessinger

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