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Fremdgehen: Die Kraft der Affäre: Fremdgehen kann die Liebe zerstören - oder stärken

Lange galten Affären als das Ende der Liebe. Jetzt sagen Psychologen: Der Verrat kann Beziehungen sprengen – sie aber auch in neue Dimensionen des Glücks führen.

Fremdgehen: Psychologen plädieren  offeneren Umgang mit Untreue

In ihrem Vortrag erklärt die Paartherapeutin, dass Fremdgehen so gut wie immer in einem Kontext gesehen werden müsse und dass niemandem mit Schuldzuweisungen geholfen ist. 

Ein Tag im Spätsommer.

Eine Frau und ein Mann mittleren Alters stehen auf der Brücke beim Berliner Reichstag.

Sie haben einen rot-weißen Teddybären dabei.

Sie greifen ihn jeder an einem Arm, holen Schwung – und werfen ihn in die Spree.

Dann gehen sie schweigend davon.

Der Bär war ein Symbol für ihre schwerste Krise.

Die Frau hat den Mann betrogen.

Mehr als fünf Jahre sind vergangen seit jenem Spätsommertag. Annegret und Stefan Schröder* sitzen in Berlin in einer schönen Altbauwohnung, als sie erzählen. Stefan kämpft immer wieder mit Tränen, Annegret legt ihm dann die Hand auf den Arm.

Beide sagen, was sie durchgemacht haben, war bitter, doch ohne den Horrortrip wären sie niemals da, wo sie heute sind. Sie hätten so viel über sich selbst erfahren. Und so paradox das im Zusammenhang mit Betrug klinge: Sie hätten zum ersten Mal in ihrem Leben gelernt zu vertrauen.

Schuldzuweisungen beim Fremdgehen nicht hilfreich

Die allermeisten glauben: Liebesaffären sind der Anfang vom Ende. Sie sind ein Zeichen von Skrupellosigkeit und Charakterschwäche; wenn einer ein Verhältnis hat, dann ist die Beziehung angezählt; dann ist es wie mit einem Unfallauto – heil und wertvoll wird es nie mehr. Doch es bahnt sich ein fundamentaler Wandel an, ein neuer Blick auf ein altbekanntes Phänomen. Affären, darauf legen Psychologen heute Wert, können Entwicklungshelfer sein, sie bergen positive Kraft.

Die Galionsfigur der Bewegung ist Esther Perel. Sie arbeitet als Paartherapeutin in New York und auf vielen Kanälen im Internet daran, sexuelle Untreue aus der Schmuddelecke herauszuholen. Fast 14 Millionen Mal wurde ein Vortrag angeklickt, in dem sie erklärt, dass Fremdgehen so gut wie immer in einem Kontext gesehen werden müsse und dass niemandem mit Schuldzuweisungen geholfen ist. Ihr Buch über "Die Macht der Affäre", in den USA ein Bestseller, erscheint jetzt auch auf Deutsch.

Die Sprengkraft der Affäre, so sagt Perel dem stern, könne so gewaltig sein, dass Menschen sich völlig neu entdecken, dass sie einen grandiosen Entwicklungsschub machen und dass ein für allemal ein Ende findet, was schon lange nicht mehr gut war. Überanpassung, Lügengebäude, fehlender Kontakt. Manche Beziehung hält der Belastungsprobe nicht stand. Aber andere können profitieren. Können reifer werden, ehrlicher und erfüllender.

"Affären sind normal", sagt die New Yorker Paartherapeutin Esther Perel. Deshalb sei es wichtig, dem Phänomen Fremdgehen auf eine neue Art zu begegnen – mit mehr Empathie und weniger Verurteilung.

"Affären sind normal", sagt die New Yorker Paartherapeutin Esther Perel. Deshalb sei es wichtig, dem Phänomen Fremdgehen auf eine neue Art zu begegnen – mit mehr Empathie und weniger Verurteilung.


Stefan lernte Annegret im Internet kennen. Sie trafen sich in einer rauchigen Eckkneipe; mit ihr konnte man Bier trinken und intellektuelle Gespräche führen, toll. Ein bisschen still war sie, auch das mochte er, denn er ist einer, der gern redet. Für ihn war nach dem zweiten Treffen klar, dass er die Richtige gefunden hatte. Er war verliebt, sie war verliebt, sie ließen sich das gegenseitig spüren. Als Annegret ein Jahr später 40 wurde, bekam sie von Stefan eine teure Uhr. Er sagt: "So etwas schenkt man der Frau, mit der man es ernst meint. Ich dachte, sie begreift das ohne viele Worte." Er war sicher, dass sie eine exklusive Liebesbeziehung führten. Sie war sicher, dass er das dachte – und verheimlichte ihm ihre anderen Männer.

Annegret lebte in Rostock und kam als Modelscout viel herum, Stefan wohnte in Berlin und zog dort eine Bio-Imbisskette auf. Die beiden entwickelten ein Ritual: An den Freitagabenden trafen sie sich in Berlin, sie brachte ihre Tasche zu ihm hoch, dann gingen sie zusammen essen, eng umschlungen, Auftakt zum Liebeswochenende.

Mulmiges Gefühl

Schon bald hatte Stefan ein mulmiges Gefühl, das er lange nicht zuordnen konnte. Wenn er seine Freundin wieder traf und sie zum Italiener schlenderten, kam es vor, dass ihm schwindelig wurde, Schweiß brach ihm aus. Einmal wurde er fast ohnmächtig, als er vor einem Hotel parkte – später erfuhr er, dass Annegret dort eine Nacht mit einem Liebhaber verbracht hatte. Oder die Geschichte mit dem Urlaub: Annegret war mit einer Freundin für zwei Wochen nach Bali gereist, zu Hause zeigte sie Stefan Fotos, die ein Kellner gemacht habe. Stefan sagt: "Als ich die Bilder sah, wusste ich: Der, der sie fotografiert hat, ist ihr Liebhaber. So hingebungsvoll schaut man nicht irgendeinen Kellner an." Wieder hatte er diesen leichten Schwindel. Aber er fragte nichts. Der Liebhaber, so erfuhr er später, war der Chef von Annegrets Agentur, verheiratet, Kinder, sie genoss mit ihm den Luxus in Fünfsternehotels. Und sie erfand Geschichten, damit es möglichst lange so blieb.

Was Menschen sich in Partnerschaften zusammenlügen, welchen Einfallsreichtum, aber auch welche Naivität sie an den Tag legen – hinter der Fassade harmonischer Beziehungen tun sich riesige Parallelwelten auf. Zu Betrügereien gibt es Hunderte Geschichten, die auf Social-Media-Portalen gepostet oder bei Paartherapeuten erzählt werden. Kostproben: Ein Mann hatte seine Geliebte im Handy unter "Autohaus" abgespeichert. Die Ehefrau, die ab und zu abends auf dem Sofa zu seinem Display herüber schielte, wunderte sich, wie intensiv er mit seiner Werkstatt im Kontakt war; es dauerte aber fast ein Jahr, bis sie mal schaute, was er dem Autohaus so schrieb. "Uhu", so hatte eine Frau ihren Geliebten gespeichert – es war angeblich der Spitzname ihrer Tochter, sie schickte ihr vor den Augen ihres Freundes Herzen und schrieb: "Wir sehen uns heute Abend, freu mich!" Eine andere – diesmal gar nicht existierende – Tochter musste herhalten, um die Kosmetik und die Zahnbürste zu erklären, die ihren festen Platz im Badezimmer eines Mannes hatten.

Anders als zu Zeiten unserer Großeltern soll der Partner heute alles sein: Liebhaber, Kumpel, Vertrauter. Wenn er nicht treu ist, tut das extrem weh.

Anders als zu Zeiten unserer Großeltern soll der Partner heute alles sein: Liebhaber, Kumpel, Vertrauter. Wenn er nicht treu ist, tut das extrem weh.

Die Lügen, die Zweifel, das Nachspionieren, all das hat es auch vor Jahrhunderten gegeben. Neu im Verwirrspiel sind die modernen Medien, mal hilfreich, mal gefährlich: Geliebte posten – manchmal durchaus mit Hintergedanken – Bilder von einem Liebestrip mit ihrem verheirateten Freund. Ehefrauen schleichen sich mit Fake-Profilen auf Facebook an Nebenbuhlerinnen heran. Ein Ehepaar traf sich auf einem Sexportal. Beide Partner hatten sich auf der Plattform eingetragen, weil keiner dem anderen zugetraut hätte, sich dort zu tummeln. Und beide hatten, ganz verwegen, die Postleitzahl ihres Nachbarbezirks angegeben, um eine Liebschaft in der Nähe zu finden – so waren sie sich gegenseitig vorgeschlagen worden.

Das Phänomen in Zahlen zu fassen ist schwierig. Die Agentur Elite-Partner hat ermittelt, dass 16 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer schon einmal untreu waren. Bei Parship gaben 25 Prozent der liierten Männer an, mindestens einmal fremdgegangen zu sein. Bei den Frauen waren es 13 Prozent. Aber ist das repräsentativ? Wo fängt Untreue an? Beim Küssen? Beim Geschlechtsverkehr? Esther Perel ist der Meinung: Untreue betrifft mehr als 80 Prozent der Bevölkerung – auch derjenige habe ja irgendwie damit zu tun, der von der besten Freundin eingeweiht werde oder Ergebnis der Affäre seiner Eltern sei. Was sie daraus ableitet: "Affären sind normal. Wir brauchen ein neues Verständnis, komplexer und empathischer und weniger urteilend."

Dass wir davon noch weit entfernt sind, zeigt diese Zahl: Nach einer Studie der Universität Calgary würden 40 Prozent aller Männer und Frauen ihre Partner betrügen – aber nur fünf Prozent ziehen in Betracht, dass ihr eigener Partner untreu sein könnte. Das ist ein gesunder Selbstschutz, der aber auch die existenzielle Bedeutung zeigt, die eine exklusive Bindung für die meisten hat. Esther Perel entwickelte dazu eine Theorie: Zehn, 15 Jahre lang führen Menschen heute ein "nomadisches Sexleben". "Casual Sex" heißt der Modebegriff, zwangloser Sex. Alles ändert sich, wenn der Kinderwunsch akut wird und der Richtige auftaucht. Dann kommt die Romantik – die sich in eine Falle verwandeln kann. Der Partner soll Vertrauter, Kumpel, Liebhaber, Geschäftspartner, am besten auch noch Mutter und Vater sein, kurz: Ein und Alles. Perel sagt: Nie zuvor haben Menschen so verzweifelt, ja: traumatisiert, darauf reagiert, wenn ein Partner fremdging – "das liegt daran, dass heute alle Bindungsbedürfnisse auf den Partner gerichtet sind".

Bettgeschichten

Stefan entlarvte Annegrets Doppelleben, nachdem sie eine Fehlgeburt gehabt hatte. Es ging auf einmal um so viel. Er konnte und wollte sich selbst nicht mehr betrügen. Wäre das wirklich sein Kind gewesen? Konnte das zeitlich überhaupt sein? Annegret fühlte sich in die Enge getrieben. Sie ergriff die Flucht nach vorn, sagte, sie habe mit ihrem Chef geschlafen – aber der sei sterilisiert. Stefan bohrte und bohrte. Für all seine Zweifel wollte er Erklärungen. Und Annegret gestand. Sie hatte nicht nur mit ihrem verheirateten Chef eine Liebesaffäre. Sondern, wie Stefan sagt: "In jedem Hafen einen, wie ein Seemann."

Stefan brach zusammen, als er das hörte. Er konnte nicht arbeiten, viele Wochen, sein Körper schmerzte, als hätte ihn jemand zusammengeschlagen. Er hatte Freunde, die sich um ihn kümmerten, die bei ihm übernachteten. Für Annegret war es, als würde sie geschüttelt – und wache dabei auf. Dass dieser Mann so litt – ihretwegen? Hatte er sie so gern? Konnte das sein?

Es war eine quälende Zeit, für beide. Nächtelange Gespräche, Vorwürfe, immer die Frage: Warum? Sie erinnert sich: "Ich war fix und fertig, wenn ich wieder auf Geschäftsreise ging."

Sie saßen bei Therapeuten, einzeln und als Paar.

Seine Freunde rieten Stefan, mit ihr abzuschließen.

Viele glauben, mit einer Affäre beginne das Verschweigen und Verstellen. Die Erfahrung von Paartherapeuten ist: Meist fängt beides schon viel früher an.

Viele glauben, mit einer Affäre beginne das Verschweigen und Verstellen. Die Erfahrung von Paartherapeuten ist: Meist fängt beides schon viel früher an.

Aber er hing an Annegret. Und sie an ihm. In der Therapie förderte sie Erkenntnisse zutage, die es ihm möglich machten, hinter ihre kaltschnäuzige Maske zu blicken. Dahinter sah er ein trauriges Mädchen. Sie war ohne Vater aufgewachsen, der tauchte nur selten auf und ließ sie immer wieder fallen. Sie stellte fest: "Irgendwann habe ich anscheinend beschlossen: Ich verlasse mich auf keinen mehr."

Ihr Therapeut riet zu einem Vertrag: Annegret musste, logisch, alle Affären beenden. Wenn sie zum Beispiel in Kontakt mit einem ihrer Ex-Lover kam, musste sie Stefan davon erzählen. Im Vertrag stand außerdem: Stefan durfte ein Jahr lang fremdgehen. Er hatte zwei Bettgeschichten, sie nahm es hin, Vertrag ist Vertrag. Es dauerte fast zwei Jahre, erzählt Stefan, bis sein Groll und seine Unsicherheit sich gelegt hatten. Sie wollten das besiegeln. Ein Symbol musste her. Der Teddybär sollte ersaufen, damit ihre Liebe leben konnte. Annegret hatte ihn Stefan aus ihrem Abenteuerurlaub mit dem Chef auf Bali mitgebracht.

"Die Geliebte verliert immer"

Einen Betrug zu verarbeiten ist hart. Alles steht infrage. Was bleibt übrig? Bleibt überhaupt etwas übrig? Je länger der Betrug ging, je mehr Lügen im Spiel waren, je geringer die Bereitschaft ist, an sich zu arbeiten – desto schwieriger. "Eine Beziehung ist wie ein Rohdiamant. Wenn man ihn schleift, kann ein Brillant daraus werden", sagt Ilka Hoffmann-Bisinger, die in Berlin das psychologische Fortbildungsinstitut "iska-berlin" leitet. Manchmal jedoch hält der Brillant dem Schleifen nicht Stand und zerspringt. Das große funkelnde Projekt hat sich dann als Flop erwiesen – aus den Einzelteilen aber kann durchaus noch etwas Funkelndes werden.

Köln, ein Spielplatz in der Stadt, Karin Docht ist eine elegante Frau mit dunkeln Augen, neben ihr steht ein kleiner Junge. Vor vier Jahren, als Karin vom Frauenarzt erfahren hatte, dass sie schwanger ist, sagte ihr heutiger Lebenspartner: "Um Himmels willen, lass es wegmachen." Der Junge kam auf die Welt, Karin war entschlossen, ihn allein großzuziehen, er sieht seinem Vater mit seinem schmalen Gesicht und dem blonden Schopf sehr ähnlich.

"Die Geliebte verliert immer" ist ein Sprichwort –und es sah so aus, als würde das auch für Karin Docht gelten. Sie war Mitte 30, verliebt in Raphael und nach zwei Jahren Affäre Mutter seines Kindes. Aber er, verheiratet und Vater zweier fast erwachsener Töchter, machte keine Anstalten, zu Hause Klarheit zu schaffen.

Wer seine Partnerschaft sprengt, tut das nicht immer, weil er den anderen nicht mehr erträgt. Manchmal, so Esther Perel, wenden wir uns ab "von der Person, die wir geworden sind". Es kommt nicht darauf an, ob man jedes Detail gesteht. Sondern darauf, über die eigenen Sehnsüchte zu sprechen.

Wer seine Partnerschaft sprengt, tut das nicht immer, weil er den anderen nicht mehr erträgt. Manchmal, so Esther Perel, wenden wir uns ab "von der Person, die wir geworden sind". Es kommt nicht darauf an, ob man jedes Detail gesteht. Sondern darauf, über die eigenen Sehnsüchte zu sprechen.

Raphael Müller kommt zum Gespräch mit dem stern dazu, ein jugendlich wirkender Mann Mitte 50, er sagt, er wisse, dass vieles für Karin verletzend gewesen sei. Sein langes Zögern, vor allem. "Meine Ehefrau war die große Liebe meines Lebens, wäre bei uns nicht irgendwas passiert, das ich bis heute nicht verstehe – wir wären bestimmt noch zusammen", sagt er.

Bei Raphael und seiner Frau kam das Unglück schleichend. Elf Jahre guter Sex und viel Spaß, erzählt er, dann lief die Massagepraxis, die Raphael gehört, nicht mehr. Kein Geld mehr da für Skiurlaub im Club und Sommerurlaub auf Sylt. Die Ehe, im Keller. "Ich hatte das Gefühl, ihren Ansprüchen nicht mehr zu genügen", sagt er. Ob das wirklich so war? Er weiß es nicht.

Empathie, Angenommenwerden

Darüber zu sprechen gelang ihnen nicht – "war nie nötig gewesen, lief doch alles", sagt er. Einmal sah er sie lachend mit dem Handy im Badezimmer verschwinden. "Sie hat einen anderen", dachte er. Und tanzte und flirtete, mehr, um sich zu rächen, bei einem Fest mit der jungen Kellnerin. Als das Fest vorbei war, saßen sie bis zum Morgen zusammen und redeten. Da war plötzlich Empathie, Angenommenwerden, es fühlte sich verdammt gut an. Er ließ die Beziehung mit der Kellnerin parallel laufen.

Karin Docht sagt, sie sei oft traurig gewesen. Als sie schwanger war und nicht abtreiben wollte, nahmen bei Raphael die Depressionen zu. Trennung? Unvorstellbar für ihn. "Ich wollte nicht mehr leben in dieser Zeit. Ich dachte immer nur: O mein Gott, das schaffst du alles nicht, das ist alles zu viel." Das Kind kam auf die Welt, er fuhr zur Geburt ins Krankenhaus, anschließend schlief er zu Hause auf dem Sofa. Er schaffte für seinen Sohn einen Autokindersitz an. Anfangs verstaute er ihn nach jeder Fahrt im Kofferraum. Dann ließ er ihn auf der Rückbank. Monatelang fuhren er und manchmal auch seine Frau mit dem Kindersitz herum.

Es ist ein extremes Beispiel, aber nicht untypisch für Paare, die mit einer Lüge leben, deren Aufdeckung alles verändern würde. Der eine sendet unübersehbare Signale: "Schau endlich, was passiert". Der andere sendet zurück: "Ich will es auf keinen Fall sehen." In Raphaels Ehe kam es erst zu Konsequenzen, als seine Frau auf seinem iPad Videos entdeckte: Ihr Mann – und der Sohn. Sie schaute zu ihm und sagte: "Dann ist es jetzt eindeutig." Sie sprachen immer noch nicht. Sie suchte eine Wohnung, er half ihr beim Umzug. Dann brach der Kontakt ab.

Wie es ihr heute geht? Raphael weiß es nicht. Er hat erfahren, dass einige aus der alten Clique schlecht über ihn denken. Vor allem, weil er so lange gelogen hat. Er fühlt sich schuldig.

Esther Perel hat für Menschen wie ihn diesen Satz formuliert: "Wir wenden uns nicht immer vom Partner ab, sondern von der Person, die wir geworden sind." Mit seiner Frau empfand Raphael sich als Versager. Mit Karin empfindet er sich als einfühlsam und interessant. Er sagt: "Ich dachte mal, mein Leben wäre zu Ende – manchmal kann ich gar nicht fassen, dass ich noch mal so eine Chance bekommen habe."

Perfektes Zusammenpassen

"Wer fremdgeht, muss die Wahrheit sofort auf den Tisch bringen" – das ist auch so ein Klischee, wenn es um Untreue geht. Perel winkt ab: "Die Lüge hat sich in Beziehungen oft doch schon längst vor der Affäre festgesetzt." Sie kennt so viele Beispiele: Ein Paar hat Sex, doch einer hasst diesen Sex seit Jahren und sagt nichts. Partner sprechen nicht drüber, dass sie sich miteinander langweilen, dass sie unerfüllte Wünsche haben, andere Paare beneiden, an sich zweifeln, am anderen zweifeln, dass sie sich ein anderes Leben wünschen. Sie verbiegen und reduzieren sich, um das rostige Konstrukt, das sich einmal die große Liebe nannte, nicht zu gefährden. Und schließlich brechen sie aus.

Perel motiviert ihre Klienten, mit ihrem Partner, aber auch ihrer Liebschaft verantwortungsvoll umzugehen. Das verlangt mehr, als jemandem auf der Stelle hinzuhauen: "Ich hatte Sex mit einem anderen." Ob die ganze Wahrheit oder nur ein Teil auf den Tisch kommt, kann nebensächlich sein. Wichtiger sei es, die Bedeutung der Außenbeziehung zu begreifen: "Warum zog es einen zu einem anderen Menschen? Welche Sehnsüchte verbergen sich dahinter? Und gibt es den ernsthaften Wunsch, daraus etwas zu lernen?"

Wie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Sehnsucht funktionieren könnte, dafür sind Lara und John Scherer ein interessantes Beispiel. Sie ist Psychologin. Er Architekt, sie leben in der Nähe des Bodensees, dort renovieren sie sich seit vergangenem Sommer ein Haus. Sie reden viel und gern miteinander, haben Geld und Pläne. Lara und John sehen sich als zwei, die "perfekt zusammenpassen". Bei ihnen wirkt alles so innig, dass man, wenn man sich mit ihnen beschäftigt, leicht das Gefühl bekommen könnte, zu viel Pralinen auf einmal gegessen zu haben. Doch es gab eine Zeit, in der auch sie auf die Probe gestellt wurden. John schwächelte damals seit einem Jahr, ein Virus, das er nicht loskriegte, er fühlte sich müde und antriebslos, auch sexuell. Sein Arzt war sicher, dass das wieder werden würde – aber Lara bekam schlechte Laune. "Ich hatte ein bisschen Torschlusspanik. Wir wollten Kinder, und ich hatte das Gefühl, wenn ich mal Mama bin, dann ist die Zeit mit dem wilden Sex sowieso vorbei." Es tauchte auf dem Bau ein Handwerker auf: muskulös, lustig, lässig. Blicke flogen, Funken stoben, er sagte ihr, dass er sie wahnsinnig attraktiv finde. Lara bekam Lust auf Sex. Sie überlegte, John zu hintergehen. Aber sie weihte ihn dann doch ein.

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Über mehrere Tage zogen sich ihre Gespräche. Sie erzählte ihm, durchaus beschämt, was seine Krankheit mit ihr mache. Dass sie so eine Lust auf eine richtig heiße Nacht habe – nur eine. John war getroffen. Er sagte ihr, er habe Angst, dass es immer zwischen ihnen stehen würde, wenn er ihr dieses Abenteuer ausreden würde. Sie machten einen Deal: Er dürfe sich ein Escort-Girl buchen, "rassig und dunkel, nicht hellblond wie Lara". Und sie würde sich in derselben Nacht mit dem Mann von der Baustelle vergnügen. Als sie die Erlaubnis hatte, schwand auf magische Weise ihr Interesse. Der Reiz des Abenteuers trat zurück, die Sorge um die Beziehung schob sich in den Vordergrund. Was würde sich anschließend ändern? Würde Verletzung bleiben? Was, wenn sie selbst mal schwächeln sollte? Würde John sie dann hängen lassen? Sie ließ sich auf der Baustelle nicht mehr blicken, bis die Arbeiter weitergezogen waren.

Lara Scherer ist nun seit zwei Monaten schwanger. Johns Kräfte kehren wieder zurück, beide fühlen sich glücklich, sagen sie, dass sie so offen miteinander sprechen konnten. Lara hat gelernt: John hält mehr Ehrlichkeit aus, als sie sich vorstellen konnte. John weiß jetzt: Lara wünscht sich Erotik und Abenteuer, darauf müssen sie achten. Sie haben die Idee, eines Tages gemeinsam ein Paar zu suchen und Sex zu viert auszuprobieren. "Die Vorstellung allein turnt uns schon an", sagt Lara.

Kutsche und Brillantring

Etwas Neues beginnt für Karin Docht und Raphael Müller aus Köln. Sie packen gerade die Umzugskisten, sie werden zusammen in ein Haus mit Garten am Stadtrand ziehen.

Stefan Schröder schließt demnächst seine Ausbildung zum Heilpraktiker ab; er will nach seiner eigenen schweren Krise anderen helfen. Annegret verdient für sie beide. Kann er sicher sein, dass sie keine Affären mehr hat? Sie antwortet: "Wenn man so viel durchgemacht hat, setzt man das nicht mehr so leicht aufs Spiel." Vor drei Jahren haben sie geheiratet. Mit Kutsche und Brillantring und vielen Gästen, unter ihnen die Freunde, die einmal Tag und Nacht bei Stefan saßen und versuchten, ihm diese schreckliche Frau auszureden.

*Um die Protagonisten dieser Geschichte zu schützen, sind ihre Namen und einige biografische Details geändert

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(