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stern-Gespräch

Ramstein-Opfer: Drei Jets stürzen ab, 70 Menschen sterben - was passiert, wenn die Trauer nicht mehr verschwindet?

Vor 30 Jahren endete eine Flugshow im rheinland-pfälzischen Ramstein in einem Inferno. Seit damals widmet sich die Therapeuten-Familie Jatzko den Opfern von Katastrophen.

Von Ingrid Eißele und Dominik Stawski

An einem Sommertag vor 30 Jahren stürzten auf der US-Militärbasis in Ramstein während einer Flugshow drei Jets vom Himmel. Es endeten 70 Leben. Und die Qualen von Hunderten Überlebenden und Angehörigen nahmen ihren Anfang.

Dieser Tag veränderte auch eine Familie, die vom Unglück nicht betroffen war: Familie Jatzko.

Mutter Sybille, heute 68, ist gelernte Krankenschwester. Sie hatte sich damals schon zur Gesprächstherapeutin fortgebildet. Vater Hartmut, 79, Arzt für Innere Medizin und Psychotherapeut, war von 1980 bis 2005 Chefarzt der Psychosomatischen Klinik in Kaiserslautern.

Ramstein und Co.: Gespräch mit der Therapeuten-Familie Jatzko

Ramstein, 28. August 1988, 15.45 Uhr. Die Leute sahen, wie die Jets am Himmel kollidierten. Dann kamen die Flammen

Versöhnungstour nach Ramstein

Seit dem Inferno widmeten sie sich vor allem einem Thema: dem Trauma. Auch Sohn Alexander, damals 17, wurde Arzt und Psychotherapeut.

Über die Jahre betreuten die Jatzkos immer mehr Schicksalsgemeinschaften. Anlässe gab es genug: die Loveparade-Massenpanik, den Germanwings-Absturz, die Tsunami-Welle, das Schulattentat von Erfurt und viele weitere.

Kommende Woche, am 28. August, treffen sie sich mit Opfern der Ramstein-Katastrophe, versammeln sich auf der amerikanischen Airbase, dort, wo alles begann.

Was passiert am Jahrestag?

Sybille J.: Es ist alles genau geplant. Wir werden an die Toten erinnern, auch an der Aufschlagstelle. Die Wiese ist heute betoniert. Zur Uhrzeit des Absturzes werden wir dort einen großen Kreis formen. Wichtig ist, dass die Betroffenen in diesem Moment miteinander sind, nicht allein.

Familie Jatzko vor dem Gedenkstein für die Opfer der Ramstein-Katastrophe: Gesprächstherapeutin Sybille Jatzko und Ehemann Hartmut (Mitte) gehörten vor 30 Jahren zu den Ersten, die sich um die langfristigen seelischen Leiden von Katastrophenopfern kümmerten. Nach zahlreichen Unglücken gründeten sie für die Überlebenden und Angehörigen "Schicksalsgemeinschaften". Sohn Alexander Jatzko ist wie sein Vater Mediziner und behandelt in einer Klinik in Kaiserslautern Traumatisierte

Familie Jatzko vor dem Gedenkstein für die Opfer der Ramstein-Katastrophe: Gesprächstherapeutin Sybille Jatzko und Ehemann Hartmut (Mitte) gehörten vor 30 Jahren zu den Ersten, die sich um die langfristigen seelischen Leiden von Katastrophenopfern kümmerten. Nach zahlreichen Unglücken gründeten sie für die Überlebenden und Angehörigen "Schicksalsgemeinschaften". Sohn Alexander Jatzko ist wie sein Vater Mediziner und behandelt in einer Klinik in Kaiserslautern Traumatisierte

Was macht dieser Tag mit ihnen?

Alexander J.: Sie fühlen sich schon Wochen vor dem Jahrestag nicht mehr gut, können nicht mehr schlafen. Das kenne ich auch von Afghanistan-Veteranen, die ich seit einem Bombenattentat in der Klinik behandle. Immer wenn der Jahrestag des Anschlags näher rückt, halten sie es kaum noch aus.

Und was passiert, wenn alle im Kreis stehen?

Hartmut J.: Sie sind still, vollkommen konzentriert. 15.43 Uhr, da denken die Angehörigen: Mein Mann, mein Kind lebt noch. 15.44 Uhr. Immer noch am Leben. Dann 15.45 – von da an trat der Tod ein. Viele sind sofort getötet worden. 31 Menschen.

Alexander J.: Wie mächtig diese Erinnerung sein kann, hat mein Vater bei den Angehörigen des Birgenair-Absturzes in der Dominikanischen Republik 1996 gesehen.

Hartmut J.: Ein Jahr danach sind wir mit den Angehörigen raus aufs Meer zur Absturzstelle gefahren. Es war starker Seegang. Viele hingen über der Reling. Aber dann die Gedenkminute, ich spielte die Musik "Er weidet seine Herde" von Händel. Plötzlich war keiner mehr seekrank, alle waren in ihrer Erinnerung gefesselt. Selbst die Übelkeit kam nicht dagegen an.

Für die Überlebenden von Ramstein muss der Ort schreckliche Bilder hervorrufen.

Alexander J.: Viele haben ein Trauma erlitten, mussten zusehen, wie Angehörige verbrannten. Der Jahrestag kann das Trauma triggern.

Was heißt das?

Alexander J.: Unser Gehirn besteht aus zwei Bereichen. Mit dem Großhirn denken wir bewusst. In den entwicklungsgeschichtlich älteren Bereichen darunter steckt zum Beispiel die Amygdala, ein wichtiges Angstzentrum im Menschen. Was dort passiert, passiert unbewusst, innerhalb von Millisekunden. Droht Gefahr, schüttet der Organismus Stresshormone aus. Unser Großhirn versucht immer, diese unbewusste Reaktion einzuordnen, sie zu verknüpfen, die Furcht zu verstehen – aber das gelingt manchmal nicht. Trauma heißt: Ein bestimmter Moment wirkt so bedrohlich, so ausweglos, dass das Großhirn heruntergefahren wird. Die Angstreaktion kann also nicht verknüpft und verarbeitet werden. Das ist der Moment, über den viele sagen: Ich habe ihn wie in Zeitlupe erlebt.

Und wie ist das 30 Jahre später?

Alexander J.: Das Trauma, die unverarbeitete Angst, bleibt in tiefen, dem Bewusstsein unzugänglichen Hirnregionen gespeichert. Viele Betroffene verstehen deshalb nicht, warum sie auf manche Reize so sehr reagieren. Diese Reize können das Trauma reaktivieren. Am schlimmsten sind Gerüche.

Warum?

Alexander J.: Weil die Amygdala ein Teil des Riechnetzes ist.

Sybille J.: Bei Ramstein wissen wir von Polizisten, dass sie bei Grillgeruch selbst Jahre später sofort erbrechen mussten. Aber auch alles Mögliche andere kann einen triggern: Unter den Opfern der Loveparade war ein junger Mann, der ausrastete, wenn er das Deutsche Rote Kreuz sah. Er erzählte, dass er verletzt unter einem Berg von Sterbenden und Toten lag, er konnte sich nicht befreien, musste die ganze Zeit auf ein Schild mit dem Symbol des DRK gucken.

Loveparade 2010

Loveparade 2010

Ist es überhaupt ratsam für Traumatisierte, an Gedenktagen teilzunehmen?

Sybille J.: Es ist für sie nicht einfach, aber es ist ihnen wichtig, sich zu erinnern. Nach dem Tag geht es vielen besser.

Gibt es da einen Unterschied zwischen Überlebenden und trauernden Angehörigen?

Sybille J.: Trauernde, also Angehörige, die bei einem Unglück nicht dabei waren, haben meist kein Trauma. Ihr Gehirn war nicht überfordert wie das der Überlebenden, die den Flammen entkommen sind.

Kann nicht auch eine Todesnachricht traumatisieren?

Alexander J.: Das kann in extremen Situationen passieren, ist aber unwahrscheinlich. Meist zeigen Angehörige die Symptome von Trauernden. Nicht die körperlichen Folgen wie Traumatisierte: die Unruhe, die Panikattacken.

Sybille J.: Qualen machen noch kein Trauma. Am ersten Jahrestag betreuten wir ein Paar, das in Ramstein seinen Sohn verloren hatte. Die Mutter war damals zu Hause. Der Vater hatte knapp überlebt. Er litt unter Flashbacks, wollte aber unbedingt an diesem Tag an die Unglücksstelle, um mit seiner Frau zu trauern. Er schaffte es nicht. Erst am zweiten Jahrestag hat er sich getraut. Er musste erst die Bilder im Kopf beherrschen lernen.

Von manchen Betroffenen wissen wir, dass sie den Kontakt mit anderen Opfern eher meiden.

Sybille J.: Traumatisierte Menschen müssen erst lernen, sich zu stabilisieren. In dieser Phase kann die Gruppe zu viel sein und sie mit Erinnerungen überschwemmen.

Das heißt, sie kann schlimmstenfalls für ein neues Trauma sorgen?

Sybille J.: Nein, kein neues Trauma. Aber das alte kann durch die Trigger reaktiviert werden. Betroffene machen dann meist das, was ihnen guttut: Sie ziehen sich zurück.

Warum kommen manche besser mit ihrem Trauma klar als andere?

Alexander J.: Es gibt genetische Unterschiede. Aber vor allem ist wichtig, ob man es schafft, die fehlenden Verknüpfungen mit dem Großhirn wiederherzustellen, um wieder Kontrolle über die Bilder zu haben, statt überwältigt zu werden.

Mit Therapie?

Alexander J.: Der Therapeut versucht, den Betroffenen in Gedanken an das Trauma zurückzuführen, aber gleichzeitig sein Großhirn hochzufahren, damit er die Gefühle verarbeitet. Er bittet ihn etwa, mit den Augen seiner Hand zu folgen. Die Augenbewegung aktiviert das Großhirn. Diese Methode setze ich in vielen Einzelsitzungen ein.

Hartmut J.: Anderen kann besser die Gruppe helfen.

Tsunami 2004

Tsunami 2004

Sybille J.: Da ist zum Beispiel die Geschichte einer Mutter: Ihre beiden Söhne und der Ehemann haben sich gekabbelt, sie machen eine Versöhnungstour nach Ramstein, ohne die Mutter. Es dauert ewig, bis die erfährt, wo ihr Mann und die Kinder sind. Sie liegen auf drei Kliniken verteilt, alle schwerst verbrannt. Der eine Sohn stirbt. Die Ärzte bitten die Mutter darum, dem Mann und dem anderen Sohn nichts davon zu erzählen, aus Angst, dass sie sonst aufgeben. Die Frau verschweigt es also. Dann stirbt auch ihr Ehemann. Erneut bittet man sie, dem überlebenden Sohn nichts zu sagen. Der Sohn kommt durch, spricht aber kein Wort mehr mit seiner Mutter. Wir wussten damals nicht, warum. Die Mutter saß in unserer Nachsorgegruppe und weinte, wirkte zusehends lebensmüder. Daraufhin sind wir mit einigen Angehörigen zum Sohn in die Klinik. Er sagte: Ich war es, der wollte, dass wir nach Ramstein fahren. Ich kann meiner Mutter nicht mehr in die Augen schauen.

Schrecklich.

Sybille J.: Er hat uns erlaubt, der Mutter davon zu erzählen, damit sie es nachvollziehen konnte. Sie sagte: Ach Gott, ich bin doch so dankbar, dass ich ihn hab! Die Gruppe hat ihnen geholfen, wieder miteinander zu sprechen. Und beide gerettet.

Welche Rolle spielen Schuldgefühle bei der Verarbeitung?

Alexander J.: Studien haben gezeigt, dass Schuld und Scham die Verarbeitung erschweren.

Hartmut J.: Nehmen Sie die Lokführer, die einen Menschen überfahren haben. Nicht alle, aber viele tragen Schuldgefühle, obwohl sie keine Schuld haben. Genauso wenig wie der Sohn, der sich den Ausflug nach Ramstein wünschte.

Wie genau ist Ramstein in Ihr Leben gekommen?

Hartmut J.: Monate nach dem Unglück wurde ein Mann in unsere Klinik eingeliefert. Er war völlig außer sich, weil ein Flieger tief über Kaiserslautern geflogen war. Er schrie nur: Das Flugzeug stürzt ab! Ich fragte: Waren Sie in Ramstein? Und er: Da kann ich nicht drüber reden. So ging es los.

Sybille J.: Uns wurde da klar, wie schwer die Leute daran tragen. Wir überlegten, was wir tun können, und sprachen auch mit Heiner Seidlitz, dem Leiter der Telefonseelsorge in Kaiserslautern. Wir drei waren überzeugt, dass der Austausch in der Gruppe helfen würde. Also riefen wir die Opfer über die Medien auf, sich zu melden. Zum ersten Treffen kamen 90 Betroffene.

Diesen Austausch haben Sie auch nach anderen Unglücken etabliert.

Sybille J.: Es geht ums Teilen, ums Aufgehobensein, auch um praktische Hilfe: Wie kriege ich meine Krankenkasse dazu, meine Therapie zu zahlen? Schnell merkten wir, wie wertvoll eine solche Gruppe sein kann. Wo haben Opfer sonst die Chance, Helfer zu sein?

Wer zahlt das?

Sybille J.: Wir arbeiten ehrenamtlich. Was die Kosten der Betroffenen angeht, läuft es unterschiedlich. Bei Birgenair zahlte auch der Reiseveranstalter. Manchmal gibt es einen Hilfefonds. Aber es gibt auch Fälle, in denen es an Geld fehlt.

Absturz einer Germanwings-Maschine 2015

Absturz einer Germanwings-Maschine 2015

Wovon leben Sie?

Sybille J.: Mein Mann hat sein Auskommen als Arzt. Und ich erhalte Honorare für Vorträge und Seminare. Die Gruppen mache ich, weil es mir wichtig ist. Die Arbeit ist eine Bereicherung. Dafür bin ich dankbar.

Wie entstehen Ihre Gruppen? Sie sehen im Fernsehen die Nachrichten und greifen zum Telefon?

Sybille J.: Heute kennt man uns. Ich wende mich an die Behörden oder Opferbeauftragten, um Kontakt zu den Betroffenen zu bekommen. Dann laden wir ein. Und jedes Mal kommen viele.

Alexander J.: Traumatisierte haben oft das Problem, dass ihre Umwelt sie nicht versteht. Sie suchen dieses Verständnis. Ich behandele Soldaten, die sagen: Lieber hätte ich ein Bein verloren, dann könnte ich meiner Familie klarmachen, dass ich wirklich etwas erlitten habe. Dabei tragen auch Traumatisierte körperliche Veränderungen davon.

Inwiefern?

Alexander J.: Für eine Studie haben wir die Traumatisierten von Ramstein und eine Kontrollgruppe in einen Kernspintomografen geschoben und ihnen eine Szene aus dem "Dschungelbuch" gezeigt.

Dem "Dschungelbuch"?

Alexander J.: Die schöne Szene, in der Balu singt: "Probier's mal mit Gemütlichkeit." Bei den beiden Gruppen waren unterschiedliche Areale im Hirn besonders aktiv: Bei den Traumatisierten waren es die Kontrollzentren, bei den anderen die Bereiche, die mit Freude zu tun haben.

Ist das die Erklärung dafür, dass sich viele Traumatisierte gar nicht mehr richtig freuen können?

Alexander J.: Ja, manche nennen es "dieses Wattegefühl".

Kann man ein Trauma auf diese Art per Kernspin diagnostizieren?

Alexander J.: Nein, das wäre unseriös. Den Leuten hilft es aber, wenn ihnen jemand erklärt, was in ihrem Kopf passiert ist. Danach können sie ihrem Partner erklären: Schau, daher habe ich mich so verändert. Nach einem Trauma gehen oft Ehen zugrunde, weil der Partner die psychischen Veränderungen des anderen nicht versteht.

Sie waren nach so vielen Unglücken aktiv. Kann man sich da noch gut um alle kümmern?

Sybille J.: Ja. Die Abstände zwischen den Katastrophen waren groß. Außerdem sollte jeder Therapeut damit zurechtkommen, gleichzeitig mit vielen Schicksalen umzugehen. Und wir machen ja keine Einzeltherapie. Wir reden in der Gruppe. Mit der Zeit werden die Treffen meist seltener.

Durch die Arbeit haben Sie ständig diese Themen und Schicksale auf dem Tisch. Hat Sie das verändert?

Alexander J.: Auch in der Flüchtlingsdebatte stellen sich viele Helfer diese Frage: Was machen diese Schicksale mit mir? Wer mitleidet, wenn etwa jemand auf dem Boot sein Kind verloren hat, der spürt es selbst in den Schmerzzentren seines Gehirns. Der macht das nicht lang. Wenn man aber sagt: Es ist nicht mein Leid, ich helfe nur, es zu lindern, dann sind die Belohnungszentren im Gehirn aktiv. Das wiederum kann ein starker Antrieb sein.

Identifiziert man sich nicht zwangsläufig etwa mit Eltern, die Kinder haben wie man selbst?

Sybille J.: Das hab ich nie gehabt. Ich kann mit diesen Menschen empathisch weinen. Aber ich kann klar unterscheiden zwischen meinem Schicksal und dem der anderen.

Alexander J.: Diese Angehörigen sind nicht unsere Freunde oder unsere Familie. Wir sind Außenstehende. Ein Beispiel: Mein Oberarzt-Kollege ist vor einem Monat an Krebs gestorben, innerhalb weniger Wochen. Da bin ich innerlich mehr beteiligt. Das ging mir nah.

Auch nach dem Bombenanschlag in einer Disco auf Bali 2002 kümmerten sich die Jatzkos um Betroffene

Auch nach dem Bombenanschlag in einer Disco auf Bali 2002 kümmerten sich die Jatzkos um Betroffene

Haben Sie damals, nach Ramstein, eigentlich ihren Sohn vor den Details geschützt? Er war ja erst 17.

Sybille J.: Auf die Idee bin ich überhaupt nicht gekommen.

Alexander J.: Das mussten meine Eltern nicht. Diese Themen gehörten da schon zu unserer Familie.

Wie meinen Sie das?

Alexander J.: Mein Vater war als Therapeut bekannt und stand im Telefonbuch. In meiner Kindheit rief immer mal wieder ein Patient an und schrie: Ich bring mich um!

Und Sie waren am Hörer?

Alexander J.: Ja. Ich sagte nur: kleinen Moment bitte. Und rief: Papa, hier, Anruf für dich! Das war so. Und es war okay.

Sybille J.: Alexander war auch bei vielen Unfällen dabei.

Alexander J.: Die ersten Toten musste ich in der ersten oder zweiten Klasse sehen.

Wie kam das?

Hartmut J.: Ich wurde ständig zu Unfällen gerufen, manchmal auch, wenn ich gerade im Auto mit Alexander unterwegs war. Dann bin ich natürlich mit ihm hin. Einmal hat es geregnet, da hab ich gesagt: Hier, halt mal den Schirm!

Sybille J.: Und hinterher sprach sein Klassenlehrer mich an, wie man das dem Kind zumuten könne. Ich hatte doch keine Wahl. Vielleicht hat er deshalb den Beruf gewählt. Weil er gelernt hat, damit umzugehen.

Hartmut J.: Manchmal müssen auch Kinder einspringen. Und Alexander bekam auch das gute Gefühl, einen Beitrag geleistet zu haben.

Alexander J.: Dahinter liegt ein gesellschaftliches Thema. Heute ist der Tod aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Das war bei uns anders. Und man muss dazu sagen: Erstens kannte ich die Unfallopfer damals nicht. Und zweitens waren ihre Körper nicht entstellt.

Viele Eltern würden wohl als Allererstes das Kind abschirmen.

Sybille J.: Ja, aber wenn ich Kurse gebe über die Krisen des Lebens, sitzen dort viele, die sich darüber beschweren, dass ihre Eltern sie immer abgeschirmt haben. Sie sagen: Ich konnte überhaupt nicht mit dem Tod umgehen lernen.

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Hat Sie das Schicksal in der Familie nie selbst getroffen?

Sybille J.: Mein Mann trägt viel Schweres mit sich.

Mögen Sie erzählen?

Hartmut J.: Ich bin 1938 geboren, meine Familie war sorbisch. Wir lebten in Görlitz. In den letzten Kriegsmonaten mussten wir fliehen. Auf der Flucht gab es Momente, in denen wir von Tieffliegern beschossen wurden. Die Kugeln schlugen nur Zentimeter entfernt ein.

Sybille J.: Erzähl bitte von der Uhr.

Hartmut J.: Auf einem Gutshof in Tetschen-Bodenbach mussten wir uns versammeln, 30 Flüchtlinge etwa. Ich war sechs Jahre alt, vor uns standen Männer mit einer Kalaschnikow. Sie konnten etwas Deutsch. Sie sagten zu uns: Wenn wir bei jemandem eine Uhr finden, erschießen wir euch. Sie hielten mir das Gewehr an den Kopf. Und dann knallte es zwei Mal. Peng. Peng. Auf einmal war alle Angst weg. Für einen Moment habe ich mich wie im Himmel gefühlt. Doch dann merkten wir, dass 20 Meter weiter ein Mann seine Frau erschossen hatte, und danach sich selbst. Ich hatte diese Dissoziation, dass die Kugeln mich trafen. Dabei hatten sich die beiden umgebracht, um uns das Leben zu retten. Sie besaßen eine Uhr.

Das hat Sie nie losgelassen?

Hartmut J.: Nachts litt ich viele Jahre lang unter Panikzuständen. Ich habe mich als Kind immer eingenässt, ich leide seitdem an plötzlichen Blutdrucksteigerungen. In meinen Träumen fiel ich in die Tiefe, aber ich bin nie unten angekommen.

Hat Sie dieses Erlebnis dazu gebracht, Ihren Beruf zu ergreifen?

Hartmut J.: Es ergab sich eher. Ich habe mir gesagt: Mir wurde das Leben einmal geschenkt. Nun darf ich es nicht für mich selbst verbrauchen.

Wie war es bei Ihnen, Frau Jatzko?

Sybille J.: Mich prägte als Jugendliche die tiefe Einsamkeit im Internat, in das mich meine Eltern schickten. Ich habe mit dieser Zeit gehadert. Aber die Arbeit mit den Menschen hat vieles geheilt. Wenn ich diejenige sein darf, der Vertrauen geschenkt wird, hilft mir das.

Ein Trauma hinterließ die Zeit im Internat aber nicht?

Sybille J.: Nein. Aber ein Trauma habe ich wohl auch. Und ich bin damit umgegangen wie viele andere auch, nämlich gar nicht, weil ich lange nichts davon wusste. Bis ich mit 60 nach Hongkong geflogen bin. Es war richtig eng im Flugzeug, plötzlich bekam ich eine Panikattacke. Ich schrie meinen Mann an: Hilf mir! Er hat meinen Kragen geöffnet, damit ich besser Luft kriegte. Als ich mich beruhigt hatte, dachte ich: Jetzt hast du zu viel Trauma gemacht in deinem Leben.

Aber so war es nicht?

Sybille J.: Nein. Nach langer Suche in meiner Erinnerung fiel mir ein, dass ich als 13-Jährige in einen engen Schornstein geklettert war, eineinhalb Stunden feststeckte und höllische Qualen litt. Das war der Grund.

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Studien sprechen davon, dass 50 bis 90 Prozent der Menschen ein Trauma in ihrem Leben erleiden. Ist das seriös?

Alexander J.: Fast jedes Kind erlebt Dinge, die ein Trauma hinterlassen können: Missbrauch, Gewalt, ein Unfall, im Auto, auf dem Fahrrad, massivstes Mobbing.

Kann das alles zu Traumata führen? Verwässert man damit nicht den Begriff?

Alexander J.: Für die einen kann es ein Trauma bedeuten, für den anderen nicht. Sie können zu den Überlebenden von Ramstein gehören und ihr Leben ohne Folgen weitergelebt haben. Es kommt immer auf den Einzelnen an.

Kann ich mich vor einem Trauma schützen? Angenommen, ich sitze in einem gekaperten Flugzeug, wie damals die deutschen Geiseln von Mogadischu.

Alexander J.: Diejenigen, die Hilflosigkeit empfinden, die erstarren, werden eher ein Trauma entwickeln. Bei ihnen sind nur die Angstzentren aktiv. Diejenigen, die mit der Sorge um andere beschäftigt sind, die sich fragen, wie sie ihr Kind im Sitz nebenan schützen, sind abgelenkt. Ihr Großhirn bleibt aktiv. Die werden es womöglich einfacher haben.

Hartmut J.: Ich habe mit der Stewardess von damals gesprochen. Vor ihr wurde der Pilot erschossen.

Wie geht sie heute damit um?

HARTMUT S.: Die Entführung hat bei ihr ein Trauma hinterlassen.

Sybille J.: Aber sie lernte, damit umzugehen. Sie lebt ihre unendliche Wut von damals aus, auf kreative Weise. Mit Kettensägen formt sie Skulpturen. Mit der Kunst geht es ihr besser.

Sybille J.: Nach der Loveparade begannen viele, Motorrad zu fahren.

Warum, aus einer Todessehnsucht?

Hartmut J.: Nein, sie wollen Kontrolle! Die totale Kontrolle über die Maschine und die Geschwindigkeit.

Sie machen das nun seit 30 Jahren. Sie beide sind im Rentenalter. Wie lange soll es noch weitergehen?

Sybille J.: Ich bin jetzt 68. Ob ich es noch mit 80 mache, weiß ich nicht. Aber wenn ich mal keine Kraft mehr haben sollte, möchte ich nicht, dass es aufhört. Deswegen haben wir die "Stiftung Katastrophen-Nachsorge" gegründet.

Gibt es nicht Organisationen, die ausreichend helfen? Der Weiße Ring, die Kriseninterventionsteams, die Seelsorger, die zu den Unglücksorten eilen, um den Betroffenen beizustehen?

Sybille J.: In jedem Bundesland gibt es ein Programm für psychosoziale Notfallversorgung. Diese Krisenintervention ist segensreich. Aber sie hört spätestens nach ein paar Wochen auf. Dann fallen die Leute in ein Loch. Dann heißt es: Gehen Sie doch zum Psychologen.

Was ist daran falsch?

Sybille J.: Erst einmal sind viele Trauernde und keine Traumatisierten. Sie brauchen keine Therapie, denn Trauer ist etwas Normales, das wir alle erleben, wenn wir jemanden verlieren. Trauer möchte begleitet werden, eine gute Aufgabe für eine Schicksalsgemeinschaft. Nur wenn Trauer besonders kompliziert ist, bedarf es der Therapie. Wir müssen diesen Menschen ein Angebot machen, ähnlich wie die evangelische Kirche im Rheinland, die die Stiftung Notfall-Seelsorge etabliert hat.

Reicht das nicht?

Sybille J.: Die Stiftung richtet sich nur an Menschen aus NRW. Unsere Stiftung soll bundesweit tätig sein. Sie soll nach Katastrophen länger dabei helfen, Schicksalsgemeinschaften zu begleiten.

Was haben Sie nach all den Jahren für Ihr Leben gelernt?

Hartmut J.: Wir sind an jedem Abend dankbar, dass uns an diesem Tag nichts Schlimmes passiert ist.

Das Interview mit der Therapeuten-Familie Jatzko ist dem aktuellen stern entnommen:

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