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Tag gegen Gewalt an Frauen Er schlägt zu, sie bleibt: Warum Frauen an Gewaltbeziehungen festhalten

Ein Mann hält eine Frau an einer Schulter fest.
Viele Frauen bleiben trotz körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt bei ihrem Partner. 
© lolostock / Getty Images
Viele Frauen erleben Gewalt innerhalb ihrer Beziehung. Und viele Betroffene bleiben, obwohl es längst an der Zeit wäre, zu gehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. 

Jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt. 25 Prozent aller Frauen erleben entsprechende Übergriffe innerhalb ihrer Partnerschaft. Von psychischer Gewalt in Beziehungen sind sogar 42 Prozent der Frauen in Deutschland betroffen. Es sind Zahlen, die einen erschrecken lassen. Und trotzdem sind sie bittere Realität.

Noch erschreckender ist eigentlich nur die Tatsache, dass viele Frauen sich dafür entscheiden, in einer Gewaltbeziehung zu bleiben. Dabei möchte man ihnen doch am liebsten zurufen "Geh doch endlich und rette dich – und im Zweifel dein Leben". Ein Schritt, der vielen Betroffenen nicht leichtfällt. Dabei starben laut dem Bundeskriminalamt allein im Jahr 2021 mindestens 113 Frauen durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners.

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Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Trotzdem brauchen Frauen im Schnitt sieben Anläufe, um sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen, wie Andrea Brehm, Leiterin der Wiener Frauenhäuser, im Gespräch mit dem österreichischen Magazin "Moment" berichtet. Ein Grund dafür sei oft die Hoffnung auf Besserung: "An der Beziehung ist nicht alles schlecht. Es gibt Phasen der Gewalttätigkeit, aber auch welche, in denen sich die Männer wieder sehr bemühen."

Viele Männer tendieren dazu, nach einem Gewaltausbruch besonders aufmerksam und liebevoll zu ihrer Partnerin zu sein. Sie bereuen oft die Gewalttat und geloben Besserung – bis es zum nächsten Übergriff kommt. Dann geht das Spiel wieder von vorne los. Dieses Wechselspiel der Gefühle in Gewaltbeziehungen ist so verbreitet, dass es dafür sogar einen eigenen Begriff gibt: "Honeymoon-Phase".

Trennung als Risiko

"Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass missbräuchliche Beziehungen unglaublich komplex sind", sagt  Katie Ray Jones, Geschäftsführerin einer US-amerikanischen Hotline für Opfer von häuslicher Gewalt im Gespräch mit dem Online-Portal "Refinery29". Neben dem Festhalten an den positiven Seiten des gewalttätigen Partners spiele auch Angst eine große Rolle bei den betroffenen Frauen.

"Wir wissen anhand von Statistiken, dass eine Situation umso gefährlicher werden kann, wenn der Partner von den Plänen eines Opfers erfährt, eine körperlich oder emotional gewalttätige Beziehung hinter sich zu lassen", sagt sie. Und auch die Wienerin Brehm weiß aus Erfahrung: "Es ist ein Fakt, dass die Zeiten der Trennung die gefährlichsten für Frauen sind." Aus diesem Grund gibt es vor allem für die Übergangszeit Hilfsangebote wie Frauenhäuser und Beratungshotlines.

Viele Opfer von häuslicher Gewalt sind allerdings schon rein psychisch durch die missbräuchlichen Erfahrungen so beeinträchtigt, dass die Trennung für sie keine realistische Option darstellt. Gewalttätige Partner neigen mitunter dazu, ihrem Opfer Schuldgefühle einzureden – oft mit Erfolg. Denn: Sobald einem Menschen Gewalt widerfährt, leidet das Selbstwertgefühl darunter.

Wenn sich die Gewalt einschleicht

Frauen, die an Gewaltbeziehungen festhalten, haben deshalb in ihrer Vergangenheit häufig bereits entsprechende Erfahrungen gemacht, wie die Freiburger Frauenbeauftragte Simone Thomas im Gespräch mit dem "RedaktionsNetzwerk  Deutschland" sagt: "Oft sind es Frauen, die bereits in der Kindheit Übergriffe oder Missbrauch erlebt haben, die nicht so ein gutes Körperbewusstsein und Gefühl für sich selbst entwickelt haben." Grundsätzlich könne aber jeder in einer Gewaltbeziehung landen.

Ein Umstand, den viele Betroffene auch nicht auf Anhieb erkennen. Wer verliebt ist, der sieht gerne über kleine Verletzungen hinweg, vor allem bei psychischer Gewalt. Dabei kann jede Form von häuslicher Gewalt – sexuelle, körperliche und psychische – sich negativ auf das Wohlbefinden von Betroffenen auswirken. Einmal ist keinmal gilt in diesem Fall nicht. Jeder Übergriff innerhalb einer Liebesbeziehung ist einer zu viel.

Die Frauenbeauftragte nennt einige Beispiele für psychische Übergriffe: "Der Partner liest die eigene Post, will jedes Mal wissen, wo und mit wem man unterwegs war oder schnüffelt im Handy rum." Generell habe es einen missbräuchlichen Charakter, wenn der Partner die eigene Identität einschränke und kontrolliere – abgesehen von offensichtlichen körperlichen und sexuellen Angriffen.

Wege aus dem Teufelskreis

Abgesehen von den körperlichen Folgen wie Hämatome, Blutungen und Schmerzen leiden viele Betroffene an vielfältigen psychischen Symptomen, die nicht selten wiederum dazu führen, dass sie von ihrem gewalttätigen Partner abhängig werden. So gehören etwa Angstzustände, Depressionen und Essstörungen zu den häufigsten Folgeerkrankungen von häuslicher Gewalt. Oft sind die Frauen dadurch arbeitsunfähig. Daraus wiederum erwächst eine finanzielle Abhängigkeit ihrem Partner gegenüber.

Oft isolieren sich betroffene Frauen aus Scham und Schuldgefühlen auch von ihren Freunden und ihrer Familie. Dadurch stärken sie wiederum die Abhängigkeit von ihrem gewalttätigen Partner. Es ist ein Teufelskreis. Manchmal entwickeln die Opfer ein Stockholm-Syndrom, das auch bei Geiselopfern auftritt. Dabei wird die Bindung zum Täter intensiviert, um die Taten irgendwie rechtfertigen zu können.

Eine Gewaltbeziehung beginnt meistens so, wie andere Liebesbeziehungen auch: liebevoll und romantisch. Die Übergriffe schleichen sich in der Regel dann langsam ein – und die Toleranz bei den Betroffenen wächst mit jedem Mal, bei dem sie nicht gehen, sondern bleiben.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, gibt es am Ende nur einen Weg: Der Gewaltspirale ein Ende setzen. Denn wer einmal zuschlägt, tut das nicht selten auch ein zweites Mal. Und das ist kein Ausdruck leidenschaftlicher Liebe, kein legitimer Ausrutscher, sondern schlichtweg Gewalt. Und die sollte man niemals hinnehmen, auch nicht von einem Menschen, den man liebt.

Sie sind von häuslicher Gewalt betroffen? Hier finden Sie Hilfe:

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 – 116 016

Opfertelefon des Weißen Rings: 08000 – 116 006

Bundesweite Frauenhaussuche: https://www.frauenhaus-suche.de

Quellen: Bundesamt für Familie, Weißer Ring

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