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Gefährliche Annahme: Stress macht uns krank - aber nur, wenn man es glaubt

Stress ist schlecht, er macht uns anfälliger für Erkältungen und ist eine Bedrohung fürs Herz - solche Aussagen kennt jeder. Doch die neuere Forschung zeigt: Es täte uns gut, unsere Ansichten zu überdenken.

Von Lea Wolz

Eine Frau auf der Arbeit im Stress

Stress muss nicht immer schaden, es kommt auch darauf an, wie wir ihn betrachten.

Jetzt hat es also schon die Zucchini erwischt: Die Trockenheit und die Hitze in diesem Jahr sorgten bei dem Gemüse für puren Stress. Die Reaktion der Pflanze: Verbitterung. Genauer gesagt: die Produktion von Bitterstoffen. Die Kürbisgewächse waren ungenießbar. Stress, so scheint es, ist allgegenwärtig - und muss bekämpft werden. Die Regale von Supermärkten sind mit zahlreichen Produkten gefüllt, die Entspannung versprechen, vom Duschgel über den Tee bis hin zum Anti-Stress-, ja, auch das gibt es, Nagellack.

Dabei ist Stress gar nicht unser größter Feind. Die neuere Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild: Demnach ist es nicht unbedingt der Stress an sich, der uns schadet, sondern die Art, wie wir ihn betrachten.

"Jahrelang habe ich Menschen erzählt, dass Stress uns krank macht. Dass er das Risiko für vieles erhöhe - von der ganz gewöhnlichen Erkältung bis hin zu Herz-Kreislauf-Krankheiten", sagt die Gesundheitspsychologin Kelly McGonigal, die an der kalifornischen Stanford Universität unterrichtet, in einem viel gesehenen TED-Talk zum Thema. "Kurz gesagt: Ich habe Stress zu unserem Feind gemacht. Aber ich habe meine Ansicht verändert."

Der Anlass für die Veränderung, so McGonigal weiter, sei eine Studie gewesen, deren Erkenntnis sie schockierte - stellte sie doch alles infrage, was die Psychologin über Jahre hinweg gepredigt hatte. Für die Untersuchung begleiteten US-amerikanische Forscher knapp 30.000 Erwachsene  über einen Zeitraum von acht Jahren. Sie fragten sie zu Beginn unter anderem, wie viel Stress die Teilnehmer im letzten Jahr hatten und ob sie annahmen, dass dieser schlecht für sie sei. Am Ende der Studie schauten die Wissenschaftler in öffentlichen Sterberegistern nach, wer innerhalb des Zeitraums gestorben war.

Was man glaubt, bekommt man

Das Ergebnis: Wer im Jahr zuvor viel Stress erfahren hatte und annahm, dass sich Stress negativ auf die Gesundheit auswirkte, dessen Risiko für einen verfrühten Tod war um 43 Prozent - und damit deutlich -angestiegen. Wer dagegen "nur" stark gestresst war, aber nicht glaubte, dass dies gefährlich für die Gesundheit sei, wies ein geringes Sterberisiko auf. Dieses lag sogar noch niedriger als das der Menschen, die angegeben hatten, keinen oder kaum Stress zu haben. Allerdings zeigte sich dieser Zusammenhang vor allem bei starkem Stress.

Zwar ist durch die Art der Studie nicht belegbar, dass der starke Stress und der Glaube an sein schädliches Potenzial zum Tod geführt haben, das betonen auch die Forscher. Ginge man jedoch von einer Kausalität aus, könnten 20.000 Todesfälle in Amerika jährlich auf das Konto dieser gefährlichen Kombination gehen, errechneten sie. Im Jahr 2012 läge damit der Glaube, dass starker Stress schädlich ist, auf Platz 15 der häufigsten Todesursachen in den USA, so McGonigal in ihrem Vortrag.

Entscheidet also die Art, wie wir über Stress denken, darüber, ob er gesund für uns ist? "Ja", sagt Psychologin McGonigal, die ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat. Wenn man seine Ansichten über Stress verändert, kann man die Reaktion des eigenen Körpers auf Stress verändern.

Droht Gefahr, beginnt das Herz schneller zu pochen

Wie es sich anfühlt, wenn der Körper auf Stress reagiert, hat wohl jeder schon einmal erlebt: Unser Herz klopft schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung beschleunigt sich, die Muskel spannen an, unsere Hände werden feucht, wir kommen ins Schwitzen. In der Biologie wird das als Kampf-oder Flucht-Reaktion bezeichnet. Der Körper antwortet auf eine Bedrohung und fährt die Energie hoch: Wir können schnell flüchten oder energisch kämpfen.  

Dieser kurze Alarmzustand des Körpers hat durchaus seine Vorteile. Die Stressantwort kann sogar bewusst hervorgerufen werden, um die Aktivität des Immunsystems hochzufahren. Wer etwa vor einer Impfung seinen Körper durch moderaten Sport in einen stressähnlichen Zustand versetzt, sorgt dafür, dass die Immunantwort verstärkt wird und die Impfung besser wirkt, berichtet Firdaus Dhabhar, Neuroimmunologe und Professor für Psychiatrie an der Stanford Universität. Sein Team konnte auch zeigen: Patienten, die vor einer Operation leichtem Stress ausgesetzt waren, erholten sich im Anschluss schneller. Der Stress verbesserte die Wundheilung.   Kurzfristig, so die gängige Ansicht, ist die Kampf-oder Flucht-Reaktion des Körpers gut. Wird so eine Stressantwort allerdings chronisch, macht sie uns krank. Sie kann sich etwa auf die Blutgefäße auswirken: Diese verengen sich, das Risiko für einen Herzinfarkt steigt.

Unser Körper hilft uns

Stress = Gift. Und daher zu vermeiden. Für Kelly McGonigal ist diese Sichtweise allerdings viel zu beschränkt. Sie betont, dass es weit mehr Arten gibt, auf Stress zu reagieren, als die Kampf- oder Flucht-Reaktion. Ein anderer Blick auf Stress, auch länger anhaltenden, bewirke Erstaunliches.

Ein schneller pochendes Herz? Versetzt uns in Bereitschaft, Herausforderungen zu meistern! Eine beschleunigte Atmung? Liefert dem Gehirn mehr Sauerstoff! Ganz schön schlau, wie unser Körper für einen Energieschub sorgt und uns fit macht. Wer Stresssymptome so betrachtet, dessen Blutgefäße weiten sich sogar. Eine Reaktion, wie sie etwa in Momenten der Freude oder des Mutes beobachtet werden könne, sagt die Gesundheitspsychologin. "Wie man über Stress denkt, macht einen Unterschied." Ihr Ratschlag: Das nächste Mal, wenn das Herz klopft, sollte man sich daran erinnern, dass der eigene Körper uns dadurch dabei hilft, schwierige Situationen  zu meistern. Dann werde auch die Stressantwort gesünder. "Wir sind dann konzentriert, nicht ängstlich."

Stress lässt uns fürsorglicher werden

Und auch eine andere positive Reaktion auf Stress gerät vermehrt in den Blickwinkel der Forschung: Stress kann uns zu sozialen Wesen machen. Haben wir Stress, schüttet der Körper nicht nur Hormone wie Adrenalin aus, das unser Herz höher schlagen lässt, sondern auch Oxytocin. Dieses Hormon sorgt dafür, dass wir die Nähe zu anderen suchen. Es macht uns empathischer und hilfsbereiter gegenüber denen, die uns wichtig sind und führt dazu, dass die Angstzentren im Gehirn schweigen, das Belohnungszentrum hingegen anspringt und uns handlungsfähig, motiviert und zuversichtlich werden lässt. "In schwierigen Lebensphasen sorgt unsere Stressantwort dafür, dass wir von Menschen umgeben sind, die uns mögen und sich um uns kümmern", sagt McGonigal. 

Dabei wirke sich Oxytocin nicht nur auf das Gehirn aus, sondern auch auf den Körper, so die Psychologin. Es hemmt entzündliche Prozesse und schützt die Gefäße. Auch Herzzellen hilft es dabei, sich von Stressschäden wieder zu erholen. Das Gute: Je mehr soziale Unterstützung wir in stressigen Situationen suchen oder geben, desto mehr Oxytocin werde ausgeschüttet. Unsere Stressreaktion wird gesünder, der Körper wappnet sich gegen den schädlichen Stress, wir erholen uns schneller. Besonders Frauen tendieren dazu, Stress durch Knüpfen von sozialen Bindungen zu begegnen, haben Forscher beobachtet. Aber auch Männer zeigen diese Art, auf Stress zu reagieren.

Es sind also auch menschliche Verbindungen, die uns resilienter gegenüber stressigen Erlebnissen machen. Kurz gesagt: Wer in turbulenten Zeiten anderen hilft, hilft sich selbst.

Das zeigte auch eine Studie aus dem Jahr 2013. Dafür befragten der Psychologe Michael J. Poulin von der Universität Buffalo im US-Bundesstaat New York und sein Team gut 800 Menschen, wie viel Stress sie im vergangenen Jahr hatten und wie viel Zeit sie damit verbracht hatten, anderen zu helfen. Nach fünf Jahren werteten sie Sterberegister aus und schauten, wer gestorben war. Das Ergebnis: Größere Stresserlebnisse - etwa der Tod eines Familienmitglieds oder der Verlust des Jobs - erhöhten das Sterberisiko um 30 Prozent. Doch bei denjenigen, die sich um andere kümmerten, zeigte sich dieser Anstieg nicht.

"Ein bedeutungsvolles Leben ist auch ein stressiges"

Die Studie verdeutlicht auch: Stress gehört zum Leben - der Verlust des Jobs, Probleme in der Partnerschaft, der Tod der Eltern oder einfach nur Neues, das wir lernen müssen -  schwierige Situationen ereilen jeden einmal. Sie vermeiden zu wollen, ist wenig sinnvoll. Eine solche ängstliche Reaktion kann uns in die Passivität treiben - statt uns anzuspornen und an den Herausforderungen zu wachsen.


"Stress ist auch ein Zeichen dafür, dass etwas Bedeutung für uns hat", betont McGonigal. Guter Stress fordert uns und verleiht dem Leben damit Sinn. Hilfreich ist es auch, sich in stressigen Zeiten an die Werte zu erinnern, die uns wichtig sind. Liebe und Freundschaft zum Beispiel. Wollen wir mehr Zeit mit anderen Menschen verbringen? Oder doch noch einmal aus dem eintönigen Job ausbrechen und etwas anderes lernen? Was erfüllt uns mit Sinn? Darüber nachzudenken hilft dabei, den eigenen Kompass auszurichten. "Die Veränderungen, die für uns am bedeutsamsten in unserem Leben sind, kommen mit ein paar dunklen Nächten", ist McGonigal überzeugt. "Ein sinnvolles Leben ist auch ein stressiges." 

Natürlich könne Stress uns auch schaden. Traumata etwa oder existenzielle Armut lassen sich nicht einfach schönreden. Doch welche Dosis für jemanden ungesund ist, lässt sich pauschal nicht sagen. Gefährlich werde es immer dann, wenn wir uns "Stress hilflos ausgeliefert fühlen, er sinnlos ist und uns von anderen isoliert", sagt McGonigal.

Diesen schädlichen Effekten von Stress stehen wir aber eben nicht machtlos gegenüber, betont sie. "Wie wir denken und wie wir handeln, kann die Art, wie wir Stress erfahren, verwandeln." Wer Stress - und die Reaktion des Körpers darauf - als hilfreich betrachte, schaffe die biologischen Grundlagen für Mut. Und wer in stressigen Zeiten die Nähe zu anderen suche, stärke seine Widerstandkraft.

"Ich würde nicht unbedingt um mehr stressige Erfahrungen in meinem Leben bitten", sagt die Psychologin. "Aber ich wertschätze diese nun deutlich mehr."