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Pandemie Reinfektion: Warum man sich mehrfach mit Corona infizieren kann

Positiver Corona-Test
Seit Beginn der Pandemie gab es mehr als 804.000 Reinfektionen in England.
© Ladanifer/Getty Images
Mit der Omikron-Variante infizieren sich immer mehr Menschen in Deutschland. Manche hatten sogar schon zweimal eine Corona-Infektion. Doch wie groß ist die Gefahr für diese sogenannte Reinfektion?

Seit Omikron sich in Deutschland immer mehr verbreitet, stecken sich jeden Tag Zehntausende Menschen mit dem Coronavirus an. Immer mehr sind genesen. Viele gehen davon aus, dass sie dadurch vor einer erneuten Infektion, einer sogenannten Reinfektion, geschützt sind. Doch so einfach ist das nicht. Es ist möglich, sich nach überstandener Corona-Infektion wieder zu infizieren. Doch warum ist das so? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Wie groß ist die Gefahr einer erneuten Corona-Infektion?

Ob man sich nach einer überstandenen Erkrankung mit Sars-CoV-2 erneut infiziert, ist von mehreren Faktoren abhängig. Zum Beispiel von Vorerkrankungen, dem Alter, erfolgten Corona-Impfungen und dem eigenen Immunstatus. Außerdem sehen Wissenschaftler:innen inzwischen einen gewissen Zusammenhang zwischen einer erneuten Covid-19-Infektion und dem Krankheitsverlauf. Bei milden oder asymptomatischen Verläufen einer Corona-Infektion werden oft nur wenige Antikörper gebildet oder die Antikörperkonzentration nimmt sehr rasch wieder ab, schildert Prof. Martina Prelog. Sie ist Immunologin und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin vom Universitätsklinikum Würzburg.

Martina Prelog
Martina Prelog ist Immunologin und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin vom Universitätsklinikum Würzburg.
© privat

Im Immunsystem sind die B-Zellen dafür zuständig, Antikörper herzustellen. Um besonders gute Antikörper zu produzieren, ist Zeit ein Faktor für das Immunsystem. Bei milden Verläufen bleiben so wenige Viruspartikel im Körper übrig, dass das Immunsystem keine Zeit hat, sich ausreichend damit auseinanderzusetzen. Die Antikörperzahl sinkt dann auch rasch ab. Deshalb sind Reinfektionen bei niedrigen Antikörperwerten auch wahrscheinlicher. "Besteht mehr Zeit für die Ausreifung können die B-Zellen ausgewählt werden, die die besten Antikörper herstellen. Man nennt das Aviditätsreifung. Diese Antikörper binden sich besonders gut an Viren und können sogar gegen neue Virusvarianten von Sars-CoV-2 gut schützen", sagt die Immunologin.

Ein weiterer Punkt: "Eine hohe Konzentration von Antikörpern steht auch im Zusammenhang mit der Höhe der neutralisierenden Antikörper. Solche Antikörper binden sich auf ganz bestimmte Weise an ein Virus-Oberflächenmolekül, das das Coronavirus braucht, um überhaupt in die Zellen eindringen zu können. So verhindern die Antikörper, dass die Viren Zellen effizient infizieren", erklärt Martina Prelog.

Eine hohe Antikörperzahl schützt also vor Reinfektionen?

Neben den B-Zellen sind T-Zellen eine weitere wichtige Säule in der Immunabwehr. Zytotoxische T-Zellen spüren vom Coronavirus befallene Zellen auf, um sie zu zerstören und weitere Virusausbreitungen im Körper zu verhindern. Helfer-T-Zellen unterstützen die Antikörper-bildenden B-Zellen und das angeborene Immunsystem dabei, das Virus zu eliminieren. Die Immunologin sagt: "Auch bei Personen mit milden Verläufen, die keine hohe Antikörperkonzentration hatten, konnten wir eine sehr gute T-Zellen-Antwort gegen Sars-CoV-2 beobachten. Sie können dadurch gut vor schweren Infektionen mit Covid-19 geschützt sein." Heißt: Ob Personen, die einen milden Verlauf hatten, eher eine Reinfektion bekommen können, hänge nicht nur von den Antikörperkonzentrationen ab, sondern auch von den T-Zellen, die meistens bei Menschen mit einem fitten Immunsystem gut genug sind, um die Person nicht schwer erkranken zu lassen, fasst Prelog zusammen.

Wie oft kommt es zu Reinfektionen?

Im Bericht der UK Health Security Agency von Ende März heißt es, dass es seit Beginn der Pandemie mehr als 804.000 Reinfektionen in England gab. Reinfektionen werden dabei definiert als zwei positive Corona-Tests im Abstand von mindestens 90 Tagen. Das Robert Koch-Institut erhebt keine Meldedaten über Reinfektionen, wie es auf Nachfrage des stern mitteilt.

Wenn ich schon mal in den letzten Monaten mit Omikron infiziert war, kann ich mich noch mal mit der gleichen oder einer neuen Omikron-Variante anstecken?

Wer sich in den letzten Monaten mit Omikron infiziert hat, kann sich noch mal mit der gleichen Variante infizieren. Derzeit werden auch Reinfektionen durch die Omikron-Untervariante BA.2 nach einer Infektion mit der Untervariante BA.1 beobachtet, sagt Prelog. In einem dänischen Preprint haben Forschende 1,8 Millionen Covid-Fälle untersucht. Genomsequenzierungen bestätigten eine Reinfektion mit BA.2 nach zurückliegender BA.1-Infektion in 47 Fällen. Vor allem jüngere, ungeimpfte Personen könnte eine erneute Infektion mit BA.2 nach einer Infektion mit der Untervariante BA.1 treffen, heißt es in der Studie.

Welchen Schutz bieten Impfung oder Genesung?

Für Ungeimpfte ist die Wahrscheinlichkeit, sich erneut zu infizieren, laut einer Studie aus den USA mehr als doppelt so hoch wie für Genesene, die zusätzlich vollständig geimpft sind.

Über zwei Jahre hinweg haben Forschende die Immunität Geimpfter und Genesener verfolgt. Auch Martina Prelog hat an dieser Studie mitgearbeitet. Das zentrale Ergebnis: Das Immunsystem muss drei Mal mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen sein – zum Beispiel durch Impfung und/oder Infektion – um einen guten Schutz aufzubauen. Vor Covid-19 geschützt zu sein, bedeute Schutz vor einer schweren Infektion mit allen individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen (Long Covid, Folgeerkrankungen, Komplikationen, Tod, Überlastung des Gesundheitssystems, Arbeitsausfälle usw.), sagt Prelog. "Es gibt Hinweise, dass eine "Hybrid-Immunität", also idealerweise infiziert und danach zwei Mal geimpft (aber auch umgekehrt möglich), die beste Immunantwort erzeugt. Doch die dreifache Impfung steht in der Höhe der Antikörper der Hybrid-Immunität um nichts nach." Im Gegensatz zu einer Impfung sei eine Infektion aber nicht berechenbar und ihre Auswirkung weniger gut abschätzbar, weshalb sie vermieden werden sollte.

Die Immunologin betont, dass es für die Immunität eine große Bedeutung hat, dass das Immunsystem genug Zeit hat, um die B-Zellen auswählen zu können, die die besten Antikörper produzieren. Der Antikörperschutz halte dabei bei Menschen mit einem intakten Immunsystem mindestens sechs Monate an. "Für einen langfristigen Schutz vor Sars-CoV-2 ist relevant, dass langlebige Plasmazellen entstehen, die Antikörper gegen Sars-CoV-2 bilden. Diese würden uns auch über Jahre hinweg und am besten lebenslang mit schützenden Antikörpern versorgen. Hierzu laufen gerade Langzeituntersuchungen, ob dies auch bei Sars-CoV-2 der Fall ist", erklärt Prelog.

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Verläuft erneute Corona-Infektion in der Regel milder?

Bei Menschen mit einem gesunden Immunsystem fällt eine wiederholte Infektion mit Covid-19 in der Regel milder aus. Das sei aber abhängig von der Variante und dem Zeitpunkt der Reinfektion. "Der mittlere Schutz gegen eine Reinfektion innerhalb von sechs Monaten nach einer durchgemachten Sars-CoV-2-Infektion (mit Alpha oder Delta) sank durch Omikron von 85 Prozent auf 0 bis 27 Prozent, wie Zahlen aus England zeigen. Allerdings schützen die aufgebauten T-Zellen meist gegen schwerere Verläufe, aber eben nicht gegen eine Infektion", berichtet Prelog. Die Datenlage zur Schwere von Reinfektionen sei sehr durchmischt, weil viele Personen mittlerweile geimpft sind und auch durch die Impfung die Immunität besser ist und die Infektionen dadurch milder verlaufen.

Welche Rolle spielt die Omikron-Variante bei Reinfektionen?

Omikron erzeugt eine nicht so starke Immunität wie Delta, wie aus Studien vermutet wird. Insbesondere nach milden oder asymptomatischen Omikron-Verläufen, sagt Immunologin Martina Prelog. Seit die Omikron-Variante aufgetaucht ist, kommt es zu sehr viel mehr Reinfektionen. Das verdeutlichen Zahlen aus Großbritannien: Das Risiko einer Reinfektion war im Zeitraum, als Omikron vorherrschte (20. Dezember bis 20. März 2022) etwa zehn Mal höher als im Zeitraum, als die Delta-Variante vorherrschend war (17. Mai bis 19. Dezember 2021), heißt es von der Statistikbehörde in Großbritannien (Office for National Statistics). Ein ähnliches Bild zeichnet auch eine Studie, die auf Daten aus Katar beruht. Eine vorausgegangene Infektion schütze nur zu 56 Prozent vor einer Reinfektion mit Omikron. Zum Vergleich: Bei der Delta-Variante sind es 92 Prozent.

Quellen: Studie Immunität Geimpfter und Genesener, Studie Katar,Preprint Dänemark, Office for National Statistics, Bericht UK Health Security Agency, Studie aus den USA

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