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Hexenschuss: Paracetamol hilft nicht besser als Placebo-Pillen

Menschen mit akuten Kreuzleiden verschreiben Ärzte meist Paracetamol. Doch eine neue Studie zeigt: Das Mittel wirkt gar nicht - zumindest nicht besser als Pillen, die keinen Wirkstoff enthalten.

Von Lydia Klöckner

Gegen Hexenschuss helfen Paracetamol nicht besser als Placebo-Tabletten.

Gegen Hexenschuss helfen Paracetamol nicht besser als Placebo-Tabletten.

Bücken, Krrrrrrrrrcks, "AUUAHH!" - Ein Hexenschuss kommt meist plötzlich und tut höllisch weh. Leider verschwindet das Stechen im Kreuz deutlich langsamer als es gekommen ist. Um die Schmerzen erträglicher zu machen, verschreiben Ärzte meist Paracetamol: Es wird nicht nur hierzulande von der deutschen "Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz", sondern auch in den meisten anderen Ländern als zuverlässigstes Schmerzmedikament empfohlen. Laut einer neuen Studie lindert die Arznei Beschwerden im unteren Rücken allerdings nicht wirksamer als Placebo-Tabletten.

Für die Studie teilten der Physiotherapeut Christopher Williams von der Universität Sidney und sein Team rund 1650 Erwachsene, die einen Hexenschuss erlitten hatten, nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein: Einigen verabreichten sie täglich rund 4000 Milligramm Paracetamol, den anderen gaben sie wirkstofffreie Tabletten, also Placebos. Zusätzlich erhielten alle Patienten ärztliche Beratung und Unterstützung.

Die Probanden sollten die Pillen so lange einnehmen, bis es ihrem Rücken wieder gut ging, aber nicht länger als vier Wochen. Begleitend führten sie ein "Rückentagebuch", in das sie unter anderem den Schweregrad ihrer Schmerzen eintrugen. Zudem baten die Wissenschaftler sie, mithilfe von Fragebögen Auskunft über ihren Schlaf und ihre allgemeine Lebensqualität zu geben. Die Auswertung ergab: Wer Paracetamol bekommen hatte, erholte sich im Mittel nach 17 Tagen - in der Placebogruppe war die mittlere Genesungsdauer sogar einen Tag kürzer. Auch was die unmittelbare Wirkung betraf, unterschieden sich die Pillen kaum: In der ersten Woche ging es beiden Patientengruppen etwa gleich schlecht. Auf die Schlaf und Lebensqualität hatten weder Paracetamol, noch das Placebo einen nennenswerten Einfluss.

"Wir müssen die allgemeine Empfehlung, Paracetamol als erste Behandlungsoption bei akuten Kreuzschmerzen zu verordnen, neu überdenken", folgert der Mediziner Williams aus den Ergebnissen. "Einfache Schmerzmittel wie Paracetamol scheinen in der Behandlung von Kreuzschmerzen nicht die wichtigste Behandlungsoption zu sein." Auch Bart Koes und Wendy Enthoven vom Erasmus Medical Center in Rotterdam schreiben in einem Begleitkommentar zur Studie: "Diese Erkenntnisse könnten den Umgang mit Patienten, die unter Kreuzschmerzen leiden, bedeutend beeinflussen." Zuvor müssten die Ergebnisse aber noch durch weitere Studien bestätigt werden.

Hexenschuss ist schmerzhaft, aber meist harmlos

Ob die deutsche Leitlinie angesichts der neuen Erkenntnisse geändert wird, ist unklar. Wenn neue Literatur publiziert wird, die für die Leitlinie relevant sein könnte, wird diese in der Regel erst einmal von den Autoren und Fachgesellschaften überprüft, die sie herausgegeben haben. Sie entscheiden dann gemeinsam, ob eine Überarbeitung sinnvoll und notwendig ist.

Die Alternative zu Paracetamol sind sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika wie etwa Iburofen. Ihnen wird zwar eine deutlich stärkere entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben als Paracetamol - gegen Kreuzschmerzen helfen sie einer großen Überblicksstudie zufolge aber auch nicht besser als Paracetamol. Zudem scheinen sie mehr Nebenwirkungen haben.

Da der Hexenschuss nur selten gefährlich ist, raten Ärzte vor allem zu Geduld: "Die Beschwerden bei akuten nichtspezifischen Kreuzschmerzen bessern sich in der Regel nach kurzer Zeit von allein", heißt es in einer Patientenbroschüre der Bundesärztekammer zum Thema Kreuzschmerz.

Woran Sie einen Hexenschuss erkennen und was Sie noch dagegen tun können, erfahren Sie auch in unserem Ratgeber zum Thema Rücken.

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